Birrificio Ticinese SA
Stabio
CHE

Ein Goldkörnchen – obwohl es auf den ersten Blick nicht so aussieht.

In einem Industriegebiet am Rande der kleinen Stadt Stabio im Süden der Schweiz steht ein unauffälliger Wegweiser, der in Richtung einer der vielen grauen Hallen zeigt: Birrificio Ticinese SA. Kein Restaurant, keine bunten Schilder, nur der Text. „Aha, eine Industriebrauerei also, naja!“, schießt es mir nicht ganz vorurteilsfrei durch den Kopf, und das Schild Birra San Martino an der Halle selbst scheint den Eindruck noch zu bestätigen.

Weit gefehlt! Hinter dem großen, grauen Rolltor befindet sich stattdessen eine kleine, experimentierfreudige Handwerksbrauerei mit einem riesigen Angebot an unterschiedlichen Bieren, das wir so nicht erwartet hätten.

Wir betreten die Halle und sehen in der Ecke ein paar junge Leute beim Zahlen und noch in einer kurzen Unterhaltung vertieft. Vorsichtig fragen wir auf Englisch und Deutsch, ob wir hier direkt Bier kaufen können. Die Reaktion ist zunächst entmutigend – Solo italiano, bedeutet uns der nicht unfreundlich wirkende junge Verkäufer (oder war es der Brauer?) achselzuckend, nur Italienisch! Oh, je!

Wir versuchen also radebrechend, ihm klar zu machen, dass wir gerne von jeder der angebotenen Biersorten je eine Flasche kaufen wollen würden. Er scheint zu verstehen, und als einer der beiden Kunden, die gerade gezahlt hatten, hilft, zu übersetzen, kommen wir auch rasch zur Sache.

Wir hätten uns einen schlechten Zeitpunkt ausgesucht, meint der Verkäufer sinngemäß, er habe gerade gar nicht so viele verschiedene Sachen da! Spricht’s, schnappt sich einen kleinen Karton und nimmt uns mit in die Lagerhalle. Hier hätte er noch etwas, und dort. Dies sei ein Helles, das ein IPA, dieses ein Dunkles und jenes ein Weizen. Im Nu hat er zehn verschiedene Flaschen in den Karton gepackt, schnappt eine große 0,75-l-Flasche und fragt: „Diese hier ist mit 12.- SFR etwas teurer. Trotzdem?“

„Nur zu!“, bedeuten wir ihm, und das Spiel wiederholt sich mit einer anderen Spezialität noch einmal.

Nun denn, dreizehn verschiedene Biere haben wir schließlich im Karton – „Leider nicht so viele!“ Staunend und zweifelnd fragen wir nach und hören, dass die kleine Brauerei bis zu dreißig verschiedene Spezialitäten produziert. „Hier ist der Kühlraum mit dem Hopfen“ sagt der junge Mann und öffnet eine riesige Schiebetür. Große Aluminiumbeutel mit Nelson Sauvin, Moteca, Cascade, Pacific Jade, Chinook, Mosaic… Mir gehen die Augen über…

Miniatur„Und hier wird gebraut, gelagert und auf Flaschen gefüllt!“ schiebt der junge Mann uns alle in die nächste Halle, marschiert an Gär- und Lagertanks vorbei bis zu einer schätzungsweise zehn Hektoliter großen Brauerei. „Hier machen wir jetzt ein Erinnerungsfoto!“

„Jetzt probiert Ihr mal mein White IPA!“, heißt es als Nächstes, keine Widerrede zulassend, und wir gehen zurück in den Eingangsbereich, wo er uns ein herrlich frisches und wunderbar hopfenaromatisches Bier zapft. Und als wir alle, meine Frau und ich wie auch die anderen beiden Kunden das Bier überschwänglich loben (und das mit Recht!), ist das wohl das Signal, dass wir wirklich etwas von Bier verstünden, und der Verkäufer holt nun aus dem Lager eine zwar winzige, aber offensichtlich ganz besondere Flasche Bier: Von diesem Bier gebe es nur ganz wenige Flaschen. Es sei in einem alten Whiskyfass für über sechzehn Monate gereift, habe 12,5 % Alkohol und hätte einen Geschmack, also, der sei nicht zu übertreffen. „Hier, probiert mal!“

Zisch macht es, und die kostbare Flasche ist offen. Jeder bekommt einen winzigen Schluck, etwas unprätentiös aus einem Plastikbecher, aber es schmeckt trotzdem wunderbar. Eine Offenbarung, ein echtes Fünf-Sterne-Bier: Leichte Säure, Holz- und Vanillenoten, wärmender Alkohol, komplexe, fruchtige Aromen – ein Gedicht.

Bei dieser völlig spontanen und ungeplanten Bierprobe vergeht die Zeit wie im Flug, und plötzlich schallt es von draußen: „Es ist siebzehn Uhr! Wir machen jetzt Feierabend!“ Ein Kollege des Verkäufers fährt auf dem Gabelstapler in die Halle, stellt eine Palette mit leeren Flaschen in die Ecke und beendet unsere Verkostung. Schnell zahlen und die Kartons vorsichtig im Auto verstauen.

Beeindruckt von dieser interessanten Brauereiführung, der Gastfreundschaft, dem freundlichen Fachsimpeln in drei Sprachen und nicht zuletzt von dreizehn neuen Biere zu einem fairen Preis steigen wir an diesem wunderbaren Nachmittag des 9. September 2013 wieder ins Auto und fahren weiter.

Die kleine Brauerei hat keine offiziellen Öffnungszeiten, bietet aber den Rampenverkauf sowie Bierverkostungen nach telefonischer Absprache an. Zu erreichen ist sie durch die Lage im Industriegebiet außerhalb des Orts am besten mit dem Auto.

Nachtrag 26. Januar 2016: Wie ich heute erfahren musste, ist die nette, kleine Brauerei aufgrund ihrer Exportabhängigkeit dem extrem ungünstigen Wechselkurs zwischen Schweizer Franken und Euro zum Opfer gefallen. Wirklich schade. Experimentelle Biere, ein originelles Konzept und Mut zum Neuen haben nicht gereicht, um gegen die wirtschaftlichen Schwierigkeiten anzukämpfen. Auch wenn in der Quelle, aus der ich diese Information getreu dem Motto „Die Hoffnung stirbt zuletzt!“ darauf hingewiesen wird, dass sich eventuell ein neuer Investor finden wird, ist dies trotzdem eine schlechte Nachricht.

Bilder

Birrificio Ticinese SA
Via Vite 5
6855 Stabio
Schweiz

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