anonym
Der Bier-Komment

Miniatur (1)… eine kleine, sonntägliche Frühstücksphilosophie …

Oha! Der erste Gedanke, der mir durch den Kopf geht, als ich dieses Büchlein in die Hand nehme: Da gibt man sich jahrelang so viel Mühe, den Mitmenschen zu erklären, dass Bier ein Genussmittel ist, und nicht nur dafür gedacht, in möglichst großen Mengen in möglichst kurzer Zeit durch die Kehle zu rauschen und weich in der Birne zu machen. Jedenfalls meistens, denn Kirchweih-, Schützen- und Oktoberfeste wird es immer geben…

Und dann bekommt man – Du bist doch Bierliebhaber, das wird Dir sicher gefallen! – ein Büchlein geschenkt, das das Brüllsaufen kodifiziert. Oh, je!

Bereits im Vorwort ist ausführlich von Trinkvermögen, Trinkfestigkeit, Trinkfreudigkeit die Rede, vom Genuss jedoch kein einziges Wort. Und auf fast fünfzig Seiten folgen dann detaillierte Regelungen, wie im studentischen Konvent das Bier zu trinken, nein, zu saufen ist. Die Menge macht’s. Ob Sauerbier oder nicht, ob frisch oder abgestanden – kein Wort zur Qualität, nur zur Quantität.

Fein ausformulierte Regelungen galten damals bei den Studentenverbindungen, und ich befürchte, auch heute noch gibt es Bruderschaften, die sich vergleichbar verhalten. Mühsam muss man sich seinen gesellschaftlichen Status, seinen Rang in der Bruderschaft ersaufen und sich mehr oder weniger menschenunwürdigen Ritualen unterwerfen, die nur für den nicht peinlich sind, der im Suff und unter Seinesgleichen große Reden schwingt.

Nein, danke, nichts für mich. Ein Büchlein, das ob seines winzigen Formats in die kleinste Hosentasche passt und dann bei passender Gelegenheit hervorgezogen werden könnte, um eine gemütliche Runde, in der das Bier genossen wird, in ein alkoholisiertes Durcheinander zu verwandeln. Und ich befürchte, dass es den einen oder anderen geben könnte, der genau das versucht.

Miniatur (2)Natürlich mag es ganz witzig sein, die sonderbaren Regelungen einmal zu überfliegen, zu lernen, wie man in den Bierverschiss gerät und wie man sich aus ihm wieder befreit, wie man einen Salamander reibt und durch einen solchen vielleicht auch einmal geehrt wird, aber allein schon die Schilderungen, in welchem Maße man verpflichtet werden kann, größere und richtig große Mengen Biers in knapper Zeit zu leeren, ohne Rücksicht auf Konsequenzen… Nein, wirklich nicht.

Analysiert man den Bier-Komment, wie er sich in regional unterschiedlichen Formen im neunzehnten Jahrhundert und davor entwickelt hat, so mag man vielleicht im Zuge der Recherchen auf Argumentationen stoßen wie diese: Ohne ein solches Regularium, ohne einen verbindlichen Komment, würde in den Bierkellern unserer Universitätsstädte regellos und völlig willkürlich durcheinander gesoffen, die jungen Studenten hätten keine Vorbilder, keine Leitlinien, keine Verhaltensmaßregeln, und in bedauernswertem, daueralkoholisiertem Zustand würden sie ihre kostbaren Jugendjahre verschwenden, die Gelder ihrer Eltern vertrinken, die Examen nicht bestehen und am Ende in der Gosse landen. Nur das ritualisierte Trinken vermag ungezügelten Exzessen vorzubeugen und Strukturen in das studentische Leben, in die studentische Gemeinschaft hinein zu bringen.

Was man aber in keiner dieser Quellen findet, ist eine sachliche Analyse dessen, was denn die ritualisierten Exzesse von den spontanen, ungesteuerten so positiv abhebt – ganz im Gegenteil, man findet Erzählungen und Geschichten von jungen Menschen, die, vom Konvent getrieben, vom Bier-Komment reguliert, der Trunksucht anheimfielen, den gesellschaftlichen Halt verloren, Haus und Hof vertranken und elendiglich zugrunde gingen.

Nein, auch ich habe während meiner Universitätsjahre viel getrunken, manchmal auch zu viel, gelegentlich sogar viel zu viel, aber glücklicherweise nie unter formalem Zwang, sondern aus dem Genuss geboren und der fröhlichen Atmosphäre geschuldet. Und das ist es doch, was mir Bier bedeutet: Genuss, und dieser am besten in einer angenehmen, fröhlichen Atmosphäre.

Und so sei mir hoffentlich verziehen, dass aus diesem Text, der eigentlich eine kleine Buchrezension werden sollte, ein Plädoyer für genussorientiertes Trinken geworden ist. Eine Absage an Quantität und ein Appell an Qualität und Genuss.

Und unter diesem Motto, Qualität und Genuss, werde ich in ein paar Stunden einen kleinen sonntäglichen Frühschoppen zu mir nehmen – in kleiner Runde, in entspannter Stimmung, und vor allem: In kleiner Menge.

Anonym
Der Bier-Komment
Sachsenbuch Verlagsgesellschaft mbH
Leipzig 1996
ISBN 3-910148-99-9

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.