Scheärmull-Bräu UG
Roetgen
DEU

Beim Scheärmull-Bräu ist die wichtigste Frage immer die, was denn Scheärmull zu bedeuten habe. Noch vor der Frage, was für Bier es gibt, um was für eine Brauerei es sich handelt, oder was es zu essen gibt – zunächst scheint immer die Neugier ob des seltsamen Brauereinamens zu obsiegen.

Entsprechend routiniert reagiert Brauer Rolf Schermuly denn auch auf diese Frage und drückt dem Besucher wortlos die Speisekarte in die Hand, in der gleich auf der ersten Seite der Sachverhalt geklärt wird. Und tatsächlich, auch hier heißt es: „Bevor wir die entscheidenden Fragen ‚Wat jibt et?‘ und ‚Wat kostet dat?‘ beantworten, vorab Antwort auf die Frage ‚Scheärmull – wat is dat?‘“ Rolf Schermuly kennt also seine Pappenheimer, sprich Gäste, und beim Weiterlesen kommt das Aha-Erlebnis. Scheärmull war in früheren Zeiten in der Region um Aachen ein süßes Brötchen, das es nur an Gründonnerstag und Karfreitag gab, und nach dem Schermuly ob der Namensähnlichkeit schon in Kindertagen den Spitznamen Scheärmull weg hatte.

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der Eingangsbereich zur Schankstube

Scheärmull-Bräu also – eine noch junge Gasthausbrauerei, die erst 2012 eröffnet hat. Schermuly, seit vielen Jahren Hobbybrauer, nutzte die Übergangsphase aus dem Berufsleben in das Rentnerdasein in Form von Altersteilzeit und realisierte sich in dieser Übergangsphase seinen Traum von einer eigenen Brauerei. Eine elegante Edelstahlanlage mit sechseinhalb Hektolitern Sudlänge steht im hinteren Raum des Gasthauses Brander Stübchen, blitzblank, sehr zweckmäßig, nur der Eintauch-Würzekühler irritiert etwas – ist er nicht ein wenig ineffizient für eine kommerzielle Brauerei? Aber mit kurzer Erwähnung einer 20.000-l-Regenwasser-Zisterne wischt Schermuly alle Zweifel weg – billiges Wasser zum Kühlen ist genug da.

Neben der großen Anlage steht auf einem Regal ein kleiner Bruder – eine Hobbybrau-Anlage für 15 oder 20 Liter Bier. Edelstahl auch hier, und ein Rührwerk, das in einem Plexiglasdeckel verankert ist. „Hier braue ich parallel zum großen Sud kleine Experimentalsude und probiere neue Rezepte aus!“

Allzu experimentierfreudig darf Schermuly bei seinen kommerziellen Suden aber nicht sein – die Kundschaft ist zwar neugierig und offen gegenüber neuen Geschmäckern, aber zu exotisch darf es auch nicht sein. Der Umsatz muss schließlich stimmen, das Bier muss laufen. Sorten, bei denen der Gast nach zwei Gläsern bereits genug hat, lassen eine Kleinstbrauerei nicht lange überleben.

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Blick ins Sudhaus

Mit den beiden Hauptsorten – Blond und Braun – braucht sich Schermuly diese Sorgen nicht machen, beide Biere laufen ausgezeichnet. Während meines Besuchs am 15. Februar 2014 hat mir das Blonde zwar recht gut geschmeckt, aber ich bildete mir auch ein, einen leichten, oxidierten Fehlgeschmack zu identifizieren. Das Braune hingegen war wirklich ausgezeichnet. Nur mit einem Hauch Karamell, dafür aber mit einer frischen, unaufdringlichen Röstigkeit war es sehr süffig. Und damit gefährlich, denn mit 6,3 % Alkohol gehört es zu den stärkeren seiner Zunft – man merkt die Nähe zur belgischen Grenze, zum Land der starken Biere.

Bei ein, zwei, vielen braunen Bieren erzählte Schermuly noch viel von seinem Traum der eigenen Brauerei, vom Kampf mit den Behörden, von seinen behinderten Mitarbeitern, die er in vollem Umfang erfolgreich in seinen kleinen Betrieb integriert („Inklusion“, wie es offiziell heißt) – eine kleine Fortsetzung seines eigentlichen Berufs, den er bis zu seiner Rente ausgeübt hat: pädagogischer Leiter im ABK-Hilfswerk.

Ein lehrreicher, fröhlicher und leckerer Brauereibesuch – und hätte ich nicht aus Versehen das Programmrad an meiner Kamera verdreht, hätte ich ihn auch in Farbe dokumentiert. Aber auch die klassischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen lassen die Edelstahlbrauerei gut zur Geltung kommen.

Die Scheärmull-Bräu UG ist von Mittwoch bis Sonntag ab 17:00 Uhr geöffnet, warme Küche gibt es ab 18:00 Uhr. Das Haus verfügt über einen eigenen Parkplatz. Neben dem selbstgebrauten Bier gibt es deftige und preiswerte Küche.

Nachtrag 28. Februar 2016: „Im Scheärmull-Bräu ist das letzte Bier gezapft“ meldet die Aachener Zeitung in ihrer heutigen Ausgabe. Rolf Schermuly sei die Arbeit mit der Wirtschaft und der kleinen Brauerei zu viel geworden, heißt es. Der Erfolg sei zu groß gewesen, immer mehr Gäste seien wegen des leckeren Essens und der guten selbstgebrauten Biere gekommen, und was als ruhige Ergänzung des Frührentnerlebens gedacht war, sei zu einem stressigen Vollzeitgeschäft geworden, das die Kräfte Schermulys und seiner Partnerin überstiegen hat. Schade für die Gäste, denn es kommt sicherlich nicht oft vor, dass eine Kleinbrauerei Opfer ihres Erfolgs wird…

Bilder

Scheärmull-Bräu UG
Wilhelmstraße 23
52 159 Roetgen
Nordrhein Westfalen
Deutschland

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