Reinhard Jarczok (Red.)
Bier selber brauen

Miniatur (1)Wenn man durch einen Supermarkt läuft und auf den Grabbeltischen in der Bücherecke ein kleines Bändchen sieht, Bier selber brauen, und dieses dann auch noch mit einem Preis von gerade mal 3,99 EUR versehen ist, dann legt man es als Hobbybrauer automatisch in den Einkaufswagen, ohne weiter darüber nachzudenken – man kann da sicher nichts verkehrt machen.

Kann man aber doch. Zumindest in diesem Falle. Dieses kleine Büchlein ist selbst den lächerlichen Preis von 3,99 EUR nicht wert, obwohl es auf den ersten Blick gut gemacht aussieht.

Ein fester Einband, durchgängig hochweißes, leicht glänzendes, festes Papiere, Farbdruck, viele Bilder. Der erste Eindruck ist positiv. Beim zweiten Blick, noch ohne zu lesen, sondern nur beim mit dem Daumen Durchblättern, bemerkt man aber schon, dass die Bildauswahl ein wenig zusammengestückelt wirkt. Moderne Fotos, klassische Bilder und Zeichnungen, bunt durcheinander, kein durchgängiges Layout.

Aber, was zählt, ist der Inhalt, nicht das Aussehen. Gehen wir doch also von vorne bis hinten das Buch einmal durch.

Das Inhaltsverzeichnis wirkt beeindruckend. Winzige Schrift, drei Spalten, zwei Seiten lang. Bis der Leser merkt, dass auch ganz kurze Abschnitte von gerade mal sieben Zeilen Länge (und das bei zweispaltigem Druck!) als eigenes Kapitel mit eigener Überschrift aufgenommen worden sind – das gaukelt natürlich eine gewaltige Themenfülle vor!

Die ersten vierzig Seiten sind – das scheint bei deutschen Büchern über das Bier und das Brauen obligatorisch zu sein – der Geschichte des Biers gewidmet. Meinetwegen. Aber ein Lektor hätte ja schon einmal über diese Seiten gehen können. Beispielsweise im Abschnitt Gerstenanbau. „Hauptanbaugebiete sind China, Dänemark, Deutschland, GUS, Deutschland, Polen, Kanada, Österreich, Spanien, Tschechien, Spanien, USA“ Abgesehen davon, dass die GUS, die Gemeinschaft unabhängiger Staaten, heute als Begriff völlig überholt ist, wundert es schon, dass es Deutschland und Spanien zweimal in diese Liste geschafft haben.

Aber es kommt noch viel besser. Beziehungsweise schlechter. Es schließt sich ein Abschnitt über Biersorten und Bierarten, „Eine kleine Bierfibel“, an. Hier scheinen irgendwelche Versatzstücke aus den unterschiedlichsten Quellen zusammengetragen und aneinandergefügt worden zu sein, teilweise zusammengefasst und dann oft verfälscht, teilweise auch einfach hintereinander gesetzt. Nur ein Beispiel, im Absatz „Abteibier“:

„Eine Besonderheit der Abteibiere ist das Trappistenbier, das ausschließlich von Mönchen gebraut wird und mit dem Prädikat ‚Bestes Bier der Welt‘ ausgezeichnet wurde.“ Weder wird Trappistenbier ausschließlich von Mönchen gebraut (einige Trappistenbrauereien haben weltliche Brauer eingestellt), noch gibt es ein Trappistenbier, insofern kann es auch nicht „Bestes Bier der Welt“ sein. Und falls die Rede vom Westvleteren-Trappistenbier gewesen sein sollte, so sollte schon angegeben werden, wer beziehungsweise welche Institution sich berufen gefühlt hat, entscheiden zu dürfen, welches Bier das „Beste Bier der Welt“ ist.

Nur eine Seite weiter: „Das ‚Cuvée des Trolls‘ ist ein ‚junfges‘ Bier“. Aha. Was hat eine Biermarke, Cuvée des Trolls, als eigene Biersorte hier zu suchen? Dann könnte man auch Warsteiner, Veltins und Krombacher jeweils als eigenen Bierstil aufführen. Und, was zum Teufel ist ein „junfges“ Bier?

Ach, und so geht es fort und fort: „Der Geschmack (von Haferbier) ist etwa zwischen Berliner Weiße und Hefeweizen angesiedelt.“ Aha. Das habe ich noch nie gehört, und noch kein Bier mit Haferzusatz, das ich bisher getrunken habe, bestätigte diese Aussage. Schon gar nicht, wenn ich an leckere Oatmeal Stouts denke…

Und immer wieder kommen regional und zeitlich begrenzte Phänomene in den Fokus. Mölmsch, als eine Art Mülheimer Kölsch, bekommt einen eigenen Abschnitt; eine Studenteninitiative aus Kopenhagen (Vores Øl) ebenfalls. Warum? Es erschließt sich mir nicht…

Miniatur (2)Schlimm ist der Abschnitt über ober- und untergäriges Bier und die Biergattungen. Die Behauptung, „Der Hobbybrauer wird einen Stammwürzegehalt von ca. elf bis 14 Prozent anstreben.“ steht völlig aus der Luft gegriffen mitten im Absatz, lässt beim Lesen stutzen und nachdenken. Schlimmer noch: Die Frage in der Überschrift „Wann ist Bier obergärig?“ wird beantwortet mit „Heute nehmen obergärige Biere den geringeren Teil des Angebots ein.“ Aha! Und der Gipfel: „Ob unter- oder obergäriges Bier gebraut wird, erkennt man an der Umgebungstemperatur in einer Brauerei.“ Wenn dieser sowieso schon irreführende Satz dann auch noch als Bildunterschrift zu einer Sudpfanne gesetzt wird (Seite 64), ist das Durcheinander komplett.

Noch bevor also der Abschnitt über die „Inhaltsstoffe des Biers“ beginnt, ist der Leser konfus. Aber auch dort, Unfug allerorten. Auf Seite 80 erneut ein schönes Bild eines kupfernen Sudwerks, und darunter die Bildunterschrift „Im Sudkessel spaltet die Bierhefe den Zucker in Alkohol, Kohlensäure und weitere Nebenprodukte auf“ Es ist nicht zu fassen.

Besonders wichtig (Achtung! Ironie!) für den angehenden Hobbybrauer ist dann auch die auf Seite 81 erfolgende Auflistung der chemischen Bezeichnungen für die sechs wichtigsten Ester, die für fruchtige Aromen im Bier verantwortlich sind: Essigsäuremethylester, Essigsäure-3-methylbutylester, Essigsäureisobutylester, Essigsäure-2-phenylethylester, Hexansäureethylester und Octansäureethylester. Das ist für den Anfänger offensichtlich essentielles Wissen!

Aber darum geht es ja gar nicht wirklich. Der Abschnitt „Wissenswertes vor dem Brauen“ stückelt auf zehn Seiten unterschiedliche Elemente des Brauprozesses zusammen, ohne sie in die richtige Reihenfolge zu bringen oder gar einen Sudablauf zu beschreiben. Und wenn dann der eigentliche Kernabschnitt dieses Buchs folgt, „Bier brauen“ (dies ist das Hauptthema des Buchs, und umfasst immerhin 11 von 175 Seiten!), dann kommt eine Brauanleitung, bei der ich vor jedem, der es ausschließlich auf deren Basis schafft, ein genießbares Bier zu brauen, in aller Ehrfurcht den Hut ziehe. Wenig plastisch, unanschaulich, unstrukturiert.

Was sich anschließend nett liest, ist die etwa dreißigseitige Sammlung von Braurezepten, jeweils garniert mit ein paar Informationen zum jeweiligen Bierstil. Schade nur, dass auch hier viel Falsches steht. Beispielsweise ist das Rezept zum Export-Bier, das auch korrekterweise ausdrücklich als untergäriges Bier bezeichnet wird, mit einer Werbeanzeige für schottisches (obergäriges!) Ale illustriert. Und bei der Beschreibung des Stils Weißbier wird sogar eine Zeitreise rückwärts in die Vergangenheit möglich gemacht: Nach Verweis auf einen 1761 ergangenen Erlass, heißt es einen Satz später: „Diese Einschränkung wurde (…) in seiner Polizeiordnung aus dem Jahr 1616 nochmals ausdrücklich bestätigt.“

Die letzten etwas mehr als dreißig Seiten bieten eine Reihe von leckeren Rezepten, bei deren Zubereitung Bier verwendet wird. Ich habe keines dieser Rezepte ausprobiert, aber wenigstens sind hier die Bilder appetitanregend – das Durchblättern macht Spaß. – Obwohl natürlich auch dieses recht lange Kapitel mit dem eigentlichen Thema des Buchs, Bier selber brauen, nichts zu tun hat.

In der Summe also leider: Ein oberflächlich zusammengestoppeltes Werk aus Versatzstücken, für die Praxis wenig brauchbar und grottenschlecht lektoriert.

Ein Fehlkauf! Leider.

Reinhard Jarczok (Red.)
Bier selber brauen
garant Verlag GmbH
Renningen, 2014
ISBN 978-3-86766-469-1

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