Chinaski Lavapiés
Madrid
ESP

Eine Bierbar, in der man schon vor dem ersten Schluck berauscht sein kann – berauscht von einer psychedelischen Kakophonie der Farben, die direkt aus den späten sechziger Jahren zu stammen scheint: Chinaski Lavapiés.

Ein Weilchen bin ich nun schon durch den Madrider Stadtteil Lavapiés spaziert. Ein bunter Szenestadtteil, hier und da ein wenig runtergekommen. Zwielichte Hostels und schmale, manchmal wenig vertrauenerweckende Ein- und Durchgänge, daneben wieder moderne Ausstellungen, Bars und Kneipen. Vorwiegend junge Menschen, offensichtlich aus aller Herren Länder. – Darf man das im Jahr 2017 eigentlich noch so sagen? Oder muss es nicht viel eher heißen aus aller Herren und Damen Länder? Ach, selbst das würde in Lavapiés wohl auch nicht ausreichen, denn dieser Stadtteil bietet im sonst zum Teil noch sehr konservativ-katholischen Spanien eine kleine Szene, in der Geschlechtergrenzen aufgehoben zu sein scheinen.

Ist aber auch egal jetzt, denn hier geht es um Bier und seine Liebhaber*innen. Und daher stehe ich jetzt vor dem Chinaski Lavapiés. Von außen noch recht unauffällig, ein schmaler Eingang nur, ein Fenster daneben. Ich gehe durch die Tür, und der Rausch der Farben erfasst mich. Knallbunt sind Decke und Wände gestrichen. Verwirrende Muster, Farbwirbel, großflächige, knallige Töne. Alles geht ineinander über, scheint zu verschmelzen und sich dann wild wirbelnd wieder zu sortieren, in einzelne Elemente aufzulösen.

Chinaski Lavapiés, Madrid
farbenfroh und reichliche Bierauswahl

Auf den bunten Wänden große Poster, auf jedem Poster ein Dutzend und mehr Fotografien von Menschen in Bier-T-Shirts. Fotos de Camisetas de Cerveza. Eine Art Ausstellung. Nicht weniger bunt als die Wände dahinter, nur etwas strukturierter.

In einer Ecke sehe ich die Bierliste. Achtzehn schmale, schwarze Bretter, hier aber nicht mit Kreide beschriftet, sondern mit bunten Ausdrucken beklebt. Fahnen oder sonstige Symbole markieren das Land aus dem das jeweilige Bier stammt, dann kommen Brauerei, Biername und Bierstil in den verschiedensten Fonts, und natürlich die Preise. Bei einem halben Dutzend der Biere ist die Landesfahne durch das Logo der ArtesanaWeek ersetzt – eine einwöchige Veranstaltung, während derer hier in Lavapiés in den Läden, Bars, Cafés und Kneipen zahlreiche Veranstaltungen rund ums Bier stattfinden und viele Biere auch speziell für diese Woche in den Ausschank gekommen sind. Manche sind sogar extra aus diesem Anlass gebraut worden.

Chinaski Lavapiés, Madrid
die Bierliste

Spannend ist gleich die erste Zeile der Bierliste. Pilsner Urquell. Nicht, dass dies etwas Besonderes sei, nein, spannend ist lediglich der Zusatz: Sin Filtrar. Nefiltrowaný. Ungefiltert also. Ungefiltertes Pilsner Urquell. Über Jahre hinweg war dies eine Spezialität, die man nur in der Brauerei in Plzeň selbst bekommen konnte und im Brauereimuseum wenige hundert Meter weiter. Sonst nirgends. Mittlerweile hat die Brauerei aber das Potenzial entdeckt, das in diesem Bier liegt, und so findet es sich auch hier in Madrid. Im gekühlten Tank einmal quer durch Europa transportiert, unter steter Kontrolle durch die Brauerei. – Was für ein Aufwand, aber er scheint anzukommen. Die Menschen mögen es, bestellen reichlich!

Es ist zwar erst Mittagszeit, aber die Bar füllt sich rasch. Die ArtesanaWeek lockt die Menschen hierher. Neben den speziellen Bieren soll heute hier im Chinaski Lavapiés auch eine Verkostung mit japanischen Bieren und Speisen stattfinden. Fünf Biere von Hitachino, dazu passendes Essen. Vorsichtig frage ich den Barmann, ob man sich da noch anmelden können, ernte aber – wie fast schon erwartet – nur ein breites Grinsen. „Junge, da hättest Du vor zwei Wochen kommen müssen“, bedeutet er mir, und als kleine Entschädigung empfiehlt er mir ein ganz spezielles Bier, das es nur einmal gebe. Ein Kollaborationssud der Brauereien Yria Cerveza Artesanal, Reptilian Brewery, Cervezas Yakka und Tempel Brygghus, gebraut mit Saisonhefe, im Barriquefass ausgebaut und mit Feigen als besonderer Zutat. Als fünftem Elemen. Und so dann auch benannt: The Figth Element. Das feigste Element. Feige von Feige. Nicht von feige.

Vom Barrique-Ausbau schmecke ich nicht so viel, von den Feigen ein wenig mehr, und sehr deutlich spüre ich die Saison-Hefe mit ihrem ungestümen Geschmacksprofil. Ein feines Bier. Sehr intensiv, ohne dass man aber der intensiven Aromanoten zu rasch überdrüssig würde. Dominant, und trotzdem gut durchtrinkbar. Eine schöne Kombination.

Chinaski Lavapiés, Madrid
vorbereitete Verkostung japanischer Biere und Speisen

Mittlerweile ist der Laden rappelvoll. Die ersten Glücklichen, die eine Reservierung für die japanische Verkostung haben ergattern können, nehmen Platz. Der Barmann hat keine Zeit mehr für weitere Gespräche, eigentlich ist es dafür inzwischen auch schon zu laut. Nicht nur die Augen sind wegen der Farben gestresst, sondern nun auch die Ohren wegen des Lärmpegels.

Nicht auszudenken, was hier heute Abend erst los sein wird – es ist schließlich Wochenende! Ich entschließe mich, die warme Sonne in den kleinen Gassen dieses wuseligen Stadtteils zu genießen und trolle mich wieder, tausche die psychedelischen Farben der Bar gegen die bunten Farben des Frühlings ein. Aber es war ein schöner Besuch. Und wäre es bereits früher Abend gewesen, hätte ich den Lärm gerne ertragen und noch ein paar mehr Biere der spannenden Karte verkostet.

Die Bar Chinaski Lavapiés ist montags bis donnerstags ab 16:00 Uhr, freitags bis sonntags ab 13:00 Uhr geöffnet; kein Ruhetag. In den schmalen Gassen des Stadtteils hat es wenig Sinn, mit dem Auto zu kommen, aber von der Metro-Station Lavapiés der gelben Linie (Linie 3) bis zur Bar sind es nur drei Minuten.

Bilder

Chinaski Lavapiés
Calle de la Fe, 19
28012 Madrid
Spanien

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