{"id":5486,"date":"2016-10-10T23:00:43","date_gmt":"2016-10-10T21:00:43","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.brunnenbraeu.eu\/?p=5486"},"modified":"2023-04-22T08:47:50","modified_gmt":"2023-04-22T06:47:50","slug":"von-der-begeisterung-und-der-befaehigung-der-neuen-brauergenerationeine-bierverkostung-mit-esther-isaak","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.brunnenbraeu.eu\/?p=5486","title":{"rendered":"Von der Begeisterung und der Bef\u00e4higung der neuen Brauergeneration<br \/>Eine Bierverkostung mit Esther Isaak"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201eTja, liebe Esther, so wie es aussieht, gehen Begeisterung, Elan und Engagement vieler junger Brauer leider eben nicht Hand in Hand mit ihrer Bef\u00e4higung, ihrer Qualifikation, ihrem H\u00e4ndchen, ein wirklich gutes Bier herzustellen\u201c, sage ich zum Abschluss unserer Verkostung.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.brunnenbraeu.eu\/wp-content\/uploads\/Miniatur-1-205.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5489\" width=\"840\" height=\"1118\" srcset=\"https:\/\/blog.brunnenbraeu.eu\/wp-content\/uploads\/Miniatur-1-205.jpg 266w, https:\/\/blog.brunnenbraeu.eu\/wp-content\/uploads\/Miniatur-1-205-113x150.jpg 113w, https:\/\/blog.brunnenbraeu.eu\/wp-content\/uploads\/Miniatur-1-205-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 840px) 100vw, 840px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Zwei Stunden haben wir am heutigen Montag im Nebenraum des <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/blog.brunnenbraeu.eu\/?p=1879\" target=\"_blank\">Bierland Hamburg<\/a> gesessen und eine ganze Reihe interessanter, neuer Biere verkostet. Eigentlich ist Ruhetag, der einzige Tag der Arbeitswoche, an dem die Bierfans in Hamburg sich mit ihren eigenen Vorr\u00e4ten begn\u00fcgen m\u00fcssen und nicht mal schnell in den kleinen, urigen ehemaligen Kolonialwarenladen springen k\u00f6nnen, um sich mit dem leckeren Trunk f\u00fcr den Abend einzudecken. Der Tag, den Esther Isaak und ihr Mann Thomas brauchen, um aufzur\u00e4umen, nachzuf\u00fcllen, Ordnung zu schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder neue Biere zu verkosten, die vielleicht ins Angebot aufgenommen werden sollen. Immer getreu Esthers Spruch: \u201eMontags hat das Bierland zu \u2013 da trinken wir selber!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Und trinken hei\u00dft heute: Verkosten. Vor uns auf dem wackeligen Holztisch steht ein halbes Dutzend Biersorten, eine Wasserflasche zum Durchsp\u00fclen, und zwar sowohl des Glases als auch des Gaumens, und ein gro\u00dfer Krug f\u00fcr den Fall, dass eines der Biere nicht gut schmeckt und es ganz ehrlich betrachtet nicht wirklich verdient hat, ausgetrunken zu werden. Ein Entsorgungsk\u00fcbel also, gewisserma\u00dfen. Dazu noch, klar, ein Notizbuch, und im Smarttelefon jederzeit abrufbar die Kennbl\u00e4tter f\u00fcr verschiedene Fehlgeschm\u00e4cker, die wir aber hoffentlich nicht brauchen werden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.brunnenbraeu.eu\/wp-content\/uploads\/Miniatur-2-190.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5490\" width=\"840\" height=\"631\" srcset=\"https:\/\/blog.brunnenbraeu.eu\/wp-content\/uploads\/Miniatur-2-190.jpg 354w, https:\/\/blog.brunnenbraeu.eu\/wp-content\/uploads\/Miniatur-2-190-150x113.jpg 150w, https:\/\/blog.brunnenbraeu.eu\/wp-content\/uploads\/Miniatur-2-190-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 840px) 100vw, 840px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Gut gelaunt und optimistisch \u00f6ffnen wir die erste Flasche. Ein Weizendoppelbock einer blutjungen Brauerei aus Norddeutschland. \u201eHochmotiviert und richtig nett sind die. Wollen endlich auch im hohen Norden abseits von Hamburg mal was bewegen\u201c, schw\u00e4rmt Esther. \u201eIch w\u00fcrde mich freuen, wenn das Bier so gut ist, dass es den Erfolg garantiert.\u201c Die Erwartungen sind also hoch.<\/p>\n\n\n\n<p>Um so tiefer der Fall, um so gr\u00f6\u00dfer die Entt\u00e4uschung. Statt der erhofften leichten Fruchtnoten im Duft, die einen vollen, malzigen und gleichzeitig (Weizen!) spritzigen K\u00f6rper umtanzen, weht uns ein dumpfes Aroma \u00fcberlasteter und entkr\u00e4fteter Hefe entgegen. Erdig, muffig. Das h\u00f6rt sich schlimmer an, als es ist, das Bier kann durchaus getrunken werden. Aber f\u00fcr den durchschlagenden Erfolg, da fehlt noch viel. Da fehlt das Aromenspiel eines warm vergorenen und lang gelagerten oberg\u00e4rigen Biers, da fehlt die runde, kremige S\u00e4migkeit, die den Malzk\u00f6rper eines Doppelbocks erst genie\u00dfbar macht. Weizenb\u00f6cke sind die mit Abstand komplexesten Biere \u00fcberhaupt, die die klassische deutsche Brautradition hervorbringen kann, und sie k\u00f6nnen wahre Meisterwerke der Aromenvielfalt sein. Dieses hier aber leider nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Schweren Herzens leeren wir den Rest der Flasche statt ins Glas in den Entsorgungskrug.<\/p>\n\n\n\n<p>Es folgt ein Strong Ale, angeblich mit Cascade-Hopfen gestopft. Aber auch hier: Statt grapefruitartiger Zitrusnoten vom Hopfen dr\u00e4ngen sich Aromen feuchter Kellerregale, alter Schr\u00e4nke mit W\u00e4sche und feucht gewischten Holzfu\u00dfbodens in den Vordergrund.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir lassen das Bier einen Moment atmen und sich aufw\u00e4rmen, in der Hoffnung, dass es dann besser wird. Aber unsere Geduld wird leider nicht belohnt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSchade\u201c, seufzt Esther. \u201eSch\u00f6nes Konzept, gutes Design, nette Leute. Aber f\u00fcr mich z\u00e4hlt nur der Inhalt, ich will ja, dass meine Kunden wiederkommen \u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die ersten beiden Biere kommen also schon mal nicht in das feste Angebots-Portfolio.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.brunnenbraeu.eu\/wp-content\/uploads\/Miniatur-3-83.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5491\" width=\"841\" height=\"632\" srcset=\"https:\/\/blog.brunnenbraeu.eu\/wp-content\/uploads\/Miniatur-3-83.jpg 354w, https:\/\/blog.brunnenbraeu.eu\/wp-content\/uploads\/Miniatur-3-83-150x113.jpg 150w, https:\/\/blog.brunnenbraeu.eu\/wp-content\/uploads\/Miniatur-3-83-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 841px) 100vw, 841px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Es folgt ein gerade mal vier Prozent starkes englisches Bitter. \u201erefreshing bitterness and sweet fruity notes; a rich character with a hint of chocolate and malted flavours\u201d verspricht die Brauerei. Ja, die Bittere sp\u00fcren wir, das ist nicht das Problem. Aber wo sind die s\u00fc\u00df-fruchtigen Noten? Der Hauch von Schokolade ist zu sp\u00fcren, die Malzaromen dr\u00e4ngen sich jedoch unschl\u00fcssig im Hintergrund zusammen, haben nicht dem Mut, nach vorne, ins Scheinwerferlicht zu treten. Unausgewogen, nicht wirklich spannend.<\/p>\n\n\n\n<p>Esther rollt mit den Augen. Die geplante Erweiterung ihres Bierangebots \u2013 heute kommt sie nicht recht voran.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Golden Ale kommt als n\u00e4chstes dran. \u201ecrisp and fresh, light in body but certainly not in flavour, brim full of lemon, grapefruit, passion fruit and pale malt\u201d, hei\u00dft es. Naja, nimmt man mal die branchen\u00fcblichen \u00dcbertreibungen weg, dann stimmt es schon fast. Ein leichtes, spritziges Bier mit fruchtigen Noten, das ist es in der Tat. Andere k\u00f6nnen es besser, kommen spielerischer daher, aber es ist definitiv schon mal besser als die drei Totalausf\u00e4lle vorher. Das Bier kommt in die engere Wahl.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein schwarzes IPA, der Widerspruch in sich, kommt ins Glas. Eine rumpeldumme Stilbezeichnung. Entweder ist es ein India Pale Ale, also pale, das hei\u00dft, hell, oder es ist black, also schwarz. Aber egal. Die Bezeichnung hat sich etabliert. Black IPA also. Kr\u00e4ftiges, harziges Hopfenaroma, ein paar R\u00f6stnoten sind ebenfalls zu sp\u00fcren, und Schokolade. Herbe Schokolade. Richtig schwarze Herrenschokolade, bitter, wie sie nur sein kann. Herber, rauer Kakao. K\u00f6nnte vielleicht ein wenig frischer sein. Geht eher so in Richtung einer Schokolade, die schon ein Weilchen im Schrank gelegen hat, schon eine hauchd\u00fcnne wei\u00dfe Schicht gebildet hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir bekommen ja fast schon Zweifel, ob die sich konsequent durch die heutige Bierprobe ziehende fehlende Frische bei allen Bieren jetzt nur in unserer Wahrnehmung existiert. Sicherheitshalber trinken wir noch einmal ein gro\u00dfes Glas Wasser, sp\u00fclen Zunge und Gaumen kr\u00e4ftig durch.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch ein Schluck. Nein, frischer wird\u2019s nicht. Aber okay. Das kr\u00e4ftige Schokoladenaroma ist schon in Ordnung. Kein Grund, die Flasche in den Entsorgungskrug umzuf\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.brunnenbraeu.eu\/wp-content\/uploads\/Miniatur-4-19.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5492\" width=\"841\" height=\"632\" srcset=\"https:\/\/blog.brunnenbraeu.eu\/wp-content\/uploads\/Miniatur-4-19.jpg 354w, https:\/\/blog.brunnenbraeu.eu\/wp-content\/uploads\/Miniatur-4-19-150x113.jpg 150w, https:\/\/blog.brunnenbraeu.eu\/wp-content\/uploads\/Miniatur-4-19-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 841px) 100vw, 841px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Rettung kommt mit dem letzten Bier, einem Milk Stout. Schokoladenoten identifizieren wir, etwas Kaffee, leichter Bittermandelgeruch und ein paar estrige Fruchtnoten. Eine spannende Aromatik, die in der Kombination Schokolade und Frucht ein wenig an Mon-Cherie-Pralinen erinnert. Und endlich, das erste Bier f\u00fcr heute, dass frisch und zum Weitertrinken ermunternd daherkommt. Und somit als einziges verdient hat, hinter dem Schleier der Anonymit\u00e4t hervorgezogen zu werden: BAD Dazed and Confused Milk Stout aus England. T\u00e4t\u00e4r\u00e4h, und Tusch! Der Sieger f\u00fcr heute.<\/p>\n\n\n\n<p>Feierlich leeren wir unsere Gl\u00e4ser. Von diesem Bier kommt nichts in den gro\u00dfen Krug, sondern alles in unsere M\u00fcnder. Ein wirklich gutes Bier aus sechs, zu denen viel versprochen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Woran liegt es? Sind die jungen Brauer noch zu unerfahren? Sind es zu oft nur Hausbrauer, die sich nach ein paar im Bekanntenkreis gerne getrunkenen Heimsuden nun auf einem richtigen Sudwerk schwer tun? Sind es Trittbrettfahrer, die eigentlich von Bier keine Ahnung haben, aber schnell auf einen Zug aufspringen wollen, der raschen Erfolg, vielleicht sogar rasches Geld verspricht?<\/p>\n\n\n\n<p>Und warum trauen sich in der neuen Bierszene so wenige, auch mal hart zu kritisieren? Und zwar nicht nach der Otto-Normalbiertrinker-Methode, also alles pauschal und undifferenziert abzulehnen, was vom Standard der Fernsehbiere abweicht, sondern qualifiziert, das hei\u00dft, neue Geschmacksrichtungen, neue Experimente, neue Zutaten anzuerkennen, trotzdem aber deutlich zu sagen, wenn das Ergebnis unausgewogen, wenig trinkbar ist?<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.brunnenbraeu.eu\/wp-content\/uploads\/Miniatur-5-5.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5493\" width=\"840\" height=\"631\" srcset=\"https:\/\/blog.brunnenbraeu.eu\/wp-content\/uploads\/Miniatur-5-5.jpg 354w, https:\/\/blog.brunnenbraeu.eu\/wp-content\/uploads\/Miniatur-5-5-150x113.jpg 150w, https:\/\/blog.brunnenbraeu.eu\/wp-content\/uploads\/Miniatur-5-5-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 840px) 100vw, 840px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Wie oft stehe ich auf Bierfesten und bekomme Biere in die Hand gedr\u00fcckt, bei denen nach dem ersten Schluck klar ist, dass es hier eher um das Experiment mit exotischen Zutaten oder mit \u00fcbertriebenen Mengenverh\u00e4ltnissen ging als um den wirklichen Genuss. Sauerbiere? Gerne. Aber einen pH-Wert, der den von Essigessenz \u00fcbertrifft, muss ich nicht im Glas haben. Rauchbiere? Auch sehr gerne, aber sie sollten vielleicht nicht das Aroma verschwelender Autoreifen oder einer abgebrannten Kabelfabrik haben. Knackig bittere India Pale Ales? Gerne, solange neben der Bittere auch Aromen und ein die Bittere ausbalancierender Malzk\u00f6rper vorhanden sind. Dann darf es auch bis 100 IBU hinauf gehen. Alles dar\u00fcber ist Quatsch, da die menschliche Zunge dann sowieso keine Nuancen mehr feststellen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Darf ich dann also kritisieren? Oder erweise ich der Bewegung dann einen B\u00e4rendienst? Im Sinne von: Seht her, selbst die erfahrenen Experten finden das nicht gut, zur\u00fcck zum Fernsehbier, also?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich nehme es mir raus. Sage den Brauern auch gerne ins Gesicht, dass ihr Sud schmeckt, als habe man die Brennkammer des alten \u00d6lofens mit Apfelessig ausgesp\u00fclt und die Abtropffl\u00fcssigkeit dann vergoren. Wenn es denn so schmeckt. Genauso, wie ich die Brauer in den Himmel lobe, wenn ein komplexes Aromenspiel, ein runder, malziger Trunk und ein fester, sauberer Abgang harmonisch miteinander einhergehen und nach jedem einzelnen Schluck Lust auf den n\u00e4chsten machen. Aber nur dann.<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal also, aber eben nur manchmal, gehen Begeisterung und Bef\u00e4higung der neuen Brauer Hand in Hand. Manchmal halt auch nicht, und als Esther und ich den fast randvoll gef\u00fcllten Entsorgungskrug betrachten, da wissen wir: Leider zu oft nicht. Und es wird die Zeit kommen, wo sich die Spreu vom Weizen trennen wird. Schade um viele begeisterte Jung-Brauer, die scheitern werden. Aber noch viel trauriger w\u00e4re es, wenn die begabten unter ihnen gemeinsam mit allen in den Abgrund gerissen w\u00fcrden, weil die Bewegung als Ganzes scheitert.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie \u00fcberall gilt: Auf Dauer hat nur Qualit\u00e4t Erfolg!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>\u201eTja, liebe Esther, so wie es aussieht, gehen Begeisterung, Elan und Engagement vieler junger Brauer leider eben nicht Hand in Hand mit ihrer Bef\u00e4higung, ihrer Qualifikation, ihrem H\u00e4ndchen, ein wirklich gutes Bier herzustellen\u201c, sage ich zum Abschluss unserer Verkostung. 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