Transmitter Brewing
Long Island City
USA

Ja, wo sind wir denn hier hin geraten? Ratlos blicken wir nach links und rechts, aber auch nach oben. Nach einer Viertelstunde strammen Fußmarschs durch die heruntersengende Sommersonne, über breite Betonstraßen ohne Bürgersteig (wir haben es überlebt!), an Bahngeleisen entlang und zwischen heruntergekommenen Handwerksbetrieben hindurch, sind wir in der Mitte eines Industriegebiets angelangt, wie es unwirtlicher kaum noch sein könnte.

Halb über uns tobt der Verkehr auf der Pulaski-Bridge. Sechs Spuren, die Autos in jeder Richtung Stoßstange an Stoßstange. Keine Lärmschutzwand, keine schallschluckende Konstruktion. Es dröhnt und scheppert, dass die Ohren klingen. Hinter uns liegt eine breite Industriestraße, grobe Betonplatten mit breiten Fugen. Die Lastwagen, die hier fahren, knallen über die Fugen und Stufen, die Aufbauten klappern, die Motoren heulen auf. Und zu allem Überfluss senkt sich jetzt direkt vor uns die Bahnschranke und im Schritttempo, deswegen aber nicht weniger laut, rollt ein unendlich langer Bandwurm von Eisenbahnwaggons an uns vorbei. Jede einzelne Achse knallt in die Fugen zwischen den nur auf Stoß verlegten Stahlschienen.

Es ist ohrenbetäubend laut, es ist staubig, es ist vermüllt, und es ist sengend heiß.

Ich versuche, den vorwurfsvollen Blicken meiner holden Ehefrau auszuweichen. Was soll das? Was wollen wir hier? Wo hast Du uns hingeführt?

Und sie hat ja recht. Schon oft sind wir in die unmöglichsten Stadtviertel gewandert, immer auf der Suche nach dem ultimativen Bier. Aber so grauenvoll war die Umgebung bisher noch nie. Insbesondere angesichts der Tatsache, dass ein gleichlanger Fußweg von derselben Metro-Station, nur in eine andere Richtung, uns in die idyllischen Grünanlagen des Gantry Plaza State Park am East River geführt hätte…

Aber jetzt sind wir nun mal hier.

Geduldig warten wir, bis der Zug verschwunden ist und die Schranken sich langsam wieder öffnen. Wir überqueren die Gleise und stehen endlich vor der Transmitter Brewing.

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Transmitter Brewing Farmhouse Ales

Von außen passt sie sich perfekt dem Ambiente an. Ein simpler Betonbau mit mehreren Rolltoren. Hinter dem ersten Tor eine Werkstatt oder Garage, hinter dem nächsten Rolltor dann aber tatsächlich die Brauerei. Und was dort, hinter dem hochgerollten Tor zu sehen ist, überrascht: Sauber gestapelte Holzfässer, in drei Reihen übereinander. Daneben ein metallisch-glänzender zylindrokonischer Gärtank, ein ZKG. Beides steht so eng nebeneinander, dass man kaum in das Innere der Halle blicken kann.

Noch ein Rolltor weiter: Ein paar einfache Biertisch-Garnituren, dahinter ein Sammelsurium unterschiedlichster Gerätschaften. Und schließlich das letzte Tor, ein kleiner Büroraum mit einem winzigen Schanktresen.

Drei kleine und wackelige Klappstühle und die Möglichkeit, drei Biere zu verkosten. Winzige Schlucke in kleinen Probiergläsern. Gratis.

Transmitter Brewing Farmhouse Ales steht auf dem Tresen und auf den Flaschen. Farmhouse Ales – nichts könnte weiter weg sein von der Industriegebietsatmosphäre, vom Werkstattambiente, vom Lärm und Dreck des Viertels als der Begriff Farmhouse Ales. Und doch: So, wie die schönen 0,75-l-Flaschen mit ihren Naturkorken und den aufwändig geprägten Etiketten aus dickem Papier vor mir stehen, nostalgisch gestylt, könnten diese Biere auf einem kleinen Bauernhof irgendwo im Nirgendwo in einer Scheune entstanden sein. Sie schmecken sogar so – es ist einfach unglaublich!

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aufwändige Flaschenabfüllung: mit Naturkorken und geprägten Etiketten

Das erste Bier, G1 – Golden Ale, ein Single Hop Ale mit Orbit-Hopfen und 7,0%, überzeugt bereits beim ersten, winzigen Schluck. Eine schöne Hopfennase, feine, estrige Aromen und eine leichte alkoholische Wärme. Letztere hätte es angesichts der sommerlichen Temperaturen zwar nicht gebraucht, aber sie ist gleichwohl angenehm.

Gefolgt wird der erste Schluck von einem gleichstarken Barrel Aged Saison, gelagert in einem Apple-Brandy-Fass, dem S5. Ein wunderbares Geschmackserlebnis. Feine calvados-artige Aromen, ein Hauch von Vanille aus dem Holz des Fasses, ganz leicht adstringierend, und darüber entfaltet sich spielerisch, aber nicht zu zurückhaltend, ein phenolischer Charakter, typisch für eine Saison-Hefe. Hm, von diesem Bier würde ich sofort ein paar Flaschen mitnehmen, wenn es mit dem Flieger nicht so ein großes Transportproblem wäre.

Es folgt noch ein dritter Probeschluck, diesmal vom A2, einem Belgian Style Dubble, ebenfalls 7,0%. Gegenüber den ersten beiden Bieren fällt es ein wenig ab, kommt etwas behäbig rüber, ist aber beileibe nicht schlecht.

Wir unterhalten uns nur einen kurzen Moment mit dem Eigentümer und Brauer, der uns die Biere angeboten hat, dann kommen schon die nächsten Kunden und drängen in den winzigen Raum.

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ein winziges Biergärtchen

Durch die Brauerei hindurch erreichen wir ein winziges Biergärtchen. Zwei Biergarnituren auf den Beton gestellt, ein Sonnensegel darüber, fertig! Ein Maschendrahtzaun trennt uns vom Parkplatz mit den gewaltigen Trucks, die hier abgestellt sind. Gemütlich ist anders, aber wenigstens ein Platz, um noch in relativer Ruhe (der Verkehrslärm dringt auch bis hierher) ein Bier genießen zu können. Ein richtiges, nicht nur ein kleines Schlückchen.

Wir entscheiden uns für das S9, ein einfaches Saison Ale mit lediglich 5,8% Alkohol – es erscheint uns bei dieser Hitze einfach besser verträglich. Wieder sind wir sehr zufrieden. Ein Saison, wie es im Buche steht. Hopfig bitter, leicht phenolisch, spritzig, erfrischend. Viel zu schnell ist es ausgetrunken, und ein leichter Restdurst bleibt.

Wir sind die einzigen Gäste, die hier draußen sitzen, und so mache ich mich lieber selbst auf die Suche nach der netten Dame, die uns das erste Bier gebracht hat, anstatt ewig zu warten, ob sie noch einmal nach uns schauen wird. Auf der Suche nach ihr laufe ich durch die ganze Brauerei, mache absichtlich-unabsichtlich eine kleine, ungeführte Brauereibesichtigung. Das unscheinbare Sudwerk, die Gär- und Lagertanks, die Holzfässer, alles steht dicht an dicht. Die Halle mit ihren Rolltoren ist eigentlich viel zu klein für die Brauerei, es ist viel zu eng. Und dennoch entstehen hier so gute Biere. Ich ziehe gedanklich meinen Hut.

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Blick in die enge Brauerei

Während ich unser nächstes Bier erstehe, das L1, ein Bohemian Pilsner mit 5,1%, unterhalte ich mich noch einen Moment mit der Dame, und erfahre, dass man trotz (oder gerade wegen?) des Industrieambientes Wert auf handwerkliche Produktion wie auf einem Bauernhof lege. Selbst so einfache Biersorten wie das Pilsner würden ausschließlich in Flaschen mit Naturkorken abgefüllt, das sei doch viel edler und schöner als schnöde Kronkorken. Auch die aufwändigen Etiketten würden die Wertigkeit des Biers unterstreichen, und die Kunden wüssten dies zu schätzen, erzählt sie mir. So sei jeder einzelne Schluck des Biers etwas Besonderes!

Sie hat nicht unrecht. Auch das einfache Pilsner macht aus einer solchen Flasche mehr her. Sein glatter, sauberer und nur leicht hopfiger Geschmack, schlank und erfrischend, erfreut in der Tat noch mehr, wenn man eine schöne, schwere Flasche in der Hand hat, den Naturkorken abgezogen hat und beim Einschenken das geprägte Etikett in der Handfläche spürt.

Ein verhältnismäßig großer Aufwand, aber offensichtlich einer, der sich lohnt, denn als wir uns nun langsam zum Gehen wenden, hat sich die kleine Brauerei gut gefüllt. Die Bierbänke hinter dem zweiten Rolltor sind gut besetzt, im kleinen Kantor stehen die Menschen Schlange, um ein paar Flaschen mitnehmen zu können.

Nur im überhitzten Biergärtchen am Lkw-Parkplatz, da waren wir bis zum Schluss die einzigen Gäste. Ob es den anderen einfach nur zu heiß war, oder ob sie den Zugang nicht gefunden haben, die kleine Tür, die man nur erreicht, wenn man mitten durch die Brauerei läuft?

Wir sind zufrieden, haben die traute Zweisamkeit beim Bier genossen, Lärm und Hitze einfach ignoriert und insgesamt fünf wunderbare Biere gekostet. Und so hat sich der weite Weg mitten durch die Beton- und Stahlwüste dann doch gelohnt!

Die Transmitter Brewing ist eigentlich eine reine Produktionsbrauerei; der winzige Tastingroom und das Biergärtchen sind für den Straßenverkauf und eine kleine Verkostung aber freitags von 16:00 bis 20:00 Uhr, sonnabends von 12:00 bis 20:00 Uhr und sonntags von 12:00 bis 18:00 Uhr geöffnet. Dann kann man sich auch die Brauerei in allen Details ansehen. Zu erreichen ist die Brauerei mit der Metro, Linie 7, Vernon Boulevard / Jackson Avenue Station, von dort aus sind es ein paar hundert Meter an vielbefahrenen Straßen und Geleisen entlang mitten durchs unwirtliche Industriegebiet, gerne auch mit der Option, falsch abzubiegen und in einer Sackgasse oder einem Hinterhof zu landen…

Bilder

Transmitter Brewing
53-02 11th Street
Long Island City
NY 11101
USA

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