Mel‘s Craft Beers & Diner
Wien
AUT

Also, ich finde kreative und originelle Biere, sogenannte Craft-Biere, ja richtig gut – was keinen Leser dieses Blogs wirklich überraschen dürfte, denn sonst gäbe es ihn ja nicht. Den Blog, nicht den Leser. Beziehungsweise, letzteren ja eigentlich auch nicht. Jedenfalls nicht in seiner Rolle als Leser dieses Blogs. Gut daher, dass es gute Biere gibt und dass ich sie mag.

Zum Glück gibt es sie auch immer öfter. Überall eröffnen Craft-Bier-Bars, Craft-Bier-Restaurants, Craft-Bier-Brauereien. Viele davon richtig originell, einige bemüht originell, aber in ihrem Versuch dann doch wieder recht einheitlich, und manche schließlich langweilig. Auf der dünnen Trennlinie zwischen bemüht originell und langweilig balancieren nach meinem Empfinden all die Lokalitäten, die kreative Biere zwingend mit US-amerikanischem Brauchtum in Deckung bringen wollen. Burger und Bier, beispielsweise, ist da ja eine ganz besonders spannende Kombination. Hat man ja weder im Mutterland noch in Mitteleuropa jemals angetroffen!

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Mel‘s Craft Beers & Diner

Jetzt also mitten in Wien, im ersten Bezirk, Obacht!, ganz originell: Mel’s Craft Beers & Diner.

Kunstpause.

Fanfaren.

Tusch!

Die Begeisterung kennt keine Grenzen. Zwei Dutzend Fassbiere, hundert(e) Flaschenbiere, und dazu, hurra, hurra: Burger! Pulled Pork! Sandwiches! So etwas hat die Welt noch nicht gesehen!

(Warum, dieser Einschub sei gestattet, gibt es eigentlich keine gute Bierbar mit chinesischer oder vietnamesischer Küche? Keine afrikanische oder indische, keine südamerikanische oder nepalesische und auch keine griechische, türkische, armenische, russische oder kroatische Küche zum Bier? Warum nicht?)

Mit ein wenig gemischten Gefühlen betreten wir das pseudo-amerikanische Etablissement. Wollen uns nicht durch Voreingenommenheit beeinflussen lassen. Ignorieren die Burger und das Pulled Pork. Gehen geradewegs durch den langen Schankraum, die roten, gepolsterten Sitzbänke entlang, bis zur Theke, an der uns rund zwei Dutzend Zapfhähne anlachen. Dahinter eine große Wand voller Flaschen. Rechter Hand zwei englische Handpumpen. Mensch, das ist doch prima!

Wir blicken einmal die spannende Reihe der Zapfhähne entlang, entdecken auf den ersten Blick mehr als ein halbes Dutzend originelle und seltene Biere und beschließen: Scheiß auf Burger und Vorurteile gegen Uncle Sam, die Biere reißen’s raus!

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die Bierauswahl ist beeindruckend

Unseren Platz wählen wir nicht weit von der Theke, schön mit Blick auf die Bar, und nach wenigen Augenblicken kommt eine junge Dame und bringt uns die Karte. Und einen handschriftlichen Zettel nebst ein paar mündlichen Erläuterungen: Dieses und jenes Bier aus der Karte gebe es nicht mehr vom Fass, dafür aber die auf dem Zettel notierten. Die Karte sei leider noch nicht aktualisiert worden.

Nun gut, es sind ein paar wirklich interessante Biere herausgefallen, aber der kleine Zettel verspricht Kompensation auf gleichem Niveau.

Wenn wir an verschiedenen Bieren interessiert seien, erzählt die Kellnerin weiter, dann empfähle sie uns das Probierbrett mit sechs kleinen Gläsern, dazu ein paar Scheiben Brot.

Gesagt, getan. Wir erhalten einen kleinen Zettel zum Ausfüllen, der zunächst als Bestellzettel dient und anschließend für Verkostungsnotizen herhalten kann. Wir blättern hin, wir blättern her, und nach ein paar Minuten ist der Zettel ausgefüllt. Einmal müssen wir noch nachkorrigieren, denn während wir so zugange waren, ist ein weiteres Fassbier ausgegangen – natürlich eines, das wir auf dem Zettel hatten.

Nun geht es aber schnell. Nach wenigen Augenblicken stehen die sechs Gläser vor uns, dazu ein Korb mit dunklem, lecker gewürztem Brot, und der Zettel ist auch wieder da, erinnert uns daran, was wir bestellt haben.

Die Biere sind spannend. Nicht alle perfekt, aber alle originell. Ob nun aus der nagelneuen Wiener Brauerei Muttermilch (ja, die heißt wirklich so – mir gefällt’s auch nicht…) die Biere Britta und Bubi, ob von den berühmten Brauern De Molen und Thornbridge die Biere Vuur & Vlaam und Vienna IPA, ob das Millionaire von Wild Beer oder das Belgian Strong La Guillotine – es macht Spaß, zu verkosten und zu genießen. Zumal wir um diese Zeit, es ist früher Nachmittag, fast ganz alleine im Lokal sind und bei Fragen, Wünschen und Bestellungen die freundliche Bedienung ganz für uns haben.

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um diese Uhrzeit noch fast alleine im Lokal

Klar, dass unter diesen Rahmenbedingungen die zweite Testreihe rasch fällig ist! Es folgen also von Põhjala das Weihnachtsbier Jouluöö, von To Øl ebenfalls ein Weihnachtsbier, nämlich das Shameless Santa, und dann geht es frühlingshaft-tropisch weiter mit dem Gamma Ray von Beavertown. Es schließt sich an ein Ausflug nach Irland zu O‘Hara‘s, und wir trinken das Leann Follain und das Irish Pale Ale, um dann mit Flying Dog und derem Easy IPA die Verkostungsreihe für heute abzuschließen.

Zwölf Biere, das war spannend. Intensive und originelle Sachen waren dabei, wir sind sehr zufrieden.

Mit dem Bier…

Mit der Originalität ja nicht so sehr…

Mittlerweile hat sich das Diner gut gefüllt, es ist früher Abend, man geht noch einmal aus, bevor das Wochenende vorbei ist. Aber ach, was heißt hier in Wien bei der heutigen Jugend eigentlich ausgehen? Wohin wir auch schauen, an allen Tischen sitzen Pärchen oder kleine Gruppen, ziehen missmutige Gesichter, öden sich an und hacken gelangweilt auf dem Smartphone herum. Die Mienen lassen keine Freude, keinen Spaß erkennen. Dass heutzutage viel mit dem Telefon gespielt und kommuniziert wird, nun gut, das machen wir auch oft, das will ich nicht bewerten. Aber wo bleibt der Spaß? Nicht einmal beim leckeren Schluck aus dem Probierglas hellen sich die Mienen auf, und wir kommen uns fast vor wie auf einer Beerdigung oder einem emotionsfreien Vulkaniertreffen.

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Emotionsfrei bei diesem Angebot? Unmöglich!

Der Gipfel ist die Familie am Nachbartisch. Der etwa drei Jahre alte Sohn bekommt ein kleines Tablet aufgestellt und kuckt Comic-Videos, die Eltern und deren Freunde, vier Erwachsene also, legen Smartphones vor sich hin und klicken, wischen und hacken drauf rum. Außer der Bestellung hören wir über mehr als eine Stunde kein einziges Wort. Die Biere (und Burger) werden nebenbei weggetrunken und gegessen, ohne sie bewusst wahrzunehmen, nur ab und an wird einmal ein Kopf gehoben und missmutig in die Runde gekuckt, ohne etwas zu sagen.

Irgendwann erdreistet sich einer der vier Erwachsenen, zu sprechen!

„Zahlen!“

Ein Wort nur, ohne Bitte und Danke, und schon zieht die Familie wieder von dannen.

Was für ein Erlebnis…

Auch wir brechen jetzt auf. Die junge Dame (es ist mittlerweile die dritte verschiedene, aber alle drei waren aufmerksam, nett und freundlich!) bringt die Rechnung, wir zahlen, schäkern noch ein wenig mit ihr herum, aber als sich die Köpfe an den Nachbartischen heben und wir bestaunt werden, weil wir Spaß zu haben scheinen, lassen wir das schnell wieder sein.

Noch lange philosophieren wir auf dem Heimweg über die spaßbefreite Gesellschaft, die wir im Mel‘s Craft Beers & Diner heute angetroffen haben. Ob das immer so ist?

Mel‘s Craft Beers & Diner hat uns mit einem tollen Bierangebot überzeugt. Das Rundherum gefiel uns allerdings weniger. Es ist täglich von 11:00 bis 02:00 Uhr durchgehend geöffnet; kein Ruhetag. Zu erreichen ist es in wenig mehr als sieben oder acht Minuten zu Fuß von der U-Bahn-Station Schwedenplatz (Linien U1 und U4).

Bilder

Mel‘s Craft Beers & Diner
Wipplingerstraße 9
1010 Wien
Österreich

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