100 Beers Sofia
Sofia
BGR

„Bist Du das erste Mal in Sofia?“ Svilen kuckt mich fragend an. Ich nicke. „Ja. Zwar nicht das erste Mal in Bulgarien, aber das erste Mal in der Hauptstadt. Gerade erst angekommen.“

„Na, dann sollten wir keine Zeit verlieren“, lacht er, „Komm, auf geht’s!“

Svilen Kirilovski ist Bierfanatiker, Hausbrauer und Bierblogger, schreibt unter bforbeer regelmäßig über die neuesten Entwicklungen in der bulgarischen Bierszene und hat sich für heute vorgenommen, mir den Einstieg in die Bierszene Sofias etwas leichter zu machen.

Vom Parlamentsgebäude, der Народно събрание, vor dem wir uns getroffen haben, sind es nur wenige Schritte durch die kleinen Sträßchen der Altstadt, und schon stehen wir vor dem ersten Ziel unserer heutigen Bierwanderung, dem kleinen Biergeschäft 100 Beers.

Aber, was heißt hier schon klein? Und was heißt 100?

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Blick durch die Glastür

Direkt nachdem wir durch die Glastür getreten sind, stelle ich fest, dass beide Attribute falsch sind. Klein gilt höchstens, wenn es um die reine Quadratmeterzahl des Lädchens geht, und die Zahl 100 mag vielleicht gegolten haben, als der Laden 2013 eröffnet worden ist, aber mittlerweile ist das Angebot viel, viel größer.

Ich drehe mich einmal im Kreis, schaue mir die Regale kurz an und stelle fest, dass müssen rund 300 verschiedene Biere sein, wenn nicht mehr. Svilen nickt. „So um die 350 Biere sind es wohl, und es kommen immer noch mehr dazu.“

Gemeinsam gehen wir die Regale ab. Unter jeder Flasche hängt ein kleines Etikett mit der Nationalflagge des Landes, aus dem das Bier stammt. Sorgfältig nach Ländern sortiert, ziehen sich so die bunten Farben die Regalbretter entlang. Neben jeder Flagge stehen der Name des Biers, die Größe der Flasche, der Alkoholgehalt und der Preis geschrieben. Alles Wissenswerte auf einen Blick. Und, das wird mir erst auf den zweiten Blick bewusst, in Englisch, in für mich „ganz normalen“ Buchstaben, nicht in Kyrillisch.

Viele Regalfächer zieren die üblichen Verdächtigen: Dänemark, Norwegen, Deutschland, Großbritannien und die USA sind stark vertreten, Belgien und Italien natürlich auch. Aber, und das überrascht mich sehr, auch Rumänien füllt ein ganzes Regalfach. Ausgerechnet Rumänien, von dem mir mein rumänischer Nachbar immer erzählt, da gebe es überhaupt keine trinkbaren Biere, und Craftbier schon gleich gar nicht. Ich glaube, ich werde ihn da mal mit ein paar Beweisfotos konfrontieren müssen.

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fein säuberliche sortierte Regale

Hier und heute interessiert mich natürlich Bulgarien am meisten, und da finden sich gleich mehrere Regalfächer mit der weiß-grün-roten Flagge. „Aber bevor ich Dir was zu den Brauereien erzähle, holen wir uns erst mal was zu trinken!“, sagt Svilen. Es stellt sich heraus, dass 100 Beers nicht nur Flaschen und Dosen verkauft, sondern auch zwei Zapfhähne hat, so dass man während des anstrengenden Entscheidungsprozesses, welche Biere man denn heute unbedingt kaufen muss und welche beim besten Willen nicht mehr in den Rucksack passen, egal, wie sehr man auch drückt und quetscht, wenigstens nicht verdursten muss. Heute gibt es das Põhjala Öö, ein Baltic Porter mit 10,5% Alkohol, und das Glarus Porter mit gerade einmal halb so viel Prozenten.

Die Entscheidung fällt relativ leicht – erstens will ich hier vor Ort einheimische Biere verkosten, und zweitens würde mich ein Zehnprozenter am frühen Nachmittag in den Orbit schießen und die Biertour rund durch die Stadt vorzeitig beenden. Also das Glarus Porter. Die Brauerei Glarus befindet sich in Varna, direkt an der Schwarzmeerküste, und ist nach der dort verbreiteten Möwenart benannt. (Wobei zuverlässige Quellen behaupten, dass man eben dort, am Schwarzmeerstrand, auch die Charmeure und Frauenhelden, die den Strand als Jagdrevier benutzen, als Glarus bezeichnet.)

Das Porter jedenfalls ist sehr ordentlich. Tiefschwarz, leicht röstig, trotz des geringen Alkoholgehalts sehr rund und voll. Ein schönes Bier, um es jetzt Schluck für Schluck zu genießen, während wir das Bulgarien-Regal näher in Augenschein nehmen.

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man kann es sich hier auch für einen Moment gemütlich machen

Eine gute Handvoll echter Brauereien gebe es, erzählt Svilen, und daneben einige Wanderbrauer, die ihre Biere beispielsweise in Belgien oder den Niederlanden produzieren. Er deutet auf eine Flasche von Byal Shturk, Weißer Storch. „Diese solltest Du unbedingt mitnehmen!“ Dann kommen die Biere von Glarus. „Die lohnen sich eigentlich alle.“ Es folgt Hills Beer. „Die haben eine neue Brauerei kurz vor Plovdiv. Die Biere kann ich Dir empfehlen.“ Als nächstes Zhivo Pivo. „In interessantes Konzept. Nimm mal mit!“ Rhombus. „Aus Pazardzhik. Pack ein!“ Trema i Dvama. „Prima. Nimm mit!“ Ah. „Kauf!“

Die Brauereinamen werden immer kürzer. Die Aufforderungen, das Bier mitzunehmen, auch…

Die dezenten Hinweise, dass erstens, der Rucksack recht klein sei, dass ich zweitens, mit dem Flugzeug hier bin und keine großen Mengen an Flaschen mit heimnehmen kann, und dass, drittens, meine Abende im Hotel auch nicht ausreichen würden, Dutzende von Bieren zu trinken, verhallen ungehört.

Und so kommt es, wie es kommen muss: Beim Packen und Räumen fällt mir eine Flasche mit Schwung auf den Boden. Ich halte den Atem an, aber sie zerbirst nicht, lediglich der Kronkorken bläst ab und eine kleine Bierschaumpfütze bildet sich.

Nun, so machen wir das Beste daraus, lassen uns Plastikbecher geben und trinken die unbeabsichtigt geöffnete Flasche halt auf dem weiteren Weg. Beer to go, gewissermaßen.

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100 Beers

Vorher kommt aber noch die Herausforderung, wirklich die Biere auszuwählen, die ich realistischerweise tragen und später auch trinken kann, und nicht den halben Laden leer zu kaufen. Ich lasse die Augen noch einmal die Regalwände entlang wandern, sehe spannende Bierspezialitäten aus aller Welt, das Trappistenbier der US-amerikanischen Brauerei Spencer, beispielsweise, und staune. Der Betreiber hinter diesem Lädchen, Rostislav Bakalov, muss entweder ein hervorragendes Netzwerk oder einen ausgezeichneten Importeur haben, denn viele der Biere, die hier stehen, sind in anderen Regionen Europas nicht einfach zu bekommen. Hut ab!

Ich beschränke mich weise auf ein gutes Dutzend Flaschen, allesamt aus Bulgarien. Der Reißverschluss des Rucksacks geht mit Mühe gerade noch zu, das leise Klimpern der Flaschen wird mich den Rest des Tages begleiten. Den Plastikbecher mit dem Raï Session IPA von Byal Shturk in der Hand (das war die Flasche, die mir heruntergefallen war), verlassen wir den kleinen Bierladen. Ich bin mir sicher: Würde ich in Sofia wohnen oder häufiger hierher kommen, Rostislav Bakalov würde es wohl gelingen, mich bei jedem Besuch erneut mit spannenden, neuen Bieren zu überraschen!

Der kleine, aber gut sortierte Bottle Shop 100 Beers ist täglich von 10:00 bis 22:00 Uhr geöffnet, sonnabends und sonntags „nur“ bis 20:00 Uhr; kein Ruhetag. Zu erreichen ist er von der U-Bahn-Station „Sofia University St. Kliment Ohridski“ („СУ „Св. Климент Охридски“) der Linien M1 und M2 in fünf Minuten zu Fuß.

Bilder

100 Beers Sofia
Yuri Venelin 1
1000 Sofia
Bulgarien

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