Brauhund
Wien
AUT

Merkwürdig. Jetzt habe ich in den letzten drei Jahren so viele Wochenenden in Wien verbracht und die Wiener Bierszene versucht, zu erkunden, aber der Brauhund, die kleine Bierbar im 15. Bezirk, ist mir dabei immer durchgerutscht. Dabei wäre es vom Westbahnhof aus, wo ich meistens mein Hotel hatte, gar nicht so weit gewesen. Fünf Minuten zu Fuß, mehr nicht.

Aber jetzt, am Vorabend des Craft Bier Fest Wien, ist es endlich an der Zeit, auch hier einmal einzukehren und eine der letzten Wissenslücken zu schließen.

Im Nieselregen gehen wir ein paar Schritte von der U-Bahn-Station die Märzstraße entlang und stehen vor dem Eingang. Im gleichen Moment fällt es mir wieder ein: Vor rund zwei Jahren habe ich schon einmal vor dem Brauhund gestanden, hatte damals aber so was von überhaupt keine Lust, mich den Rauchschwaden auszusetzen, die gefühlt schon unter der Tür hindurch auf die Straße quollen, und war dann doch weitergegangen.

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Brauhund

Heute sieht es nicht so schlimm aus, offensichtlich hat man hier mittlerweile endlich auch einen rauchfreien Bereich eingerichtet. Und es ist auch noch früh, da ist die Luft eh noch nicht zum Schneiden dick.

Groß ist der Brauhund nicht, gerade mal zwei kleine Schankräume. Der vordere, in dem sich auch die Theke befindet, ist mittlerweile zur rauchfreien Zone erklärt worden; hier kann man sich auch als Nichtraucher so halbwegs aufhalten, auch wenn durch die offene Tür zum hinteren Bereich einiges an Nikotingestank nach vorne zieht.

Es ist nicht ungemütlich, die Atmosphäre erinnert ein wenig an die niederländischen braunen Biercafés: Dunkel gestrichene Wände, gedimmtes Licht, Kunst an den Wänden und ein gewisses Sammelsurium an Gegenständen, zu denen die Gäste, die den Brauhund regelmäßig besuchen, bestimmt spannende Geschichten erzählen können, wann, wie und vor allem warum nun gerade diese ungewöhnliche Chimay-Flasche auf die Fensterbank gekommen ist, oder wer die wunderlichen aber nicht unästhetischen Kunstwerke an der Wand gemalt hat.

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Kunstwerke an der Wand

Fünf Zapfhähne an der Theke offerieren ein gelegentlich wechselndes Biermenü; die Karte auf dem Tisch bietet dann noch zwei Dutzend weitere Biere aus der Flasche an. Das war’s dann auch fast schon. Eine eigene Küche gibt es nicht; die Stammgäste ernähren sich von Bier und Nikotin. Aber die Bier-Auswahl ist interessant, das lohnt sich grundsätzlich schon.

Zusammen mit der rockigen Musik, die zwar deutlich zu hören ist, aber nicht so laut wird, dass man sich an den Tischen anschreien muss, formt sich das Ganze zu einer klassischen Bierkneipe, in der man sich wirklich „auf ein Bier“ trifft. Und ein paar interessante Gespräche. Sonst nichts.

Kein Hipstertum, keine Zwangsunterhaltung, kein Schicki-Micki. Eine Bierkneipe. Basta.

Eine ganz kleine Besonderheit gibt es heute aber doch, im Vorgriff auf das Craft Bier Fest Wien, das morgen beginnen wird, ist in zahlreichen Bars und Kneipen der Stadt ein Tap Takeover, oder cool einfach nur TTO abgekürzt, durch jeweils eine andere Brauerei. Im Brauhund heute ein TTO der Brauerei Tiny Rebel aus Wales. Vier der fünf Hähne bieten deren Biere; der fünfte Hahn bleibt bei der Frastanzer Brauerei, um die Stammgäste nicht zu verschrecken.

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Tiny Rebel TTO

Zum Glück gibt es kleine Gläser, und so können wir auch zu früher Stunde schon mehr als nur ein Bier verkosten. Es geht los mit dem Peaches & Cream India Pale Ale, einem sehr fruchtigen, kräftig süßen und nur dezent bitteren Bier mit 5,5% Alkohol. Wäre es nicht so diskriminierend, dann läge mir fast der Begriff Damenbier auf der Zunge. Süß, fruchtig, süffig.

Meine holde Ehefrau nimmt sich lieber das Piñata Colada Pale Ale und straft mich mit der Assoziation Damenbier Lügen. Denn auch wenn es ebenfalls recht fruchtig ist, erweist sich das Piñata Colada bei gleichem Alkoholgehalt als deutlich bitterer und kräftiger. Trotz ausgeprägter Kokosnussaromen eher ein Männerbier.

„Wollen wir tauschen?“, biete ich nach dem ersten Schluck an beiden Gläsern an, ernte aber nachdrückliches Kopfschütteln. Von wegen Fruchtbier = Damenbier. Hier geht es um das komplexere Geschmackserlebnis, und das bietet definitiv das herbere Pale Ale.

Eigentlich wollen wir jetzt weiter, denn es regt sich der erste Hunger, aber wenigstens für ein drittes kleines Glas muss es noch reichen, und so teilen wir uns das But Did You Die?, ein New England India Pale Ale mit 6,0% Alkohol. Kräftig trüb steht es im Glas, riecht sehr fruchtig, verspricht einen saftigen, runden und süßlichen Geschmack und enttäuscht mich, wie fast alle NEIPAs, mit dem Kontrast zwischen zuckersüßem Aroma und Antrunk und bitterem Abgang. Nichts gegen bittere Biere, nichts gegen zuckersüße Biere. Aber in der Form, wie beide Geschmackserlebnisse beim NEIPA aufeinanderfolgen, gefällt es mir einfach nicht. Anerkennen muss ich allerdings, dass dieses dem Stil entsprechend sehr gelungen ausgefallen ist und die Connaisseurs dieses Stils sicherlich erfreut.

Jetzt treibt uns der Hunger aber doch los, und wir machen uns wieder auf in den Nieselregen.

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fünf Fassbiere

Brauhund. Eine Bierbar ohne Schnickschnack. Fünf Fassbiere, zwei Dutzend Flaschenbiere. Eine gute Auswahl in klassischer Kneipenatmosphäre. Leider aber selbst im Nichtraucherbereich ziemlich nikotinverstunken.

Der Brauhund ist täglich ab 17:00 Uhr bis tief in die Nacht geöffnet; kein Ruhetag. Sonntags ist bereits ab 15:00 Uhr geöffnet – für die Bierliebhaber, die dem Nachmittagskaffee bei der Schwiegermutter entfliehen wollen, wahrscheinlich. Zu erreichen ist die Bar in fünf Minuten zu Fuß von der U-Bahn-Station Schweglerstraße, Linie U3.

Bilder

Brauhund
Märzstraße 25
1150 Wien
Österreich

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