Reinheitsgebot – Verbraucherbetrug?
Wir fragen die aufgeklärten Biertrinker
Heute: Boris

MiniaturWir fragen die aufgeklärten Biertrinker, denn viele der Brauer haben inzwischen vom Bayerischen Brauerbund einen Maulkorb verpaßt bekommen. Da es beim Bier aber um den Verbraucher geht, soll er doch mal zum Zuge kommen.

Boris, 1970, Ahrensburg

1. Erinnerst Du Dich noch, wie es für Dich war, als Du realisieren mußtest, daß der Begriff Reinheitsgebot nur ein Marketinginstrument ist, und daß in Wahrheit nach dem Lebensmittelgesetz gebraut wird?

Miniatur (2)Tja, „gebraut nach dem vorläufigen Biergesetz von 1993“ liest sich auf dem Flaschenetikett natürlich nicht so gut. Da mir das Reinheitsgebot immer ziemlich egal war, war ich auch nicht überrascht, als ich irgendwann gelesen habe, dass es dieses faktisch gar nicht als Gesetzesgrundlage gibt. In meinen Braukursen mache ich den Teilnehmern aber eindrücklich klar, dass das Reinheitsgebot absolut nichts mit Qualität zu tun hat. Das ist mir wichtig. Ebenso dass entscheidend ist, ob ein Bier schmeckt – nicht was drin ist. Solange es sich um natürliche Zutaten handelt.

Wirklich geschockt war ich allerdings, als ich zum ersten Mal die Liste gesehen habe, in der festgehalten ist, welche Zusatzstoffe während des Brauprozesses verwendet werden dürfen: Aktivkohle, Asbest, Blausäure, Formaldehyd, Hexan, Schwefelsäure, PVPP, Kochsalz, Zucker, Zuckercouleur und viele mehr. 66 Zusatzstoffe sind erlaubt.

Das liest sich echt lecker. Besonders der Zuckercouleur hat es mir angetan, denn es entspricht tatsächlich dem Reinheitsgebot, aus einem hellen Bier durch Zugabe von Zuckercouleur ein Dunkles zu machen. Auf so eine Idee würde ein anständiger Brauer doch gar nicht kommen!

Meine Brauerei hat ja den Slogan „Garantiert nicht nach dem Reinheitsgebot gebraut.“

Das kommt erstaunlich gut an, und die Konsumenten sind immer wieder erstaunt, wie spannend und anders es schmecken kann, wenn man mit Gewürzen, Kräutern, Kaffee oder Ahornsirup arbeitet. Auch aus der Craft-Brauer-Szene bekomme ich viel Zuspruch und sehe mit Freude, dass mehr und mehr Brauereien mal was herstellen, was jenseits des Reinheitsgebotes ist. Der Ruf nach einem „Natürlichkeitsgebot“ wird immer lauter. Gut so!

Asbest, Hexan und Blausäure: ja

Vanilleschoten, Kardamom und Rosmarin: nein?

Das ist doch paradox!

2. In 2012 hat die Verbraucherzentrale ganz deutlich am Beispiel der Erdinger Brauerei entschieden, daß auf den Bieretiketten nicht mehr stehen darf „Gebraut nach dem Bayerischen Reinheitsgebot von 1516“ und das nach dem Lebensmittelgesetz gebraut werde. Man möchte meinen, daß diese Aussage zu einem Aufschrei in Deutschland und zu einer Abwendung von den Bieren, die nach dem Reinheitsgebot gebraut sind, geführt haben müßte. Tatsächlich ist verbraucherseitig nichts passiert! Kannst Du mir erklären?

Miniatur (2)Das liegt sicherlich am Stellenwert, den Bier in unserer Gesellschaft hat. Mit der Craft-Bier-Bewegung tut sich zwar etwas, aber größtenteils beschränkt sich die Bierkultur der Deutschen auf Feierabendpils und „Sechserträger, Fussi gucken“. Das einzige, was den Durchschnittskonsumenten an Bier interessiert, ist doch das aktuelle Sonderangebot im Getränkemarkt. Würde er sich mehr für sein Bier interessieren, würde die oben erwähnte Liste der Zusatzstoffe auch bekannter sein und der Konsument sich mit kaltem Grausen abwenden.

Ich könnte mir vorstellen, dass dem Brauerbund sehr daran gelegen ist, möglichst wenig Verbraucheraufklärung in dieser Hinsicht zu betreiben. Lass diese Liste mal von der größten deutschen Tageszeitung auf der Titelseite drucken – dann wäre er da, der Aufschrei.

Im Beispiel Erdinger geht es ja um den Weizen, das laut Reinheitsgebot nicht verwendet werden darf. Das hatte Herzog Wilhelm IV. anno 1516 geschickt eingefädelt, denn tatsächlich durfte auch damals mit Weizen gebraut werden, wofür man allerdings die Genehmigung des Herzogs benötigte. Und die hat er sich gut bezahlen lassen. Das Reinheitsgebot war also auch ein Selbstbereicherungsgesetz.

In der Liste der erlaubten Zusatzstoffe ist Weizenmalz übrigens aufgeführt. Die Argumentation der Brauerei, die Wortauslegung des Reinheitsgebotes greife zu kurz, schließlich sei auch Hefe zum Brauen notwendig, die ebenfalls nicht dort erwähnt wird, lass ich mal lieber unkommentiert.

3. Im kommenden Jahr feiert das Bio-Reinheitsgebot sein 25jähriges Bestehen. Nach inständigem Bitten des Bayerischen Brauerbundes sehen sie aber von Feierlichkeiten ab und überlassen dem Brauerbund die Festbühne. Welche Gedanken kommen Dir dazu?

Miniatur (2)Das Bio-Reinheitsgebot ist der richtige Ansatz: Keine Chemie, nur natürliche Zutaten, möglichst aus der Region. Das entspricht absolut dem Zeitgeist. „Bio“ halte ich allerdings für übertrieben, das gäbe der Rohstoffmarkt auch nicht ansatzweise her. Aber ich komme noch mal auf das „Natürlichkeitsgebot“ zurück, das ich in der ersten Frage erwähnte: Würde sich das durchsetzen, bekämen zahllose größere Brauereien massive Probleme. Das fängt bei der Wasseraufbereitung an („Felsquellwasser“ – ich lach mich weg…) und geht beim Chemiebaukasten weiter. Es ist doch klar, dass der (Bayerische) Brauerbund Angst hat, dass ihm die Felle davonschwimmen und alles dafür tut, noch möglichst lange den Deckel auf der Büchse der Pandora zu lassen.

4. Inzwischen haben wir es in der Branche mit einem dritten zu klärenden Begriff zu tun: CRAFT, Handwerk. Auch steht Marketing im Vordergrund, und daß das Handwerk sekundär ist, beweist beispielsweise die Tatsache, daß eine Störtebeker Brauerei sich in Braumanufaktur umbenannt hat (geschätzter Ausstoß 200.000 hl). Wollen wir betrogen werden? Wollen wir in unseren Köpfen diese Bilder vom verschwitzten Brauer, der nachts bei Mondenschein mit seiner Mutter noch das Gebräu umrührt?

Miniatur (2)Das ist eine schwierige Frage. Definiert sich der Begriff „Craft“ über die Ausstoßmenge? In den USA gibt es zahlreiche Brauereien, die deutlich mehr ausstoßen als Störtebeker, aber als Craft-Beer-Brauereien gelten. Samuel Adams beispielsweise kommt auf Millionen hl. In Deutschland wäre die Marke damit unter den Top-15 der größten Brauereien gelistet.

Ich denke, „Craft“ definiert sich eher über die Philosphie und die Menschen, die hinter den Produkten stehen. Ratsherrn wird ja auch oft vorgeworfen, zu groß für eine Craft-Brauerei zu sein. Aber wenn man dort Ian an seiner Versuchsanlage sieht und merkt, wie intensiv er sich beispielsweise mit dem Thema Holzfassreifung befasst, dann ist das in meinen Augen eindeutig „Craft“. Auch wenn es dann auf der großen Anlage gebraut wird. Ein anderes Beispiel ist Craftwerk. Hier entstehen die Produkte in der Versuchsanlage der Bitburger Brauerei. Da höre ich auch immer wieder: „Großkonzern, geht gar nicht, die wollen bloß ihre Marktanteile retten, indem sie jetzt auf Craft machen.“ Dachte ich übrigens auch, bis ich die Biere probiert habe. Stünde der Konzern da steuernd und beeinflussend dahinter, gäbe es unter dem Label sicherlich kein Belgisches Tripel mit 9% Alkohol, in dem zahlreiche Hefeflocken herumschwimmen. Auf der anderen Seite gibt es auch Brauer, die ein langweiliges Pils als „Craft“ vermarkten, bloß weil die Brauerei sehr klein ist. Das ist in meinen Augen viel unehrlicher. Aber letztlich wollen wir natürlich betrogen werden. Man muss nur genug Werbung für etwas machen, dann glauben die Leute es. Als hauptberuflicher Fotograf kenne ich mich ja mit manipulativer Bildsprache gut aus. Kauf mal eine Dosensuppe und schütte sie in den Topf. Dann guck das Foto auf der Dose und den Topfinhalt an und stell die Frage, was das eine mit dem anderen zu tun hat.

Jüngstes Beispiel für die manipulative Kraft der Werbung ist eine Großbrauerei, die mit einem riesigen Werbeetat drei neue Biere auf den Markt gebracht hat, die zwar nicht behaupten, „Craft“ zu sein, aber das doch massiv suggerieren.

5. Was wünschst Du persönlich Dir für Dein Bier?

Miniatur (2)Für das, was ich braue oder das, was ich trinke?

Bei dem, was ich braue, würde ich gerne mal größere Mengen produzieren, als das mit meiner winzigen Anlage möglich ist. Denn ich denke, der Markt ist vorhanden. Dafür habe ich schon erste Gespräche geführt, ebenso was Kollaborations-Bier angeht.

Bei dem, was ich trinke, wünsche ich mir, dass mehr Brauereien spannendere Biere produzieren. Ich spreche jetzt nicht vom Einheitsgeschmack der Fernsehbiere, die kommen mir eh nicht ins Haus. Aber das Angebot vieler Brauereien beschränkt sich auf Pils, Dunkles, Weizen und – falls sie richtig innovativ sind – noch einen Maibock. Da ist so vieles geschmacklich austauschbar und langweilig. Unnötig, denn selbst innerhalb des Reinheitsgebotes lassen sich tolle Biere produzieren. Dazu muss ich mir nur die ständig wachsende Bandbreite an Hopfen ansehen. Was da an Aromen möglich ist, ist einfach phantastisch. Man muss es nur nutzen.

Fragen: Esther Isaak
wiederveröffentlicht von Bierguerilla
mit freundlicher Genehmigung der Autorin

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