Martin Dambach:
Der Brauerbund reitet tote Pferde für das Reinheitsgebot

MiniaturWisst Ihr was witzig ist? Der Rückgang des Bierkonsums findet ja trotz des beharrlichen Festhaltens am Deutschen / Bayerischen Reinheitsgebot statt. Wenn nun die Bierfunktionäre des Bayerischen Brauerbundes noch fester eine im nächsten Jahr 500 Jahre alt werdende Verordnung beschwören, passiert was?  Wird sich dann eine wundersame Bier-Trinklaune in Deutschen Landen breit machen?  Oder geht man in Bierfunktionärskreisen davon aus, dass ohne Reinheitsgebot der Rückgang noch kräftiger ausfallen würde? Aus Sicht des genussfreudigen Bier-Weltbürgers sieht es jedenfalls so aus, als ritte man tote Gäule noch schneller noch töter.

In den markigen Ausführungen in den Bayr. Brauerbund e.V., Mitteilungen Nr. 9 vom 29.09.2014 (ebenfalls veröffentlicht in Brauwelt 44, 2014) dokumentieren sich in gestelztem Juristensprech paragraphenkundige Rückwärtsgewandtheit und ein verengtes Blickfeld auf eindrucksvolle Weise. So wenig Witbier eine besondere Tradition in Deutschland haben mag, so wenig haben es Spaghetti Bolognese oder Pizza. “JA” zu den Spaghetti auf deutschen Tellern, “NEIN” zum Witbier und erst Recht ein bockiges “Tripel-NEIN” zu einem in den Grenzen Bayerns gebrauten Witbier. “NEIN, NEIN, NEIN, mein Witbier trink ich nicht”, bockt da der Suppenkasper – oder aber vielleicht doch, nur heimlich, still und leise ? – Aber brauen soll man dieses Wit zumindest im Weißblauen Bayern niemals dürfen, dafür sorgen – bierernst und blasiert – Bierschützer, Bierblockwarte und Volks-Vorkoster unter dem Vorwand des Verbraucherschutzes.

Es gehört eine ordentliche Portion Stammwürze dazu, den Konsumenten und Produzenten vorschreiben zu wollen, wieviel Vielfalt für sie ausreichend ist. Warum sollten 28 Millionen oder Milliarden reinheitsgeborene Geschmacksnuancen ausreichen, wenn doch der 28 Millionste und EINs Geschmack ganz besonders toll sein könnte? Woher wissen die Herren wie sich die Bier-Geschmäcker der Biertrinker und Biertrinkerinnen in Zukunft entwickeln werden? Und wenn nur einer von 10.000 Biertrinkern, – die Trinkerinnen vergessen wir sowieso gerne – aus Bayern gerne einmal ein Witbier zu den Weißwürsten trinken möchte, wieso sollte er/sie es nicht bekommen dürfen? Warum muss er/sie dann zu einem Bier aus Belgien greifen, obgleich der bayerische Brauer, hervorragend ausgebildet in Deutschland, das genauso gut brauen könnte?

Neulich aß ich doch Würste mit Krautfüllung und Orangenschalen, kredenzt von Chef Hansen. Das war ein Hit! Gottseidank saß der deutsche Bratwurst-Beauftragte nicht mit am Tisch, der hätte uns allen glatt die gute Laune versaut. Dazu gab’s ein IPA nach dem Reinheitsgebot und gewürzte Bierschweinereien. Man stelle sich nur vor, es gebe so etwas wie ein Reinheitsgebot für Brot in Deutschland. Jemand hätte also vor 500 Jahren eine Verordnung erlassen, die regelt, welche Zutaten im Brot verwendet werden dürfen. Aus heutiger Sicht mit einer einzigartigen Brotvielfalt in Deutschland mit einer hohen Zahl möglicher Zutaten, ein absurder Gedanke. Statt Brotvielfalt predigt der Bayerische Brauerbund gebetsmühlenhaft und unverdrossen Bierstil-Einfalt.

Die gerne vorgetragene Befürchtung, Vertrauen und Ansehen in das Deutsche Bier würden substantiell beschädigt werden im In- und Ausland, wenn deutsche Brauer ihre Zutatenliste erweitern, ist in etwa so begründet, wie die Angst der Fernsehpils-Brauer, ihren Markenkern zu schädigen, wenn Sie “Craft” brauen. Wenn das “Reinheitsgebot” eine so hohe Strahlkraft hätte, wie behauptet, müssten wir uns ja über den Rückgang des Bierkonsums keine Gedanken machen. Sträflich unterschätzt wird beim Bayerischen Brauerbund auch die Innovationskraft der zum Bier konkurrierenden Getränke. Neue Limonaden, Mischgetränke, hippe Energy-Drinks, Wein von überall, zelebrierte Spirituosen und Drinks und was es in Zukunft noch alles geben mag, werden mit aufregender Werbung Aufmerksamkeit und Konsum auf sich ziehen. Und dann werden sich immer noch die gleichen, goldenen Gerstenähren auf todlangweiligen Bieretiketten im lauen, vorgestrigen Public-Relation-Wind der Brauerbünde wiegen: schöne alte, heile, reine Welt.

Die Position des Bayerischen Brauerbundes – kein Bier das nicht dem Reinheitsgebot entspricht darf in Bayern gebraut werden – ist weltfremd, Wettbewerb ignorierend, verstößt gegen Prinzipien der Freien Marktwirtschaft, ist innovationsfeindlich, begünstigt Stillstand und verhindert eine kraftvolle Renaissance des Bieres in Deutschland und kostet Arbeitsplätze, zumindest die des einen bayerischen Witbierbrauers, in Wirklichkeit sind es viel mehr. Bierkultur muss mit anderen Mitteln gefördert werden und nicht mit Geboten eingehegt werden. Dazu mehr in einem späteren Beitrag.

Tote Pferde muss man begraben. Wer auf toten Brauereipferden das Deutsche Bier retten möchte, macht sich einfach nur noch lächerlich. Der bayerische Herrgott möge es Koriander, Salz, Wachholder, Chili, Paradieskörner, Pfeffer, Ingwer, Honig, Lavendel, Salbei, Thymian, Nelken, Vanille, Gagelstrauch, Zapfen und Triebe jeglicher Art und was es sonst noch alles geben mag, aus dem weiß-blauen Bierhimmel in die Gärbottiche regnen lassen. Zeitgeist, Neugier, Internationalität, Handwerk, Experimentierlust und Rückbesinnung auf historische Bierstile sind allemal stärker als paragraphengefasstes Juristensprech. Zum Wohle.

Autor: Martin Dambach
wiederveröffentlicht von Bierguerilla
mit freundlicher Genehmigung seiner Mit-Guerillera Esther Isaak

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