Wie alles begann:

Ich habe Ende der neunziger Jahre zum ersten Mal für einige Zeit in Polen (Warschau) gelebt und gearbeitet – es war dies eine Zeit des Auf- und Umbruchs, der durch die gesamte Gesellschaft ging und natürlich auch die Bier- und Brauereikultur erfasste. Alte Brauereien vergingen, neue entstanden, in den Regalen der Supermärkte zeigten sich zaghaft die ersten Bierspezialitäten, und ein kleines Team aus Krakau gab ein unregelmäßig erscheinendes Magazin namens „Piwosz“ („Der Bierliebhaber“) heraus. Gemeinsam mit meinem polnischen Freund Dr. Andrzej Sadownik knüpften wir Kontakt zu den Herausgebern Ziemowit Fałat und Paweł Plinta, und schließlich entschloss ich mich, zwei kurze Artikel über das Hausbrauen zu schreiben.

Logo der polnischen Hausbrauervereinigung PSPD
Logo der polnischen Hausbrauervereinigung PSPD

Welche Lawine das lostreten würde, war mir zunächst nicht bewusst, aber mit ein paar Jahren Abstand kann ich nun sagen, dass diese Artikel gemeinsam mit weiteren Aktivitäten Andrzejs wohl eine Art Initialzündung für das polnische Hausbrauwesen gewesen sind – und es macht mich stolz, dass beispielsweise Dorota Chrapek, die Gewinnerin des Jahres 2010 im größten polnischen Hausbrauwettbewerb in Żywiec, die es in Folge dieses Sieges zu nationaler Berühmtheit in der Bierszene brachte, mir einmal ganz im Vertrauen verriet, dass es eben diese Artikel im „Piwosz“ seinerzeit gewesen seien, die sie dazu animiert hätten, mit diesem faszinierenden Hobby zu beginnen.

Wenn das Ende meines Aufenthaltes in Polen im Sommer 2001 auch gleichzeitig das Ende meiner dortigen Hausbrauaktivitäten bedeutete und es mir somit verwehrt blieb, prägend auf die sich nun rasch entwickelnde Hausbrauszene Einfluss zu nehmen, so war es doch mein guter Freund Andrzej, der diese Rolle weiter ausgefüllte. Unermüdlich sowohl in der Hausbrauerszene als auch in der Welt der kommerziellen Brauereien unterwegs und aktiv, gilt er mittlerweile als der Urvater und Guru der modernen polnischen Bierkultur – wenn es nicht zu platt klänge, gewissermaßen als der polnische Michael Jackson. Wo immer er auftritt, gilt er als die graue Eminenz, als die fachliche Autorität, und mit Ruhe und Sachlichkeit vermag er Diskussionen rasch auf den Punkt zu bringen. Meinungsverschiedenheiten, Unsicherheiten, offene Fragen – er weiß auf alles eine Antwort, und seine umfassende Fachexpertise beendet so manche Biertisch-Streiterei mit einer klaren Stellungnahme – immer dem alten Motto folgend: Roma locuta, causa finita.

Andrzej und mich verbindet eine mittlerweile viele Jahre alte, enge Freundschaft, und so freue ich mich, dass es uns gemeinsam gelungen ist, das Hausbrauen zu einer festen Größe in diesem herrlichen Land zu machen; und von Zeit zu Zeit krame ich die alten „Piwosz“-Heftchen hervor und blättere durch die beiden kurzen Artikel, mit denen alles begann:

Nawarz Piwa! (Teil 1: Piwosz – Juni 2000)
Nawarz Piwa!
(Teil 1: Piwosz – Juni 2000)
Nawarz Piwa! (Teil 2: Piwosz – September 2000)
Nawarz Piwa!
(Teil 2: Piwosz – September 2000)

Und auch Ziemowit Fałat hat anlässlich des 15. Jahrestages der Herausgabe des ersten „Piwosz“ einmal sentimental in den Archiven gestöbert, wie dieser Artikel in der Vereinszeitung der Polnischen Hausbrauervereinigung zeigt:

„Piwosz“ 1997 – 2002
„Piwosz“ 1997 – 2002

Während eines zweiten beruflich bedingten Aufenthaltes in Polen (2010 bis 2012 in Stettin) konnte ich natürlich die alten Verbindungen rasch wieder aufnehmen und mich erneut stark in der polnischen Hausbrauerszene engagieren. Selbstredend, dass ich in diesem Zeitraum auch in den gerade erst gegründeten polnischen Hausbrauerverband Polskie Stowarzyszenie Piwowarów Domowych – PSPD) eingetreten bin, und ich hatte das Glück, gleich in der Nullnummer der Vereinszeitschrift einen kleinen Artikel über das deutsche Hausbrauerwesen platzieren zu können:

My, Piwowarzy Niemieccy
My, Piwowarzy Niemieccy

Im Rahmen meiner Möglichkeiten und soweit es mir die Zeit und die Entfernung erlauben, versuche ich nach wie vor, so oft wie möglich an Veranstaltungen der polnischen Hausbrauer teilzunehmen. Als Dank für dieses Engagement haben mich die Mitglieder der PSPD im März 2013 sogar in den Vorstand gewählt, und ich habe nun die Ehre, zusammen mit fünf weiteren netten Vorstandsmitgliedern über die Geschicke des Vereins mitbestimmen zu können.

Dutzende der polnischen Hausbrauer, die ich im Laufe der Jahre kennengelernt habe, haben mittlerweile den Schritt zum kommerziellen Brauer gemacht. Einige von ihnen sind in Gasthausbrauereien fest angestellt und dürfen dort mit zum Teil beneidenswerter Freiheit ihre Phantasie mit immer neuen Kreationen ausleben. Anderen haben tief in die Tasche gegriffen und sich eine eigene Brauerei aufgebaut – sei es mit viel Eigenarbeit und selbst konstruierten Sudwerken, sei es mit etwas größerem Kapital und von Spezialfirmen gebauten Brauereien. Und wieder andere gehen ihren Weg als Wanderbrauer, Gipsy Brewer oder Browar Konkraktowy – wie auch immer man diese rechtliche Konstruktion nennen mag. Sie mieten sich in eine bestehende Brauerei ein, brauen dort mit oder ohne Unterstützung durch die Stammbelegschaft Biere nach ihren eigenen Rezepten und Vorstellungen und vermarkten sie anschließend unter eigenem Namen.

Diejenigen, die nicht in größerem Maßstab brauen wollen, eröffnen statt einer Brauerei lieber ein Bierfachgeschäft oder eine Bierbar, ein sogenanntes Multitap, mit Dutzenden, wenn nicht gar bis zu 100 Zapfhähnen, an denen Spezialbiere aus der ganzen Welt angeboten werden. Und jedes dieser Biergeschäfte, jedes dieser Multitaps klagt. Und zwar nicht über fehlende Kunden und Gäste, sondern darüber, dass sie das Bier gar nicht so schnell heranschaffen können, wie es nachgefragt wird. Kleinsude sind schon vor dem Abfülltermin ausverkauft, größere Sude nur Tage, manchmal gar Stunden nach der Premiere komplett ausgeschenkt. Die Importeure können die Fässer gar nicht so schnell aus aller Herren Länder heran transportieren, wie die Bierbars sie ihnen aus den Händen reißen…

Im Resultat ist in gerade mal einer Handvoll Jahren eine kunterbunte Bierszene in Polen entstanden, die ihresgleichen sucht. Und die selbst die großen Konzerne zum Nachdenken gebracht hat, denn zunehmend häufiger tauchen neue Bierkreationen der Großbrauereien Żywiec oder Tyskie auf, denen man ansieht, dass sie den Versuch darstellen, auf den Zug der neuen Bierszene mit aufzuspringen und Geld zu machen.

Viele interessante Erlebnisse, herzliche Begegnungen mit gastfreundlichen Menschen, kleine Feiern und große Feste – in der Kategorie Bier erleben, Unterkategorie Bierszene Polen findet Ihr meine Artikel und Berichte über meine Erfahrungen und Erlebnisse.

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