[Blick zurück auf Ende Februar]
Der Bus hält vor einer übermannshohen Mauer. Ich bin zwar erst seit gestern in Brasilien, aber das habe ich schon gelernt: Egal, wie hässlich eine Mauer sein mag, dahinter verbergen sich oftmals wunderbare Locations für spannende Erlebnisse! Insofern: Nix wie hinein!
Ein paar Schritte durch die verhältnismäßig schmale Tür, und dann stehe ich im Innenhof. Bunt erleuchtet, mit viel Grün, überall stehen Tische und Bänke, es spielt Livemusik, es ist laut, fröhlich, farbenfroh.

Captain Brew – Innenhof
Mittendrin mit zerzausten Haaren, Brille, Bart und ansteckendem Lachen: Flavio Jordok. Chef und Eigentümer der Brauerei Captain Brew. Er heißt unsere Gruppe, die Judges des Concurso Brasileiro de Cervejas Brasil 2026, willkommen, und erst nachdem jeder ausgiebig begrüßt und kräftig umarmt wurde, geleitet er uns nach hinten, wo er ein paar Tische reserviert hat – mit direktem Blick durch die Glastüren auf die Brauerei. Nicht schlecht!
„Da vorne könnt Ihr Euch von meinem Kölsch-Style Bier so viel zapfen, wie Ihr mögt, und alle anderen Fassbiere gibt es da hinten an der Theke! Aber wir haben nachher noch ein paar Spezialitäten, teilt Euch Eure Kräfte also sorgfältig ein“, sprudelt es aus ihm heraus. Ohne Punkt und Komma wechselt er zwischen Englisch und Portugiesisch, lacht, begrüßt, erklärt und organisiert. „Das hier sind zwei von meinen Brauern“, stellt er uns einen jungen Mann und eine junge Dame vor, die noch ein bisschen ratlos, fast noch verlegen, zwischen uns stehen. „Und wenn Ihr die Brauerei näher sehen wollt, geht einfach rein, die Glastür ist offen!“
Schon ist er verschwunden, und wir holen uns erstmal ein Kölsch. Kein sehr exotischer Bierstil, aber gelungen. Schön durchtrinkbar, und am Ende eines heißen Tages in Uberlândia, der Hauptstadt des Bundesstaats Minas Gerais, genau das richtige, um den Staub von der Zunge zu spülen.
Direkt neben dem kleinen improvisierten Ausschank steht ein Käse- und Wurst-Büffet, an dem wir uns nach Herzenslust bedienen dürfen. Minas Gerais ist für seine Käseproduktion berühmt, und so futtern wir uns erst einmal von links nach rechts durch all die angebotenen Sorten. Die Würste stehen den Käsesorten in nichts nach, und gemeinsam erzeugen all die kleinen Häppchen einen unbändigen Durst …
… den es zum Glück an der Theke zu stillen gilt. Captain Brew hat ein großes Portfolio an gut durchtrinkbaren Bieren, leicht, fruchtig, sauer, oft sich aber auch an klassischen europäischen Bierstilen orientierend (siehe das Kölsch von gerade eben), und so rauscht das eine oder andere Bier ganz wunderbar durch die Kehle.

im Sudhaus
Jetzt aber schnell in die Brauerei, ehe es alle Gäste gleichzeitig tun und das Gedränge zu groß wird. Die Anlage ist nicht sehr groß – ein Zugeständnis an den Wunsch von Flavio, immer wieder neue Rezepte und Bierstile auszuprobieren, immer wieder neue Sorten anzubieten. Ein bisschen kritisch äuge ich in einen der Kessel – da sind noch ein paar Reste vom letzten Sud drin. Flavio steht hinter mir und zuckt entschuldigend mit den Schultern. „Wir haben heute noch gebraut, und dann sind wir mit den Vorbereitungen für Euren Besuch fast nicht mehr fertig geworden. Normalerweise sieht das hier alles blitzsauber aus – da werden wir morgen eine Extraschicht einlegen müssen.“
Ja, man sieht, das die Verunreinigungen frisch sind, da ist noch nichts angetrocknet oder eingebrannt. Fast bekommen wir ein schlechtes Gewissen, dass wir Flavio und sein Team so unter Druck gesetzt haben.
Andererseits: Es ist ein toller und warmer Abend. Musik, Bier, Käse, Wurst, Menschen aus aller Welt, eine beeindruckend fröhliche und lockere Atmosphäre. Wunderschön!
Zeitsprung: Zwei Tage später sind wir erneut hier – am Ruhetag der Brauerei. Extra für uns gibt es ein riesiges Barbecue, natürlich wieder den ganzen bunten Reigen der Trinkbiere direkt vom Fass, aber heute hat Flavio mit seinem Team auch die eine oder andere Flasche mit Spezialitäten dabei. Fassgereifte, im Barrique ausgebaute Imperial Stouts, Barley Wines, Pastry Stouts und sonstige Spezialitäten. Kreuz und quer wird verkostet, und da es sich heute um eine geschlossene Veranstaltung handelt, dürfen auch wir die Biere, die wir aus aller Herren Länder mitgebracht haben, auf den Tisch stellen und teilen. Ein gigantischer Bottle-Share beginnt, bei dem Biere von nahezu allen Kontinenten verkostet werden können. Klassische Stile, neue Wilde, bunte Kreative – es ist alles vertreten, was man sich nur wünschen kann. Flavio ist happy, wir auch.

So feiern echte Sieger!
Noch viel glücklicher ist Flavio noch einmal zwei Tage später, bei der Awards Night des Concurso de Cervejas – er hat mit seiner Crew von Captain Brew in nahezu allen Kategorien, in denen er eingereicht hat, Medaillen abgesahnt – unter anderem als beste Brauerei des Bundesstaats Minas Gerais oder mit dem zweitbesten Bier Brasiliens überhaupt. Unter dem Sound von brasilianischen Trommeln mit wehendem Brauereibanner tanzen Flavio und sein Team beseelt durch den Saal und auf die Bühne, verbreiten fröhliches Chaos und zeigen uns Europäern, wie man in Südamerika so einen Erfolg standesgemäß feiert.
Woohoo! Captain Brew!
Der Taproom von Captain Brew ist donnerstags und freitags ab 17:30 Uhr, samstags schon ab 15:30 Uhr geöffnet. Es gibt Bier, Bier und noch mehr Bier, aber auch Livemusik, Bombenstimmung und Party. Wie fast alles in Uberlândia ist auch der Taproom am besten mit einem Uber zu erreichen. Spottbillig, insbesondere, wenn man sich die Fahrt mit mehreren teilt.
Captain Brew
R. Marieta de Castro Santos, 135
Altamira
Uberlândia, MG, 38411-004
Brasilien

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