Death Ave Brewing Company
New York
USA

Death Ave – die Allee des Todes. Was für ein martialischer Name! Ein wenig skeptisch sind wir zunächst schon, als wir den Namen dieser Brauerei zum ersten Mal lesen. Death Ave Brewing Company. Aber ein kurzer Blick zurück in die Geschichte der Stadt klärt uns auf:

Vor mehr als 150 Jahren verlief eine Eisenbahnstrecke entlang der 10th Avenue, so, als sei die Hudson River Railroad eine ganz normale Straßenbahn. Die teilweise mehrere Häuserblocks langen Züge schnauften die Straße entlang, blockierten den Straßenverkehr und immer wieder kam es zu tödlichen Unfällen mit unachtsamen Fußgängern, durchgegangenen Pferden oder, später, vorwitzigen Autofahrern. Nach fast 100 Jahren gefahrvollen Betriebs wurde die Eisenbahnstrecke 1941 stillgelegt; stattdessen fuhren die Züge nun über die Highline, eine aufgeständerte Eisenbahn, hoch über dem Straßenverkehr. Aber die 10th Avenue hatte ihren gruseligen Spitznamen weg: Death Avenue.

Auch die Highline wird mittlerweile nicht mehr betrieben, die stillgelegten Gleise wurden unlängst erst in eine Art Stadtpark umgewandelt; zwischen Schwellen und Schienen wachsen nun hübsche und seltene Pflanzen, und man kann über mehrere Kilometer hinweg den alten Streckenverlauf ablaufen, sich am – in Manhattan ja recht seltenen – frischen Grün erfreuen und die Aussicht auf die Stadt genießen.

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Death Ave Brewing Company

Genauso haben wir das heute auch gemacht, und nach einiger Zeit sind wir eine der Stahltreppen hinuntergestiegen und stehen jetzt vor der Death Ave Brewing Company.

Und sind erstmal enttäuscht: Die Fenster sind verklebt, drinnen wird offensichtlich umgebaut und renoviert.

Dann entdecken wir das kleine Schild: Der Barbetrieb geht weiter, bitte eine Tür weiter rechts.

Wir gehen durch die hübsche Holztür und kommen in eine schon auf den ersten Blick ansprechende, gemütliche Bar. Eine langgestreckte Theke linker Hand, hinter der Theke in zwei Reihen übereinander einige Casks, die Zapfsäule davor schmuck und stylish. Rechter Hand eine lange Reihe von Tischen, moderne Gemälde an der Wand, alles sehr harmonisch und einladend. Es ist frühe Mittagszeit, wir sind fast die ersten Gäste.

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die sehr ansprechende Bar

Ein Klemmbrett aus Holz präsentiert die Getränkekarte, sechs Biere werden hier angeboten; die Speisekarte offeriert eine interessante Auswahl von griechisch inspirierten, aber kreativ abgewandelten Gerichten.

Auf die Frage, welches Bier sie denn empfehlen könne, oder ob es gar einen Tasting-Flight gebe, schaut die junge Kellnerin mich sehr sparsam an. Erst nach einem Moment dämmert es ihr: „Ach ja, seit heute haben wir ja unser eigenes Bier“, stottert sie. „Da muss ich mal fragen.“

Jetzt ist es an mir, sparsam zu schauen. Seit heute? Und dann keine große Party, kein großes Event. Ab heute haben wir unser eigenes Bier, und selbst die Kellnerin weiß das nur auf Nachfrage?

Es stellt sich heraus, dass in den vergangenen Wochen nebenan die Brauerei installiert und die ersten Sude gefahren wurden. Vieles habe sich verzögert, anderes sei schneller gegangen als geplant, und heute, am 29. Juni 2017, sei die Firma dagewesen, die die Ausschanktanks mit der Zapfsäule am Tresen verbunden habe, und seit etwa 20 Minuten könne man also auch endlich das nebenan gebraute Bier trinken. Aber einen Tasting Flight gebe es noch nicht, solche Dinge kämen erst in den kommenden Tagen und Wochen, wenn überhaupt.

Ich bestelle mir ein Mr. Interesting, ein Farmhouse Ale mit 4,6%, und sehe zu, wie die Bardame hinter der Theke mit der Zapfanlage kämpft. Es kommt nur Schaum, dann eine Weile lang nur Luft, dann wieder Schaum. Aus dem Nebenraum, dem mit den abgeklebten Scheiben, in dem wohl auch das Sudwerk steht, kommt ein Techniker, hantiert an der Zapfsäule herum, findet den Fehler aber auch nicht auf Anhieb.

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die Quelle allen Übels:
die noch nicht richtig eingestellte Zapfsäule

Unsere Waitress kommt zu uns an den Tisch, verweist auf die Probleme und fragt, ob ich nicht lieber ein anderes Bier haben wolle, mit dem Farmhouse Ale gebe es, wie ich ja sehen würde, noch große Probleme. Okay, dann nehme ich halt ein Mr. Whiskers, ein Belgian Pale Ale, 5,1%. Auch hier läuft das Zapfen nicht ohne Probleme, aber irgendwann ist das Glas gefüllt und stolz stellt die Bedienung mir mein Bier hin. Das erste offizielle Bier aus der neuen Brauerei. „You are the first regular customer!“

„Wie schön“, denke ich und nehme einen großen ersten Schluck. Und bin enttäuscht. Belgian Pale Ale, das klingt nach Crossover zwischen hopfenaromatischem Pale Ale und phenolischen oder fruchtig-estrigen Aromen aus der belgischen Hefe, vielleicht auch ein wenig Pferdedecke von Brettanomyces. Aber dieses Bier hier ist sauer, und das passt überhaupt nicht zu dem hopfigen Charakter. Ist es absichtlich sauer, so wie ein Flanders Red, oder ist es infiziert? An einer nicht gepflegten Schankanlage kann es ja nicht liegen – da kann sich ja in den wenigen Minuten seit Inbetriebnahme noch nicht viel infiziert haben…

Zum ersten Mal seit langer, langer Zeit gehe ich mit meinem Glas an die Theke und reklamiere. Der Manager ist gerade da und diskutiert mit den Technikern, akzeptiert die Reklamation anstandslos und bietet mir im Austausch stattdessen das Mr. Big Nose, ein Golden IPA mit 6,0% Alkohol an, ist sich selbst auch nicht hundertprozentig sicher, ob das Belgian Pale Ale nun sauer sein sollte oder nicht. „Er ist der Brauer“, sagt er und zeigt auf einen hilflos danebenstehenden jungen Mann, der aber auch nur verlegen lächelnd mit den Achseln zuckt.

Auch das Golden IPA lässt sich nicht ohne Probleme zapfen, und so dauert es eine Weile, bis sich der Schaum gesetzt hat und ich mein Bier bekomme. Wenigstens schmeckt es dann aber ausgezeichnet. Kräftige Hopfenaromen, nicht zu bitter, sondern eher fruchtig, der Malzkörper kräftig, der Schaum schneeweiß und stabil. Ein Bier, das hervorragend zum Essen gepasst hätte, wenn es denn rechtzeitig gekommen wäre, das Bier. Das Essen ist nämlich schon längst vertilgt, der Spaziergang über die Highline hatte uns hungrig gemacht.

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gleichzeitig mit dem Bier serviert hätte das Essen besser geschmeckt …

Ein sehr holpriger Start für die Brauerei, stelle ich fest. Ein Bier lässt sich gar nicht zapfen, das zweite ist sauer, das dritte auch nur mit Schwierigkeiten ins Glas zu bekommen. Die Ehre, der erste zahlende Gast für die neuen Biere zu sein, erweist sich als zweifelhaft. Hinter der Theke wird die Gruppe der an der Zapfsäule herumhantierenden Personen immer größer. Bardamen, Manager, Techniker, Brauer. Jeder darf seinen Senf dazugeben, herumdrehen, schieben, ziehen. Es schäumt an allen Ecken und Enden.

In dieser etwas angespannten Situation zu fragen, ob ich mir die Brauerei im Nebenraum einmal anschauen könne, verkneife ich mir lieber. Wir zahlen und brechen auf, hören beim Hinausgehen noch einen deftigen Fluch über die vermaledeite Technik.

Liebes Team von der Death Ave Brewing Company: Die Atmosphäre in Eurer Bar ist toll, die Einrichtung klasse. Das Golden IPA hat auch hervorragend geschmeckt, und das Essen hätte sehr gewonnen, wenn es direkt vom Bier begleitet worden wäre. Das Belgian Pale Ale hingegen war nix. Selbst wenn die Säure so beabsichtigt gewesen sein sollte. Unharmonisch, nahezu untrinkbar. Startschwierigkeiten? Kann passieren, und ich drücke die Daumen, dass sie rasch überwunden werden.

Die Death Ave Brewing Company ist täglich ab 11:00 Uhr durchgehend geöffnet; kein Ruhetag. Bis 16:00 Uhr gibt es Brunch & Lunch, danach Happy Hour, und ab 17:00 Uhr Dinner. Mit der Metro erreicht man sie mit der violetten Linie, No. 7, 34th Street / Hudson Yards Station, etwa 300 m entfernt, oder mit der blauen Linie, No. A, C und E, 34th Street / Penn Station, ebenfalls etwa 300 m, aber in einer anderen Richtung. Oder man macht einen gemütlichen Spaziergang über die Highline und steigt am passenden Staircase auf Höhe der 28th Street ab.

Bilder

Death Ave Brewing Company
315 10th Avenue
New York City
NY 10001
USA

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