Las Cervezas del Mercado (Colón)
Valencia
ESP

Nur rund dreihundert Meter ostwärts vom wunderschönen Nordbahnhof Valencias, dieser herrlichen, hundert Jahre alten Empfangshalle im Jugendstil, die in jeder Ecke und jedem Winkel neue künstlerische Überraschungen bereit hält, findet man ein zweites Bauwerk, nicht minder hübsch, ebenfalls rund hundert Jahre alt, und ebenso wie der Bahnhof eine Perle des Jugendstils: Die alte Markthalle des Mercado Colón.

Schon von weitem sieht man die herrlich restaurierte Front, bunt schimmern die Mosaiksteine, und ebenso bunt leuchten die vielen Gastronomiestände im Erdgeschoss der Halle. Ob kleine Snacks, spannende Cocktails oder leckere Hamburger – hier herrscht kulinarische Abwechslung und buntes Treiben den ganzen Tag über. Und bis tief in die Nacht, natürlich, wir sind ja in Spanien, dem Land der Nachtschwärmer.

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Las Cervezas del Mercado

Aber zu all diesen Spezialitäten einfach nur ein x-beliebiges Trinkbier zu exen, dafür bin ich nicht hierher gelaufen, sondern gezielt nehme ich die Rolltreppe ins Untergeschoss, wo sich, ein wenig den Blicken der Zufallsgäste entzogen das Las Cervezas del Mercado befindet. Über der Glastür sehe ich den Schriftzug, und durch die große Panorama-Glaswand sehe ich hinein in den … ja, in was schaue ich denn da gerade hinein? Ist es ein Bottle-Shop? Eine Craftbier-Bar? Ein Bier-Restaurant? Eine Hipster-Kneipe?

Irgendwie ist es von allem etwas, und es lässt das Herz eines jeden Bierliebhabers sofort schneller schlagen.

Zentraler Blickfang ist in der Mitte des Raums die endlos lange Theke. Sechzehn Zapfhähne in feinstem Edelstahl stehen in zwei Achtergruppen aufgereiht und machen von Anfang an klar: Wegen mangelnder Auswahl wird sich hier kein Gast abwenden. Und auch wenn heute der Zapfhahn Nummer 14 nicht „bespielt“ wird, wie es mittlerweile so schön heißt, es also nur 15 verschiedene Biere zu verkosten gibt, so ist die Auswahl doch immer noch groß genug. Selbst, wenn sie nur aus zwei verschiedenen Ländern stammt, Belgien und Spanien nämlich. Craftbier-Bar, also.

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sechzehn Zapfhähne

Links an der Wand entlang zieht sich eine schier endlose Reihe von Holzregalen, dazwischen immer wieder bunte Kühlschränke in gelb, rot und blau. Eine breite Auswahl an Flaschenbieren. Länder, Sorten, Stile, es ist fast alles vertreten. Also Bottle-Shop. Zum Mitnehmen. Oder eben auch gekühlt zum Verzehr vor Ort. Direkt aus der Flasche oder mit dem Umweg über das Glas.

Rechter Hand stehen zahlreiche kleine Tische, die bei Bedarf auch schnell mal zusammengeschoben werden können. Dazu bunte Holz- und Metallstühle, einfache Terrassenstühle. Schon alt und abgenutzt sehen sie aus. Shabby Chic. Hier kann man sich hinsetzen, ein paar Montaditos essen, kleine Schnittchen zum Bier also, mit tausenderlei verschiedenen Belagkombinationen. Oder richtige Bocadillos, große Sandwiches zum Sattwerden. Bier-Restaurant.

Aber es herrscht kein Verzehrzwang, wir können genauso gut Platz nehmen und nur Bier trinken, bedeutet uns die nette junge Kellnerin. Aber das Wichtigste sei, dass wir wüssten, was wir wollen, denn die Auswahl sei ja so groß.

Also setzen wir uns und studieren die Bierliste, die auf dem Flachbildschirm am Ende des Raums zu sehen ist, nur ab und an von einer … ja, tatsächlich … Werbeeinblendung unterbrochen.

Auf Position 1 scheint ein Guinness auf. Special Export.

Moment mal, hieß es nicht gerade, hier gebe es nur belgische und spanische Biere? Ja, in der Tat. Was viele Normalbiertrinker nicht wissen: Das gute alte Guinness gibt es in zahlreichen verschiedenen Versionen. Nicht so wie beim Beck‘s, das überall auf der Welt gleich schmeckt. Nein, die Brauer aus Dublin haben neben dem „normalen“ Stout (sofern man bei Guinness von „normal“ reden mag) auch süßere, vollmundigere, alkoholstärkere und zum Teil sogar ganz leicht säuerlich-erfrischende Variationen im Angebot, die sie gezielt auf unterschiedliche Biermärkte ausrichten. Und so gibt es eine sogenannte belgische Version, das Special Export, extra gebraut für BeNeLux und Frankreich. 8,0% Alkohol hat es, ist also im direkten Vergleich zum „normalen“ Stout hammerhart und gefährlich. Wer da als vermeintlicher alter Irlandkenner das Pint in wenigen Minuten herunter-ext, wird es rasch bereuen.

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der große Schankraum

Wir lassen das Guinness aber Guinness sein. Ob irisch, spanisch oder belgisch ist uns jetzt mal egal. Stattdessen wählen wir drei andere Biere aus, die wir gemeinsam verkosten wollen: Aus Belgien das Bourgogne des Flandres, ein süßliches, aber auch leicht säuerliches Bier, das in Rotweinfässern reift und so eine wunderbar komplexe Aromatik entwickelt, und das bei gerade einmal 5,0% Alkohol. Und aus Spanien das Hop American IPA der Brauerei Zeta, 6,5% Alkohol und knackige, hopfige Aromen, fruchtig, spielerisch, mit einem kräftigen, harzigen Akzent im Hintergrund und einem soliden Malzkörper, sowie das Mald’ipa von Llluna, ein eher herbes, phenolisches Bier, eine Art Crossover zwischen einem India Pale Ale und einem Saison Ale, das seinen Charakter von der typischen, ungestümen Saison-Hefe bekommt, vielleicht auch von einigen Gärungsnebenprodukten der Brettanomyces-Hefe. Nur 6,5% Alkohol, aber geschmacklich schon ein wenig fordernd.

Kleines Manko am Rande: Alle drei Biere werden in einem Standard-Glas serviert. Nicht nur wenig einfallsreich und die wunderbare belgische Tradition negierend, der zufolge es jedes Bier verdient hat, in einem individuellen Glas kredenzt zu werden, sondern auch die bewusste Verkostung, den langsamen Genuss etwas störend. Man nimmt aus einem solchen robusten, einfallslosen Glas eigentlich immer viel zu große Schlucke.

Der Qualität der Biere tut es keinen Abbruch, und auch die Boccadillos und Salate, die wir uns zum Bier gönnen, sind ebenfalls ganz vorzüglich. Da gönne ich mir doch gleich noch ein zweites Bier dazu, das Dos Mares, ebenfalls aus der spanischen Brauerei Zeta. Ein Golden Ale, nicht ganz so exotisch wie die drei vorherigen Biere, dafür aber gefährlich süffig. Die 6,5% Alkohol spürt man nicht, und so bin ich fast versucht, es zum leckeren Essen als Durstlöscher zu trinken. Und später zu bereuen. „Halte Dich also zurück“, ermahne ich mich im Selbstgespräch und ernte irritierte Blicke der Damen zu meiner Seite. „Sprichst Du immer mit Deinem Bier?“, kommt die unvermeidliche Bemerkung, und es bleibt mir nur, sie schweigend hinzunehmen und souverän wegzulächeln.

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Bier zum Mitnehmen

Neben dem Fassbiersortiment für den sofortigen Genuss und der Flaschenauswahl für – bei entsprechendem Bedarf – das Wegbier bietet Las Cervezas del Mercado auch kleine Geschenkkartons mit einer Auswahl valencianischer Biere an, oder man lässt sich gleich einen schönen Geschenkkorb packen, mit dem man dann der Star auf jeder Bierliebhaber-Party sein kann. Und so kommt es, wie es kommen muss: Frau Z. kann nicht widerstehen, lässt sich einen kleinen Karton in eine große Tüte packen und beginnt erst auf dem Heimweg, darüber nachzudenken, ob er denn tatsächlich noch ins Reisegepäck passt, und wenn, ob denn dann nicht die Gewichtsgrenze von 23 kg überschritten werden würde, verbunden mit allerlei Komplikationen: Kosten für das Übergepäck, vermutlich. Oder das peinliche Öffnen und Umpacken des überschweren Koffers, ein Vorgang, während dessen ja nicht nur das Bier, sondern auch die schmutzige Wäsche der ganzen Reise den Blicken der neugierig herüberspähenden anderen Touristen ausgesetzt wird. Oder vielleicht, Gipfel des Reiseglücks, die geborstene Flasche, die die gesamte Wäsche, ob nun schmutzig oder nicht, mit Hopfen- und Malzaromen tränkt und den Kofferinhalt in eine entsetzlich klebrige Masse verwandelt.

Genüsslich schwärmen wir während der Metro-Fahrt zurück zum Hotel von all diesen Katastrophen-Szenarien, und Frau Z. schrumpft immer kleiner auf ihrem Sitz zusammen, hat schon gar keine rechte Freude mehr an ihrem wunderbaren Souvenir. Aber, und dieser kleine Blick in die Zukunft sei erlaubt, der Chronist weiß bereits, dass zum Zeitpunkt des rückwirkenden Erstellens des Bier-Reiseberichts aus der Markthalle des Mercado Colón, alles heil und ohne größere Dramatik angekommen sein wird.

Was für ein Glück!

Die Bierbar mit Restaurantbetrieb und Flaschenverkauf Las Cervezas del Mercado ist täglich ab 10:00 Uhr bis kurz vor Mitternacht geöffnet; warmes Essen gibt es allerdings nur über die Mittagszeit und abends dann ab 19:30 Uhr wieder. Dazwischen beschränkt man sich auf Bier und Tapas, also ein paar Oliven oder eine Handvoll Nüsse. Zu erreichen ist die Markthalle, in deren Untergeschoss sich die Bar befindet, mit der Metro, Linien 3, 5, 7 und 9, Haltestelle Colón. Von dort aus sind es lediglich 150 m zu Fuß.

Bilder

Las Cervezas del Mercado (Colón)
Mercado de Colón
Calle Jorge Juan, 19
46004 Valencia
Spanien

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