Vitamin B
Sofia
BGR

Manchmal bereite ich meine Reisen sehr sorgfältig vor. Also, die beruflichen Reisen natürlich immer, das bin ich meinem Arbeitgeber schuldig, aber manchmal eben auch die privaten Anteile solcher Reisen. Beispielsweise, wenn ich auf eigene Kosten ein oder zwei Hotelnächte dranhänge und mich dann auf die Pirsch nach neuen Brauereien, Bars und Bieren mache. Manchmal lasse ich mich aber auch einfach treiben. Oder verlasse mich darauf, dass ich spätestens in der ersten Bierbar gute Tipps für weitere Orte bekomme.

Dieses Mal, als es um Sofia ging, wollte ich eigentlich sorgfältig sein, habe irgendwann mal angefangen, nach spannend klingenden Adressen zu suchen, dann aber keine Zeit mehr gehabt, das zum Ende zu bringen. Und so erinnere ich mich nur ganz grob an ein paar Namen oder Adressen.

Zum Glück kann ich mich aber heute problemlos treiben lassen, denn ein bulgarischer Hausbrauer und Bierblogger, Svilen Kirilovski, hat sich meiner angenommen und führt mich durch die Stadt. Eben erst waren wir im Bottle Shop 100 Beers, danach haben wir – ein wenig Kultur muss sein! – noch schnell die Alexander Nevski Kathedrale besichtigt, und nun sind wir auf dem Weg in die erste Bierbar für heute. „Vitamin B“, sagt Svilen.

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Vitamin B – Sofia’s Liquid Breakfast

Vitamin B? Irgendetwas klingelt im Hinterkopf. „Sag mal“, wende ich mich zu Svilen. „Ich denke, diese Bar hat letztes Jahr irgendwann im Frühjahr zugemacht?“ und füge vorsichtig hinzu „… habe ich irgendwo gelesen, glaube ich.“

„Du hast zwar recht, bist aber nicht auf dem neuesten Stand“, lacht Svilen. „Vitamin B hat vor zwei Wochen an anderer Stelle wieder aufgemacht. Frisch renoviert und mit hervorragenden Bieren am Start!“

Augenblicke später stehen wir vor der Bar. Eine graue, etwas gammelige Seitenstraße. Von den Häuserwänden fällt der Putz, der Bürgersteig ist uneben und hat tiefe Löcher. Nur ein Gebäude ist frisch herausgeputzt und begrüßt uns: Vitamin B – Sofia’s Liquid Breakfast. Rasch steigen wir die Stufen hoch, öffnen die Tür und laufen direkt auf die Bar zu. Eine einfache Holztheke, und dahinter die Wände voller Bier.

Wie mit dem Lineal ausgerichtet stehen weit über hundert Bierflaschen auf einfachen Holzbrettern, die von Wasserleitungen mit Muffen und Krümmern gehalten werden – eine nette und simple Idee, um ein originelles Regal zusammenzuschrauben. Unter der Theke sehe ich zahlreiche Kühlschränke, ebenfalls gut bestückt. „Was für eine Flaschenauswahl!“, staune ich.

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ein perfekt sortiertes Flaschenangebot

Kunststück! Wie sich einen Moment später herausstellt, hat Vitamin B den gleichen Eigner wie 100 Beers, Rostislav Bakalov. Und der steht auch gerade hinter der Theke. Im Nu sind wir ins Gespräch vertieft. Rostislav erzählt von der Bierszene in Bulgarien, von seiner steten Suche nach tollen Bieren, von dem großen Flaschenangebot, das er sowohl im 100 Beers als auch im Vitamin B habe, und davon, dass er jetzt nach dem Neustart – die alte Bar konnte er wegen Differenzen mit dem Eigner und den Nachbarn nicht weiterbetreiben – so richtig losginge. Tap Takeover, Brauer, die zu Besuch kämen, Verkostungen – Pläne gebe es genug.

Er dreht sich zur Seite, geht zur zweiten Hälfte der Theke hinüber, wo sechs Zapfhähne installiert sind, und zapft mir eine Bierprobe. Opasen Char. Ein India Pale Ale, gebraut von den bulgarischen Beer Bastards bei der Brouwerij Troost in Amsterdam. Benannt nach einer bulgarischen Filmkomödie aus dem Jahr 1984. „Opasen Char“, „Gefährlicher Charme“. Ein Kultfilm, in dem ein gebildeter, charmanter und galanter Betrüger naive Frauen um den Finger wickelt und Geschäftsleute hintergeht. Ein schön ausgewogenes Bier, in dem die kräftigen Hopfenaromen und eine kernige Bittere angenehm in einen runden, weichen Malzkörper eingebettet sind.

Ich blicke auf die Taplist und stelle fest: Es ist das einzige Bier aus bulgarischer Produktion am Hahn. An den anderen fünf Hähnen tummeln sich Mikkeller, Thornbridge, Nøgne Ø, … Die üblichen Verdächtigen der internationalen Szene.

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im Schankraum

Während mir Rostislav noch ein leichtes Bier zapft, das Hallo ich bin Berliner Watermelon von Mikkeler, tritt Svilen wieder zu uns und nimmt mich mit in den hinteren Bereich des Schankraums. Hier treffe ich auf zwei weitere bulgarische Hausbrauer und Bierfans, Maya Trifonova, die mit ihren Bieren auf dem bulgarischen Hausbrauerwettbewerb schon mehrfach ausgezeichnet worden ist, und Kiril Kirov, der gerade dabei ist, unter der Marke Bored Brewers die Schwelle vom Hausbrauen zum ersten professionellen Sud zu überschreiten.

Zu viert sitzen wir nun und analysieren die bulgarische Bierszene. Die Entwicklung steht noch ganz am Anfang. Nach und nach entstehen überall im Land die ersten innovativen Brauereien, seien es Gasthausbrauereien im klassischen (bayerischen…) Stil, kleine oder mittlere Handwerksbrauereien mit recht konservativem Angebot oder experimentierfreudige Szene-Brauer, die, zum Teil als Wanderbrauer wie die Beer Bastards, zum Teil aber auch schon mit eigenem Equipment, das Bierangebot bereichern. Aber die Szene ist noch klein, und das macht es für Bars wie das Vitamin B schwierig, schon ein großes Angebot an Fassbieren zu haben. Flaschen liefen gut, Fässer würden aber vielleicht noch nicht schnell genug rotieren, um immer gleich ein ganzes Dutzend verschiedene Biere am Hahn zu haben.

„Und dass fast nur internationale Biere am Hahn sind, liegt woran?“, frage ich vorsichtig. Nun, die Meinungen sind geteilt. „Die sind halt noch spannender und exotischer für uns“, heißt es, oder „es gibt noch nicht genügend bulgarisches Bier, das interessant genug wäre – da reichen ein oder zwei Zapfhähne, die regelmäßig rotieren, noch aus“.

„Am besten ist, Du kommst uns in ein oder zwei Jahren noch einmal besuchen, dann siehst Du, wie sich alles entwickelt haben wird“, grinst Svilen und verabschiedet sich, er muss uns leider verlassen.

Wir bleiben noch einen Moment sitzen, fachsimpeln noch ein wenig über die gerade ganz spannend aufknospende Bierszene in Bulgarien und erfreuen uns an den leckeren Bieren im Vitamin B, an der lockeren Atmosphäre und an der guten, zeitlosen Rockmusik (Black Sabbath, yeah!), die im Hintergrund läuft.

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die einladende Front der Bierbar Vitamin B

Wie so oft auf meinen Reisen zeigt sich: Egal, wo ich hinkomme – in einer guten Bierbar mit einem breiten und spannenden Angebot treffe ich immer auf nette Menschen, sei es vor oder hinter der Theke. Rasch kommen wir in Kontakt, und immer gibt es so viel Wissenswertes über die Stadt und das Land zu erfahren. Wäre ich nicht beruflich hier, sondern im Urlaub, und hätte ich somit mehr Zeit, könnte ich allein mit dem, was ich heute an Informationen bekommen habe, locker eine einwöchige Bierreise durch Bulgarien machen, ohne dass mir auch nur einen Tag langweilig werden müsste.

Die noch niegelnagelneue Bierbar Vitamin B ist täglich ab 16:00 Uhr, sonnabends und sonntags bereits ab 14:00 Uhr geöffnet; kein Ruhetag. Zu erreichen ist sie von der U-Bahn-Station „Sofia University St. Kliment Ohridski“ („СУ „Св. Климент Охридски“) der Linien M1 und M2 in sieben oder acht Minuten zu Fuß, einfach nur in Richtung Norden laufen, an der Universität und dem Vasil Levski Denkmal entlang.

Bilder

Vitamin B
Vrabcha 24
1000 Sofia
Bulgarien

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