Chmielarnia Multitap
Warszawa
POL

Wenn man sich als Bierreisender in eine Craft-Bier-Bar aufmacht, von der man weiß, dass es dort mit Sicherheit eine ganz erhebliche Anzahl an interessanten und unbekannten Bieren geben wird, dann bereitet man sich vor. Unter anderem empfiehlt es sich, ein kleines Heftchen und einen Stift, wahlweise ein Smartphone oder ein Tablet mit zu nehmen, um sich Notizen machen zu können, vielleicht auch ein paar Visitenkarten einzustecken, vor allem aber vorher gut gegessen zu haben, um eine solide Grundlage für die Bierverkostung zu haben.

MiniaturDergestalt vorbereitet, also insbesondere gut gesättigt, mache ich mich am 2. Dezember 2014 auf, die Bar Chmielarnia in Warschau zu besuchen. Es gibt dort 16 Zapfhähne, und das Wissen, dass Marcin Chmielarz, ein in polnischen Brauer- und Bierliebhaberkreisen geachteter Bierkenner, für die Auswahl der Biere verantwortlich zeichnet, macht schon im Vorhinein klar, dass es lecker wird.

Aber ach, hätte ich aber doch im Zuge meiner Vorbereitungen nicht nur nach Adresse, Öffnungszeiten und Bierauswahl geschaut, sondern auch einmal einen Blick im Internet in die Speisekarte geworfen! Kaum stehe ich vor Ort an der Theke, fällt mir nämlich mit schreckgeweiteten Augen auf, dass es hier thailändische und nepalesische Küche gibt, eine Küche, die mit Sicherheit extrem gut zu den angebotenen Bieren gepasst hätte. Oh, es hat wohl nicht sollen sein – beim besten Willen kann ich nach dem gerade erst genossenen opulenten Mittagsmal anderswo nichts mehr essen… Es ist zum Heulen! Allein, es bleibt die Hoffnung auf ein andermal!

Die Chmielarnia befindet sich im Keller des Dom Wędkarza, des Anglerhauses, also des Gebäudes, in dem der polnische Anglerverband seine Residenz hat. Angelausrüstungen, Angelscheine und ähnliches kann man hier erwerben, und man muss an den verschiedenen Schaltern und Tresen unmittelbar vorbeilaufen, um zur Treppe in den Keller zu kommen.

Einmal hier unten angekommen, erinnert nichts mehr an die Fischerei. Eine verhältnismäßig kleine Theke mit den versprochenen 16 Zapfhähnen befindet sich an der Längsseite, direkt daneben – durch ein kleines Fenster zu sehen – der Kühlraum für die Fässer. Und vor der Theke, im Fußboden eingelassen, eine Glasscheibe, unter der sich zahlreiche dekorativ zertrümmerte Bierflaschen und –dosen von Großbrauereien, von Bierfabriken befinden. Eine klare Aussage, fast schon eine Kampfansage.

An den sechzehn Zapfhähnen das Beste aus der polnischen Bierszene, aber auch einige gute Biere aus Skandinavien (Nøgne Ø, To Øl) oder den USA (Rogue). Und neben den 16 Fassbieren gibt es noch ungezählte Spezialbiere aus der Flasche. Ein Bier besser als das andere, egal ob aus Polen oder der großen, weiten Welt.

Was aber offensichtlich nicht jeder findet. Ungewollt, aber amüsiert werde ich Zeuge eines langen Monologs, gehalten von einem arroganten Schnösel, geduldig ertragen vom zugetexteten und innerlich mit den Augen rollenden Barmann. Die polnischen Biere wären ja alle dermaßen schlecht, heißt es in völliger Verkennung der Realität, die kleinen Handwerksbrauereien hätten ja noch einen sehr weiten Weg vor sich, bis sie qualitativ auch nur annähernd mit den guten internationalen Bieren mithalten könnten. Spricht‘s und pfeift sich demonstrativ und das hervorragende Ansehen der polnischen Craft-Brauer in den einschlägigen Foren und Gremien ignorierend einen halben Liter Russian Imperial Stout von Nøgne Ø rein, das teuerste und stärkste Bier heute im Angebot. Und während dieses gute RIS achtlos die Kehle hinunter gespült wird, fast auf ex, da denke ich mir so ganz im Stillen Wenn Du alle Deine Biere so auf ex säufst, dann merkst Du – außer an der Wirkung – doch sowie so keinen Unterschied! und genieße mein – ausgezeichnetes! – polnisches Craft-Bier.

Aber wie so oft: Die besten Bars können nichts für ihre Kundschaft.

Zum Glück ist der Rest der Gäste angenehmer, das freundliche Personal sowieso, und Herr Großkotz trollt sich nach zwei großen Gläsern im Stil Perlen vor die Säue. Und so kann ich hier gemütlich die eine oder andere weitere polnische Bierspezialität mit großem Genuss verkosten.

Die Chmielarnia ist täglich ab 11:00 Uhr, sonnabends und sonntags erst ab 12:00 Uhr, durchgehend geöffnet. Sie ist etwa 150 m Fußweg vom Rondo ONZ entfernt und so mit der Straßenbahn (Linien 1, 10, 17, 31, 33 und 41) problemlos zu erreichen.

Nachtrag 10. September 2016: Nach langer Zeit mal wieder in Warschau, und aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt, also vorher nix gegessen. Die thailändisch-nepalesische Küche mundet angenehm, die Bierkarte in Form eines kleinen Heftchens in Klarsichtfolie ist attraktiv. Wir beginnen mit zwei Bieren der Brauerei Artezan, dem Zagraniczne Session IPA, 4,5% Alkohol, und dem „großen Bruder“, dem Mera IPA, 6,5% Alkohol. Beide mit schön ausgeprägtem Hopfenaroma, das Session etwas schlanker, das Mera deutlich malziger und wuchtiger. Gut zum Essen!

Als Dessert gönnen wir uns zwei Bomben: Den Stuntman Toad Barleywine, ein Kollaborationsbier von Brewski aus Schweden und B. Nectar aus den Vereinigten Staaten. 10,9% Alkohol, schwerer Malzkörper, viel Restsüße. Ein wunderbarer Nachtisch. Und von Birbant aus Polen ein Barrel Aged Russian Imperial Stout, 10,5% Alkohol, und eine tolle Kombination aus Röstmalz und feinsten Holzaromen. Ein Gedicht.

In winzigen Schlucken arbeiten wir uns voran und lassen den Abend gemütlich ausklingen. Schöner Barbesuch, wirklich!

Bilder

Chmielarnia Multitap
ulica Twarda 42
00-831 Warszawa
Polen

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