100 Blumen Brauerei
Wien
AUT

100 Blumen. Wer sein Abitur in den siebziger Jahren gemacht hat (und vielleicht nicht gerade in Bayern), der hat vermutlich im Rahmen von Sozialkunde- und Politikseminaren in der Oberstufe von diesem Begriff schon einmal gehört. Mit der Losung „100 Blumen sollen blühen und 100 Schulen miteinander wetteifern“ ermunterte Mao 1956 seine chinesischen Landsleute, konstruktiv Kritik am System zu üben, um es so zu verbessern. Angesichts vieler Ungerechtigkeiten im riesigen Reich China lief die Kritik aus Sicht der kommunistischen Partei allerdings rasch aus dem Ruder, und bereits nach wenigen Monaten wurde die Hundert-Blumen-Bewegung, die entstanden war, verboten. Ein kurzes Aufblühen nur eines öffentlichen Diskurses, bevor die politische und gesellschaftliche Deutungshoheit wieder ausschließlich in die Hände der Partei gelangte.

Sechzig Jahre später ist der Begriff 100 Blumen zumindest in Wien wieder präsent, wenn auch in einem etwas anderen Zusammenhang, denn seit 2017 gibt es im 23. Bezirk Liesing die 100 Blumen Brauerei, gegründet von Alexander „Sascha“ Forstinger. Alexander ist studierter Sinologe, und so ist ihm die 100-Blumen-Metaphorik vertraut. So wie Mao seinerzeit auf 100 konstruktive Ideen hoffte, überträgt Alexander die Metapher auf das Bier. Eine Blume macht noch keinen Frühling, aber 100 Blumen können ein Anfang sein. Ein Bier macht noch keine Craftbier-Revolution, aber 100 Geschmäcker und Bierstile können ein Auftakt sein für ein Aufblühen der österreichischen Bierkultur.

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ein buntes Firmenschild führt uns in den Innenhof

100 Blumen Brauerei also. Sie führt ein frühlingsbuntes Logo und einen verspielten Schriftzug, der Firmenschild, Website und Bierdeckel ziert. Als wir am frühen Nachmittag des 4. August 2018 die S-Bahn verlassen und die wenigen Schritte zur Brauerei hinüberlaufen, erwarten wir schon fast ein pagodenförmiges Brauereigebäude inmitten eines bunt blühenden Gartens, aber die Realität ist natürlich schon ein wenig nüchterner: Unser Weg führt uns durch eine Einfahrt unter einen Wohnhaus hindurch in einen Hinterhof, wo alte Ziegelgebäude einer ehemaligen Fabrik nun neu genutzt werden.

In einer mehrere hundert Quadratmeter großen Halle steht eine nüchterne, schmucklose Edelstahlbrauerei der Firma Mavim, dahinter eine Handvoll Gär- und Lagertanks und daneben eine kleine Theke für den Ausschank. Für einen Moment stehen wir verloren mitten in der Halle, aber dann kommt auch schon ein junger Mann angeflitzt, Kacper Czerniawski, und kümmert sich um uns: „Lasst uns gerade draußen ein paar Bierbänke aufstellen, dann können wir uns auf ein Bier raussetzen, und wer Lust hat, den führe ich dann durch die Brauerei!“

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das Sudwerk der Firma Mavim

Rasch stehen Biertische und -bänke in der Sonne, und genauso rasch sind wir auch schon wieder drin, stehen an der Theke und recken die Hälse, welche leckeren Biere es hier denn nun gebe.

Die Zapfhähne sind in einer Spiegelwand installiert, so dass es nicht ganz einfach ist, die bunte Schrift auf dem Spiegelglas zu entziffern. Aber wir lesen Helles, Pils, Wiener Lager, Weizen, Orange Bock, New England Zwickel, Honey Bock, … Die Auswahl ist groß genug!

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Zapfen an der Spiegelwand

Angesichts der Sommerhitze fangen wir doch mal mit einem Weizen an – dem Blanko. 4,6% Alkohol, also schön leicht. Hellgelb, ganz gleichmäßig trüb, ein feiner und schneeweißer Schaum. Der Duft ist fruchtig, estrig, aber auch mit ein paar feinen Hopfennoten. Der Antrunk ist frisch und spritzig, auf der Zunge ist das Bier feinperlig, erfrischend, und genauso bleibt es auch nach dem Schluck. Ein nahezu perfektes Sommerbier!

Eigentlich könnten wir bei dem Bier bleiben, vom kleinen Probierglas auf die größeren Krüge wechseln, uns in die Sonne setzen und den ganzen Nachmittag feiern und trinken. Alles würde perfekt zusammenpassen. Aber dafür ist die Neugier auf die anderen Biere dann doch zu groß, und so machen wir uns über die nächste kleine Probe her, das New England Zwickel. Auf den ersten Blick sieht es im Glas fast genauso aus, vielleicht ist die Farbe ein wenig dunkler. „Warum New England Zwickel?“, frage ich gedankenlos, gebe mir die Antwort dann aber rasch selbst: Es sieht aus wie ein New England India Pale Ale, ein NEIPA also, schön gleichmäßig trüb, geradezu milchig. Es ist aber mt Lagerhefe vergoren, also untergärig. Gemeinsam mit dem Grazer Brauer Alfried Borkenstein, der unter Alefried firmiert, ist es hier entstanden, wurde kräftig mit deutschen und amerikanischen Hopfensorten gestopft und hat ebenfalls nur wenig Alkohol – 4,9%. Kräftige Hopfenaromen in der Nase, eine feine Bittere, kernig zwar, aber nicht zu dominant, und ein für den vielen Hopfen erstaunlich weicher Abgang. Noch ein schönes Sommerbier! Da wäre die Idee, beim Blanko zu bleiben, in der Tat eine schlechte gewesen, denn auch dieses Bier passt zur Gluthitze des Tages.

Eigentlich ist jetzt eine Brauereiführung geplant, aber da wir sowieso mitten in der Brauerei stehen und sitzen und schon alle zwischen den Tanks, Kesseln, Pfannen und sonstigen Gerätschaften herumgelaufen sind und alles selbst erkundet haben, verzichten wir auf eine weitere Einweisung. Stattdessen setzen wir uns zentral hin, so dass wir alles im Blick haben, und Kacper erzählt uns ein wenig über die Brauerei.

Seit anderthalb Jahren gebe es sie nun, und die Biere liefen in der Gastronomie und im Fachhandel hervorragend. Der Name 100 Blumen würde überall Aufmerksamkeit erregen, weil er so untypisch für eine Brauerei sei, und wenn dann die Neugier geweckt sei und der erste Probeschluck auch noch gut schmecke, dann sei rasch wieder ein neuer Kunde gefunden. Die Größe der Anlage erlaube es, auch relativ häufig mit anderen Brauern Kollaborationssude zu machen, so wie beispielsweise mit Alefried, dessen Bier wir gerade im Glas hätten. Oder mit Next Level Brewing, mit denen man den Orange Bock zur Vienna Beer Week im November letzten Jahres gebraut habe. Das sei zwar schon bald ein Jahr her, aber das Bier wäre von Woche zu Woche besser geworden, immer runder und weicher.

Ich stimme ihm aus vollem Herzen zu, denn ich habe den Orange Bock schon ein paar Mal verkosten können. „Dann müssen wir ihn jetzt auch noch mal probieren, bevor es gar nichts mehr davon gibt“, schlage ich vor, aber als Kacper an den Zapfhahn geht, um uns eine Probe zu servieren, kommt nur noch Schaum und Kohlensäure. „Das war’s dann wohl – jetzt ist er alle!“, heißt es ein wenig enttäuscht.

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ein Helles – so simpel und doch so gut

Nun, dann setzen wir unsere Verkostung halt mit etwas Konservativerem fort, entscheiden wir und bestellen ein einfaches Helles. Ein Bierstil, an dem man so viel verkehrt machen kann. Zu hopfig, zu mastig, mit leichten Geschmacks- oder Geruchsfehlern, die durch keine Hopfengabe und durch kein kräftiges Malz überdeckt werden können. Ein Bier, das gnadenlos aufzeigt, wer brauen kann und wer nicht. Sascha kann, beweist der erste Schluck. Weich und rund, ganz dezent gehopft, mit einem spürbaren, leicht süßlichen und zarten Malzkörper – ein klassischer Vertreter des Stils. 5,2% Alkohol passen auch, und damit ist alles gesagt: „So muss Helles!“

Kacper erzählt derweil die Geschichte von den 100 Blumen und davon, dass Sascha als Sinologe die Idee zu diesem Namen in die Brauerei eingebracht hätte. Ein sehr schönes Alleinstellungsmerkmal.

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100 Blumen – bunt und einprägsam

Wir wenden uns nun dem Pils zu. 5,3% Alkohol, nur ganz leicht trüb, relativ hopfig herb, aber auch mit einer leichten metallischen Note, die mir persönlich nicht hundertprozentig behagt. Normalerweise wäre auch dies ein sehr schönes Bier, aber nach den drei geschmacklichen Höhenflügen fällt dieses vierte Bier ein wenig ab. Nicht, dass wir unzufrieden wären, aber irgendwie merkt man doch einen Unterschied.

Die Brauereibesichtigung, oder vielmehr die Brauereierzählung, findet langsam ein Ende. Die vier Bierproben beginnen, die Zungen zu lösen, und anstatt zuzuhören, fangen die meisten an, von ihren eigenen Geschichten und Erfahrungen zu berichten. Einige setzen sich schon draußen in die Sonne, und nur noch ein harter Kern bleibt drinnen an der Theke und löchert Kacper mit weiteren Fragen.

Nach dem Wiener Lager, beispielsweise. Kräftig dunkel ist es, deutlich dunkler als die meisten Biere, die in den vergangenen paar Jahren diesen Bierstil wiederbelebt haben. Auch die geschmackliche und aromatische Dominanz des Melanoidinmalzes ist nicht so ausgeprägt, es wirkt runder und etwas dezenter als erwartet. Mit behagt es sehr, andere hätten es lieber etwas ausdrucksstärker. 5,2% Alkohol, sei der Vollständigkeit halber noch hinzugefügt.

Jetzt sind wir fast durch das Angebot durch. Ein letztes Gastbier ist noch am Hahn, das Honey, I Love You. Ein kräftiger Bock mit Honig, gebraut vom Wanderbrauer Der Belgier. Hinter diesem Namen verbirgt sich Raf Toté, ein Belgier, der in Wien lebt und mit seinen teils sehr kreativen Bieren die Szene der Stadt bereichert. Das Honey, I Love You ist mit Honig und Orangenschalen gebraut, sonst aber im Stil eines belgischen Dubbel. 7,5% sind eine echte Ansage bei der Hitze, aber das Bier ist genial. Es lohnt den Rausch. Der Honig und die Orangenschalen sind nur dezent im Aroma zu finden, es dominieren die weichen, fruchtigen, manchmal ein wenig an Kakao erinnernden Aromen eines belgischen Dubbels. Eine tolle Kombination und damit auch ein krönender Abschluss unserer Verkostung.

Noch ein Weilchen bleiben wir in der mittlerweile nicht mehr ganz so hoch am Himmel stehenden Sonne sitzen, einige kehren nochmal zum Auftaktbier, dem Blanko, zurück, und natürlich tut Kacper auch alles, um unseren Durst zu pflegen – Nüsschen, Salzstangen, all die netten kleinen Gratisaufmerksamkeiten, die den Umsatz stärken. Wenn wir doch nur nicht noch die Fahrt mit der S-Bahn zurück in die Stadt vor uns hätten, wir könnten einfach noch hier sitzenbleiben. Und sitzen. Und sitzen…

Die 100 Blumen Brauerei öffnet ihren Taproom jeden Freitag und Sonnabend von 16:00 bis 22:00 Uhr, bei gutem Wetter auch mit Bierbänken draußen. Es gibt nur kleine Knabbereien zum Bier, man darf sich aber sein Essen selbst mitbringen oder den Pizzaservice kommen lassen, wenn der Hunger gar zu groß wird. Rampenverkauf nach Absprache. Zu erreichen ist die Brauerei mit der S-Bahn (Linien S1, S2, S3 und S4), Haltestelle Atzgersdorf, und von dort aus drei, vier Minuten zu Fuß in Richtung Norden. Im Innenhof dann hinten links.

Bilder

100 Blumen Brauerei
Innenhof, Stiege 4
Endresstraße 18
1230 Wien
Österreich

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