Craft
Meiningers Magazin für Bierkultur

Miniatur (1)Craft oder Nicht-Craft, das ist hier die Frage! denke ich, als die erste Ausgabe der Zeitschrift Craft – Meiningers Magazin für Bierkultur vor mir liegt.

Mit einiger Verspätung habe ich die Erstausgabe dieser neuen Zeitschrift gelesen, und jetzt, da das Heft vor mir liegt, weiß ich nicht so recht, was ich davon halten soll. Die Herausgeber möchten, so scheint es, alles gleichzeitig und es allen recht machen.

Craft steht in riesigen Lettern auf dem Titelbild, darunter ein Foto von Wilko Bereit von der Privatbrauerei am Rollberg in Berlin, in Gummistiefeln und mit Kappe, den Typus des neuen Craft-Brewers perfekt verkörpernd. Das weckt eine bestimmte Erwartungshaltung: Berichte aus der aufstrebenden Szene, von kleinen und Kleinst-Brauereien, über exotische Bierstile, neue Hopfensorten, Charakterköpfe der neuen Bewegung, Bierfeste, Verkostungen und – ja, bitte! – gerne auch eine ausgewogene Diskussion über das Reinheitsgebot und dessen Rolle, dessen Interpretation in den letzten, wenigen Jahren. Ein bisschen Provokation, ein bisschen Werbung und vielleicht auch ein paar Termine von kleinen, aber feinen, noch unbekannten Veranstaltungen.

Vieles davon findet sich im Heft auch wieder. Besonders die Titelstory über Wilko Bereit und seine Privatbrauerei am Rollberg ist richtig gut. Auch andere Berichte sprechen an. Mareike Hasenbecks Artikel über Hopfenanbau im Wandel, flott und ansprechend geschrieben, macht Lust, sich dem Thema weiter zu nähern, wenn auch an der einen oder anderen Stelle die Recherche etwas besser hätte sein können (T.N.T. ist keine neue Hopfensorte, sondern eine Hopfenmischung, zum Beispiel).

Auch die Anmutung insgesamt ist prima. Hochwertiger Druck, hochwertiges Papier. Kein Hochglanz, sondern seidenmatt. Sieht gut aus, und ist gleichzeitig gut zu lesen. Bei Hochglanz spiegelt sich sonst oft die Leselampe. Auch das Layout ist gar nicht schlecht, es ist nicht – wie befürchtet – wuselig und unstrukturiert, sondern durchaus klar, abwechslungsreich und gut konturiert. Liest sich sehr angenehm.

Aber: Was um Himmels willen haben denn die ganzen Großbrauereien in diesem Heft zu suchen? Was hat das mit Craft zu tun? Bereits die erste Werbeseite, neben dem Vorwort des Chefredakteurs: Reklame für das Grevensteiner von Veltins. Craft? Nein, ganz gewiss nicht. Eher das, was Otto Normalbiertrinker für Craft hält, wenn er noch nichts Besseres kennt. Die Amerikaner kennen für diese Pseudo-Craft-Biere und deren Szene den Begriff „Crafty“, und der wäre hier angebracht.

Miniatur (2)Aber es kommt noch schlimmer. Seite 7 – Radeberger Werbung; Seite 9 – Warsteiner Werbung; Seite 11 – noch mal Warsteiner; Seite 21 – Hacker-Pschorr Werbung; Seite 22 – ein dreiseitiges Interview mit einem Geschäftsführer der Veltins Brauerei; Seite 31 – Beck’s Werbung; Seite 33 – Köstritzer (Bitburger) Werbung; Seite 42 – ein dreiseitiger Bericht über die Erdinger Brauerei; Seite 49 – Pilsner Urquell Werbung; Seite 51 – Duckstein Werbung; Seite 78 – zwei Seiten Interview mit einem Vertriebsdirektor der Bitburger Brauerei.

Was hat das alles mit Craft zu tun? Liebe Leute bei Meininger, dann gebt dem Magazin doch einen Namen, der dem Inhalt gerecht wird, vielleicht Bierszene Deutschland, oder so was, aber verwässert den Begriff Craft doch nicht noch mehr! Schlimm genug, dass zahlreiche Großbrauereien versuchen, auf diesen Zug aufzuspringen, aber dass das dann auch noch durch Euer Magazin gefördert wird? Enttäuschend! Den Werbeanteil der Großbrauereien könnte ich mit dem Argument der notwendigen Finanzierung der Zeitschrift gerade noch akzeptieren und überblättern, aber die Interviews? Sollten sie ebenfalls – wie die Reklame – gesponsert sein, dann ist es Irreführung des Lesers, sie nicht als Reklame oder gesponserte Beiträge zu kennzeichnen; sollten sie dies nicht sein – was haben sie dann im Heft zu suchen?

Unter einer ehrlichen Bezeichnung würde ich dieses Magazin durchaus gut finden – aber nicht unter diesem Namen. Das halte ich dann eher für Rosstäuschung.

Schade um viele gute Artikel, die deshalb nicht so recht zur Geltung kommen. Die beiden kontroversen Standpunkte zum Reinheitsgebot auf den Seiten 14 und 15 etwa. Prima gemacht. Wenn auch der Apologet des Reinheitsgebots, Holger Eichele vom Deutschen Brauerbund, einen großen Teil seiner Argumentation auf reinheitsgebotfremde Tatsachen stützt und somit viel Platz verschwendet. Was hat Regionalität mit dem Reinheitsgebot zu tun? Was die Brautechnik, für die Deutschland berühmt ist?

Ebenfalls sehr lesenswert der Bericht über die Hefe als eine oft unterschätzte, aber für Aroma und Geschmack außerordentlich wichtige Zutat im Brauprozess. Schöne Artikel, die im Umfeld von Veltins und Co. leider an Wert verlieren.

Einzelne Artikel fallen dadurch auf, dass sie offensichtlich unter hohem Zeitdruck gerade so noch ins Blatt gekommen sind und keine sorgfältige Schlussredaktion mehr stattgefunden hat: Er verwendet Saphir für den Bosch Maibock gehopft, mit der das Bier (…) noch einmal kaltgehopft wird. Ein typisches Satzfragment, das vermutlich beim Umstellen des Textes entstanden ist und bei einer konzentrierten Korrekturlesung hätte auffallen müssen.

Bei einem – hohen, aber noch angemessenen – Preis von 7,00 EUR pro Heft sollte eine angemessene Qualitätskontrolle doch eigentlich drin sein!

Fazit: Ein hochwertiges Magazin, dessen Titel aber anderes verspricht, als der Inhalt liefert. Licht und Schatten also. Abonnieren werde ich es nicht, aber vielleicht gelegentlich mal kaufen, wenn es mir auf einer bierigen Veranstaltung „über den Weg läuft“. Aber nicht, ohne vorher geprüft zu haben, wieviel Craft im Craft Magazin wirklich drin ist.

Craft
Meiningers Magazin für Bierkultur
Meininger Verlag GmbH
Neustadt, 2015

2 Kommentare

  1. Volker, wenn Du solche Sachen so schreibst, weiß ich wieder, warum ich selbst nicht blogge. Du schreibst genau meine Gedanken auf, nur eben viel strukturierter! 🙂

    Kann ich wirklich alles unterschreiben, der Lob für die gelungenen Artikel, die Rüge für die PR-Kacke, der Name, der dem (wirklich nicht schlechten, um das noch mal zu betonen!) Produkt nicht gerecht wird — das einzige, was ich mir nicht hätte verkneifen können, wäre der Hinweis gewesen, dass die »Beef« das Titelseiten-Layout genau so auch schon gemacht hat…

    • Danke, Gerrit, für Dein Lob!

      Aber Du solltest Dein Licht nicht zu sehr unter den Scheffel stellen – ich schätze Deine Aussagen und die intensiven Gespräche über Bier und die Welt drum herum ebenfalls sehr!

      Die „Beef“ habe ich leider bisher noch nicht gelesen, insofern konnte ich auch keine Parallelen ziehen.

      VQ

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*