Reinheitsgebot – Verbraucherbetrug?
Wir fragen die aufgeklärten Biertrinker
Heute: Tobias

Wir fragen die aufgeklärten Biertrinker, denn viele der Brauer haben inzwischen vom Bayerischen Brauerbund einen Maulkorb verpaßt bekommen. Da es beim Bier aber um den Verbraucher geht, soll er doch mal zum Zuge kommen.

Tobias, 1978, Hamburg

1. Erinnerst Du Dich noch, wie es für Dich war, als Du realisieren mußtest, daß der Begriff Reinheitsgebot nur ein Marketinginstrument ist, und daß in Wahrheit nach dem Lebensmittelgesetz gebraut wird?

Ich glaube, den einen Moment gab es nicht. Das waren viele kleine Informationsbausteine, die zusammenkamen, je mehr ich über das Thema Bier und Reinheitsgebot gelesen habe. Volker Quantes Blog zum Thema hat hier wohl für einen ersten Aha-Moment gesorgt.

2. In 2012 hat die Verbraucherzentrale ganz deutlich am Beispiel der Erdinger Brauerei entschieden, daß auf den Bieretiketten nicht mehr stehen darf „Gebraut nach dem Bayerischen Reinheitsgebot von 1516“ und das nach dem Lebensmittelgesetz gebraut werde. Man möchte meinen, daß diese Aussage zu einem Aufschrei in Deutschland und zu einer Abwendung von den Bieren, die nach dem Reinheitsgebot gebraut sind, geführt haben müßte. Tatsächlich ist verbraucherseitig nichts passiert! Kannst Du mir erklären?

Ich glaube, daß das Thema Reinheitsgebot als Verkaufsinstrument überbewertet wird. Das wird zwar immer gerne als Keule herausgeholt, um unliebsame Konkurrenz in Pressemitteilungen in Mißkredit zu bringen, aber die allermeisten Verbraucher dürften die Änderungen auf den Etiketten nicht einmal bemerkt haben. Für die ist halt klar, daß ein Erdinger nach dem Reinheitsgebot (was auch immer das heißen mag) gebraut ist, weil´s ja schon immer so war, bzw. die Brauerei das seit Jahrzehnten (Jahrhunderten?) in die Köpfe eingetrichtert hat. Ob da nun wegen irgendwelcher Bürokraten (diesen Unsinn hat sich bestimmt die EU ausgedacht! Was Verbraucherschützer? Egal…) formell was anderes draufstehen muß, ändert für die meisten Verbraucher nichts an dieser “Wahrheit”. Das Reinheitsgebot-Meme paßt einfach zu gut zum Weltmeister-Deutschland-Meme als das ein Großteil der Leute dies hinterfragen würde.

Ein schönes Beispiel ist eine Begegnung, die ich beim „Biere des Nordens“-Festival auf dem Kiekeberg in der Veranstaltung von Dr. Christoph Pinzl zum Thema „Alte Bierstile, die nicht nach Reinheitsgebot gebraut sind“ hatte: Ein älterer Herr hat sich die gesamte Veranstaltung über konsequent und lautstark geweigert, Bierproben zu verköstigen, weil das ja alles nicht nach Reinheitsgebot gebraut sei und er das grundsätzlich ablehne, inklusive der Berliner Weiße. Für die meisten Verbraucher ist das Image, das eine Biermarke im Bekanntenkreis hat, wichtiger als das Reinheitsgebot an sich. Das sieht man auch sehr schön an der Bierwerbung, die zwar den Satz mit dem Reinheitsgebot gerne fallen lässt, aber überwiegend das Image einer Marke (z.B. männlich, unabhängig, markant – Jever) aufbaut. Anders ist meiner Meinung nach die Beliebtheit von Lokalmarken wie z.B. Astra nicht erklärbar. Das ist halt wie ein cooles T-Shirt auf einer Party, um sich von anderen vermeintlich uncooleren Trinkergruppen abzugrenzen.

3. Im kommenden Jahr feiert das Bio-Reinheitsgebot sein 25jähriges Bestehen. Nach inständigem Bitten des Bayerischen Brauerbundes sehen sie aber von Feierlichkeiten ab und überlassen dem Brauerbund die Festbühne. Welche Gedanken kommen Dir dazu?

Zum einen denke ich, daß ihnen klar war, daß sie in der geballten PR des deutschen Brauerbundes untergehen und nur im Kontext „Deutsches Reinheitsgebot“ gesehen werden würden. Zum anderen hat ein deutscher Brauerbund die geballte Macht des Verwaltungsapparates auf seiner Seite und kann Querulanten das Leben sehr schwer machen, wie der Fall um Camba Bavarias Milk-Stout sehr schön zeigt. Es ist sicherlich nicht direkt ausgesprochen worden, aber wenn einen der Pate lieb bittet, lehnt man halt nicht ab. 😉

4. Inzwischen haben wir es in der Branche mit einem dritten zu klärenden Begriff zu tun: CRAFT, Handwerk. Auch steht Marketing im Vordergrund, und daß das Handwerk sekundär ist, beweist beispielsweise die Tatsache, daß eine Störtebeker Brauerei sich in Braumanufaktur umbenannt hat (geschätzter Ausstoß 200.000 hl). Wollen wir betrogen werden? Wollen wir in unseren Köpfen diese Bilder vom verschwitzten Brauer, der nachts bei Mondenschein mit seiner Mutter noch das Gebräu umrührt?

Momentan steht Craft für mich nur dafür, daß die Brauerei halt noch etwas anderes braut außer das unheilige Gasthausbrauerei-Quartett. Ich fand die Diskussion rund um Craft immer schon schwachsinnig. Es ist ein inzwischen verbranntes Marketinglabel wie andere auch, was man allein daran sieht, daß eine Sierra-Nevada, die noch mal eine Hausnummer größer als Störtebeker sind, auch Craft ist. Wenn man eine geschützte Herkunftsbezeichnung für handwerklich qualitativ hochwertige Kleinbrauer als Marketinginstrument haben will, soll man sich in der Einzelhandelsbranche halt zusmmentun und ähnlich wie Camra ein Zertifikat einführen.

5. Was wünschst Du persönlich Dir für Dein Bier?

Auswahl, Abwechslung, handwerkliche Qualität. Am Ende ist der Geschmack das was zählt, und das kann dann auch mal Pilsner Urquell vom bösen Multi sein, wenn’s mir danach gelüstet.

Fragen: Esther Isaak
wiederveröffentlicht von Bierguerilla
mit freundlicher Genehmigung der Autorin

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