Reinheitsgebot – Verbraucherbetrug?
Wir fragen die aufgeklärten Biertrinker
Heute: Andreas („Pingo“)

MiniaturWir fragen die aufgeklärten Biertrinker, denn viele der Brauer haben inzwischen vom Bayerischen Brauerbund einen Maulkorb verpaßt bekommen. Da es beim Bier aber um den Verbraucher geht, soll er doch mal zum Zuge kommen.

Andreas („Pingo“), 1973, Hamburg

1. Erinnerst Du Dich noch, wie es für Dich war, als Du realisieren mußtest, daß der Begriff Reinheitsgebot nur ein Marketinginstrument ist, und daß in Wahrheit nach dem Lebensmittelgesetz gebraut wird?

Miniatur (2)Ich arbeite nun seit bald 20 Jahren professionell mit Lebensmitteln, vor allem mit Kaffee. Seitdem schaue ich sehr gerne mal über meinen Tassenrand und beschäftige mich mit anderen Produkten. In nahezu jedem Bereich fällt sofort auf, dass es den meisten Konsumenten gefällt, mit schönen Worten getäuscht zu werden. Der schlimmste Abfall läßt sich dann halt als leckeres Ding verkaufen, und eingelullte Verbraucher gewöhnen sich an diese Lügen, wiederholen diese sogar gerne und verbreiten sie somit weiter. Ich freue mich sehr über jede kritische Nachfrage unserer Kunden bei uns in der Rösterei, da ich die Skepsis gegenüber unserer ziemlich weitgehenden Behauptungen über unsere eigenen Produkte sehr gut nachvollziehen kann.

2. In 2012 hat die Verbraucherzentrale ganz deutlich am Beispiel der Erdinger Brauerei entschieden, daß auf den Bieretiketten nicht mehr stehen darf „Gebraut nach dem Bayerischen Reinheitsgebot von 1516“ und das nach dem Lebensmittelgesetz gebraut werde. Man möchte meinen, daß diese Aussage zu einem Aufschrei in Deutschland und zu einer Abwendung von den Bieren, die nach dem Reinheitsgebot gebraut sind, geführt haben müßte. Tatsächlich ist verbraucherseitig nichts passiert! Kannst Du mir erklären?

Miniatur (2)Solche Getränke sind halt für knapp über 1,- Euro pro Liter in jedem Supermarkt zu haben und machen breit. Ist doch schön, wenn Menschen so einfach zufrieden zu stellen sind. Ich denke aber schon, dass immer mehr Leute auf der Suche nach besseren Lebensmitteln sind und sich Stück für Stück doch von sowas abwenden.

3. Im kommenden Jahr feiert das Bio-Reinheitsgebot sein 25jähriges Bestehen. Nach inständigem Bitten des Bayerischen Brauerbundes sehen sie aber von Feierlichkeiten ab und überlassen dem Brauerbund die Festbühne. Welche Gedanken kommen Dir dazu?

Miniatur (2)Reden wir von Stoffen, die für die Herstellung von Öko-Bieren gemäß EG-Rechtsvorschriften für den ökologischen Landbau zugelassen sind? Ich kenne das Bio-Reinheitsgebot selber nicht. Falls es sich auf die EU-Richtlinien bezieht, wäre es ja selber nahezu der gleiche Betrug. Es darf auch hier ja fast alles verwendet werden. Dann wäre es gut nachvollziehbar, weshalb da nicht ordentlich kommuniziert wird.

4. Inzwischen haben wir es in der Branche mit einem dritten zu klärenden Begriff zu tun: CRAFT, Handwerk. Auch steht Marketing im Vordergrund, und daß das Handwerk sekundär ist, beweist beispielsweise die Tatsache, daß eine Störtebeker Brauerei sich in Braumanufaktur umbenannt hat (geschätzter Ausstoß 200.000 hl). Wollen wir betrogen werden? Wollen wir in unseren Köpfen diese Bilder vom verschwitzten Brauer, der nachts bei Mondenschein mit seiner Mutter noch das Gebräu umrührt?

Miniatur (2)Ja, wir wollen betrogen werden. Das ist doch absolut offensichtlich. Und ich persönlich finde die Biere aus Stralsund für eine große Brauerei verhältnismäßig kreativ und für preiswert ob der ganz passablen Qualität. Der Begriff ist nicht geschützt und kann meinetwegen auch von Holsten verwendet werden. Wirklich gute Brauereien sollten sich durch Qualität und wirkliche Transparenz von Großbrauereien abheben können und auch ohne Mode-Begriffe auskommen. Bei uns in der Kaffee Branche gibt es die gleichen Phänomene. Was beim Bier der Begriff „Craft“, ist bei uns momentan der Begriff „Direct Trade“. Zumeist ist dies eine Marketing-Lüge oder basiert auf einer sehr freien Interpretation des Begriffes.

5. Was wünschst Du persönlich Dir für Dein Bier?

Miniatur (2)Ehrlichkeit,
Transparenz,
biologisch angebaute Zutaten,
Kreativität.

Fragen: Esther Isaak
wiederveröffentlicht von Bierguerilla
mit freundlicher Genehmigung der Autorin

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