Kafé België
Utrecht
NLD

Der Nacken schmerzt, ich fange an zu blinzeln, die Augen brennen. Auch der Rücken tut jetzt schon weh, durchgestreckt, durchgebogen. Und die ersten Gäste beginnen zu tuscheln.

Miniatur (1)Seit einer gefühlten Ewigkeit stehe ich im vorderen Schankbereich des Kafé België, mitten im wunderschönen Utrecht direkt an der Alten Gracht, der Oudegracht gelegen, und kann mich nicht entscheiden. Vor mir das größte Blackboard mit Bier, das ich bisher in einer Bierbar gesehen habe.

Zugegeben, es sind Flaschenbiere, die hier aufgelistet sind, keine Fassbiere, aber das ändert an der schieren Anzahl überhaupt nichts. Und ich kann und kann mich nicht entscheiden. Wieder und wieder scanne ich die große Tafel ab, bleibe hier an einem leckeren Bier hängen, dort an einem vielversprechenden Namen. Oder doch lieber ein Fassbier? Ich schiele zur Seite. Neben den unendlich vielen Fassbieren gibt es ja auch noch zwanzig Zapfhähne…

„Hej!“ Ich spüre eine Hand auf meiner Schulter. „Such Dir doch erst mal einen Platz und schau Dir in Ruhe die Biere durch. Die gleiche Liste liegt überall auf den Tischen!“ Der Barmann, der draußen auf den kleinen Tischchen vor dem Café die leeren Gläser eingesammelt hat, erkennt mein Problem sofort. „Aber weißt Du was, wenn Du das erste Mal hier bist, dann nimm‘ eines des Fassbiere. Die Flaschenbiere bekommst Du auch anderswo. Schlimmstenfalls in einer Slijterij!“ In einem Getränkemarkt also.

Und recht hat er. Ist ja auch peinlich, zur Salzsäule erstarrt, mitten in der Bar zu stehen. Als sei man Teil der Dekoration. Hätte ja nur noch gefehlt, dass jemand seine Jacke über meine Schulter gelegt hätte, in der Annahme, diese Schaufensterpuppe sei eine Art Garderobenständer…

Ich suche mir also ein Tischchen, schaue noch einmal die Reihe der Zapfhähne entlang, und entscheide mich schließlich. Für ein Seefbier. Ein naturtrübes Bier mit einem kräuterigen, etwas rauen und ungestümen Geschmack. Einst war es die bekannteste Biermarke Antwerpens, bis in die dreißiger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts beherrschte es den lokalen Markt und verschwand dann irgendwann sang- und klanglos. Erst Anfang 2012 wurde das Rezept wieder hervorgekramt und das Bier von der Brauerei Roman wieder neu auf den Markt gebracht. Gebraut aus vier verschiedenen Getreidemalzen, aus Gerste, Hafer, Weizen und Buchweizen. Kräftig im Geschmack, kantig und mit 6,5% Alkohol auch durchaus gehaltvoll.

Eine gute Wahl. Ein Bier zum gemütlich Genießen und zum Sinnieren. Zum Sinnieren beispielsweise über das Kafé België. Eine gewaltige Bierauswahl, aber doch so ganz anders als die modernen Craftbier-Bars, die derzeit überall entstehen. Eher das klassische belgische Biercafé, wie schon der Name sagt. Ein Biercafé, wie es in Belgien hundertfach besteht, hier in den Niederlanden aber seltener. Eine über die Jahre gewachsenen Eckkneipe, mit einer riesigen Auswahl an Flaschenbieren, auch diese über die Jahre gewachsen. Eine Dekoration, die aus dem besteht, was man hatte oder bekommen hatte, und was zu schade war, weggeworfen zu werden. Der Kopf eines Hais mit weit geöffnetem Rachen. Aus Kunststoff, wie eine Jagdtrophäe über dem Durchgang zum hinteren Schankraum. Was dieser Hai mit dem Kafé België zu tun hat? Weiß vermutlich niemand mehr. Irgendwann hat ihn jemand dorthin gehängt, und nun hängt er dort.

Miniatur (2)Ähnlich vermutlich die Rolle der großen Plastikkuh auf dem Regal hinter der Theke. Ein schwarzbuntes Milchvieh, das den Blick auf sich und auf das davor angeschriebene WiFi-Passwort zieht.

Aber nett ist es hier. Eine bunte Mischung von Gästen. Vorwiegend junge Leute, alle Haar- und Hautfarben sind vertreten. Ab und an ein alter Sack wie ich. Entspannte Atmosphäre. Leben und leben lassen.

Zu den Bieren gibt es kleine, einfache Speisen, eben das, was man in einer winzigen Kochecke hinter dem Schankraum mit tendenziell eher ungelerntem Personal so zusammenbrutzeln kann. Linsensuppe, beispielsweise. Oder ein großes Brett mit Käse und Wurst. Einfaches Essen, preiswert, zum Bier passend. Nicht für das Dining-Out, sondern als Snack zwischendurch, damit das Bier nicht gar so trocken die Kehle hinunterrutschen muss.

Ein schöner Laden. Und wenn, wie heute, die Sonne scheint, dann kann man mit ein wenig Glück auch einen Platz an einem der Tischchen direkt vor der Tür ergattern. Auf die Oudegracht schauen, sich von den vorbeiflitzenden Fitsers über die Fußspitzen fahren lassen, hübschen Studentinnen hinterherkucken. Das Leben genießen.

Das Kafé België ist täglich ab 11:00 Uhr, sonntags und montags erst ab 13:00 Uhr durchgehend bis in die Morgenstunden geöffnet; kein Ruhetag. Rund 200 Flaschenbiere und 20 Fassbiere werden angeboten, dazu kleine Speisen. Von der Bushaltestelle Neude im Zentrum der Stadt – zentraler Haltepunkt für fast alle Utrechter Buslinien – sind es fünf Minuten zu Fuß die Oudegracht entlang in Richtung Süden.

Bilder

Kafé België
Oudegracht 196
3511 NR Utrecht
Niederlande

2 Kommentare

  1. Witzig, ich bin gerade vor ein paar Tagen dort gewesen! Eine unprätentiöse Bierkneipe ohne viel Chichi und mit recht gemischtem Publikum. Sehr praktisch fand ich auch die Möglichkeit, sich vier Biere in kleinen Gläsern aus dem Fassbierangebot frei zusammenstellen zu können, und man bekommt sogar ein Glas Wasser dazu zum neutralisieren.

    • Haha, klasse!

      Ja, das mit dem Glas Wasser habe ich auch genutzt. Gibt es wie selbstverständlich dazu – ähnlich wie in Wien zum Kaffee.

      Ein schönes Erlebnis!

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