Brick Anchor Brew House
Norfolk
USA

„Seit drei Monaten gibt es uns mittlerweile schon“, sagt Phil und deutet auf die interessante Dekoration hinter der Theke. Alte und auf alt getrimmte Zifferblätter von mechanischen Uhren, rostrot bis dunkelbraun, sind das Leitthema der Deko. „Die Zeit rast nur so.“

„Und schau mal dort!“, fährt er fort, „Ich habe es auch in Latein dorthin schreiben lassen: ‚tempus fugit‘, ‚time flies‘.“

Miniatur (1)Ein Weilchen sitze ich schon an der Theke des Brick Anchor Brew House in Norfolk und verkoste mich durch das Angebot. Rund sechzig Biere vom Fass habe ich zur Auswahl, die Masse davon aus der Region, also aus dem Bundesstaat Virginia oder der unmittelbaren Nachbarschaft, aber auch deutsche Biere sind dabei. Schneider Weiße TAP 5, beispielsweise, und noch viel interessanter, weil so selten, der Aventinus Weizeneisbock. Vom Fass! Ungläubig schüttele ich den Kopf.

Vor mir, in dem kleinen, zahnradförmigen Tasting-Tray habe ich fünf leichte, helle Biere stehen; es ist gerade erst später Nachmittag, draußen herrscht eine Bullenhitze, und da wären Eisbock & Co. mit Sicherheit nicht die beste Wahl. Und eben über diese eher sommerlich-leichte Auswahl bin ich mit Phil ins Gespräch gekommen. Phil Smith ist Eigentümer des Brick Anchor Brew House, und mit sichtlichem Stolz hört er sich meine Komplimente über die Bierauswahl und das sehr gepflegte Ambiente an.

Der junge Barmann hatte mich bei der Auswahl der ersten Biere schon fachkundig begleitet, hatte gute Tipps für leichte und trotzdem aromatische und schmackhafte Biere zur Hand, wollte mich gar, und das zu Recht, von den Qualitäten eines guten bayerischen Weißbiers überzeugen. Das Weihenstephan wäre ein ganz ausgezeichnetes Sommerbier, „from Bavaria, you know?“ Aber der Hinweis, dass ich aus Deutschland käme und ganz gewiss nicht nach Norfolk gereist sei, um deutsches Bier zu trinken, lässt ihn rasch mit anderen Empfehlungen aufwarten.

Und so verkoste ich mich der Reihe nach durch Lagunitas Pils, Sixpoint The Crisp, Champion Shower Beer, Starr Hill The Love und Pineapple Grenade. Mit einer Ausnahme samt und sonders solide und leckere Biere, nur das Champion Shower Beer scheint mir schon ein wenig oxidiert zu schmecken. Vielleicht war es aber auch nur das am wenigsten fruchtig-frische der ganzen ersten Testrunde.

Phil erzählt derweil von seinem Herzensprojekt. Ein gehobenes Ambiente, eine Spitzen-Bierauswahl, dazu gutes Essen, geschulte Bedienungen – er möchte das beste Bierlokal in der Granby Street haben. Rund zweihundert Plätze auf drei Ebenen, schwärmt er, ganz oben mit Sofas, urgemütlich, im Mezzanine eher Baratmosphäre, und im Erdgeschoss der helle und offene Schankbereich mit Restaurant und der Biertheke.

Miniatur (2)Mich faszinieren ja die Tap-Handles am meisten. Die Brauereien scheinen mindestens ebenso viel Wert auf ein gediegenes oder originelles Tap-Handle zu legen, wie auf die Qualität des Biers. Aufwändig geschnitzte und geformte Skulpturen, bunte Farben, dreidimensionale, komplexe Logos, es ist alles vertreten, und es ist eine Freude, sich die Handles im Detail anzusehen. „Besonders, aber beileibe nicht nur, die Frauen kommen und sagen: ‚Dieses Tap-Handle sieht toll aus, genau von dem Bier möchte ich ein Glas!‘“, erzählt Phil grinsend. „Kleider machen Leute!“, füge ich hinzu, und wir philosophieren noch ein wenig über die unterschiedlichen Bierkulturen in Deutschland und den USA.

„Aber es hat sich viel verändert seit Deinen Jahren bei der Army in Kaiserslautern und Mannheim“, erzähle ich ihm und schwärme ein wenig von der Entwicklung der Bierszene insbesondere in Berlin und Hamburg. „Höchste Zeit, mal einen Flug nach Hamburg zu buchen“, empfehle ich ihm noch und füge scherzend hinzu: „Wir sehen uns übernächste Woche in der Szene am Schulterblatt! Hier hast Du meine Karte, ruf an, wenn Du im Galopper des Jahres an der Theke sitzt, ich komme vorbei!“

„Okay, und Du kommst übernächstes Jahr wieder nach Norfolk, dann habe ich hier mein erstes richtiges Brewpub eröffnet – das ist nämlich mein nächstes Projekt“, erwidert Phil und schiebt mir seinerseits seine Karte über die Theke. „See you there!“

Mit einem Lachen verabschieden wir uns, er geht an die Arbeit, ich gönne mir noch ein kleines Ardent IPA mit schönem, harzigen Aroma, und stürze mich danach wieder in das Gewühl von Downtown Norfolk. Eine hervorragende Bierbar. Sollte ich tatsächlich mal wieder nach Norfolk kommen, ein Besuch hier steht mit Sicherheit schon fest im Terminplan!

Das Brick Anchor Brew House ist täglich ab 11:00 Uhr durchgehend geöffnet; freitags und sonnabends schon ab 10:00 Uhr; kein Ruhetag. Neben rund sechzig Fassbieren gibt es auch ein paar Flaschenbiere, dazu ein paar Bier-Mashups (tatsächlich mit deutscher Schreibweise „Bier“), also aus zwei harmonierenden oder bewusst kontrastierenden Bieren gemischte Getränke. Oder man lässt sich sein Bier zusätzlich durch Hopfen, Malz, Gewürze oder Früchte zapfen und erhält durch diese Brick Fusion ein besonders individualisiertes Bier. Zu erreichen ist die Bar problemlos, und zwar mit der Straßenbahn (sic!), Linie 800, Haltestelle Monticello, gerade mal 100 m entfernt.

Bilder

Brick Anchor Brew House
241 Granby Street
Norfolk
Virginia 23510
USA

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