Balónový Pivovar Radešín
Radešín
CZE

Eine musikalische Autobahnfahrt.

Padabam, padabam, padabam… Seit Stunden geht es schon so. Die Betonplatten der D1 zwischen Praha und Brno erzeugen einen schönen gleichmäßigen Rhythmus. Wider Erwarten haben wir keinen Stau, selbst in den zahlreichen Baustellen fließt der Verkehr. Lediglich der Rhythmus ändert sich: Paadaabahm, paadaabahm, paadaabahm…

Schlagzeuger müsste man sein, am besten Jazz. Dann könnte man aus diesem Rhythmus etwas machen. Auf der freien Autobahn, mit den Fingern auf Lenkradkranz und Oberschenkeln.

Ich biege in Velké Meziříčí von der Autobahn ab. Die gedankliche Begleitmusik ändert sich, der Perkussionist hat jetzt Pause. Stattdessen wiegt sich die kleine Landstraße im Walzertakt über die Hügel. Die Sonne scheint, der warme Spätsommerwind streicht über die Felder, die gleichmäßig geschwungenen Kurven und das sanfte Bergauf und Bergab lassen eher an Johann Strauß denken.

Eigentlich könnte es ewig so weitergehen – schon lange war eine Autofahrt nicht so entspannend und beruhigend wie heute.

Aber dennoch, irgendwann findet auch das schönste Musikstück sein Ende. Langsam rolle ich in Radešín die kleine Einfahrt hinab, parke ein und schalte den Motor aus. Das sonore Brummen des Diesels erstirbt, für einen Moment herrscht Ruhe, dann setzt donnernder Applaus ein. Aber nein, das Donnern kommt nur von einem schweren Motorrad, das neben mir den Motor angeworfen hat und vom Parkplatz rollt.

Wir steigen aus und setzen uns auf die hübsche kleine Terrasse mit dem herrlichen Blick auf den idyllischen kleinen See – den Brauerei-See, wie uns die Landkarte verrät.

Seit Mitte April wird hier in Radešín, irgendwo weit draußen auf dem Lande, wieder Bier gebraut und an eine Jahrhunderte zurückliegende Tradition angeknüpft.

Das Balónový Hotel Radešín ist zentraler Anlaufpunkt für die Ballonfahrer der Region. Hier parken die schweren Geländewagen mit den Anhängern, auf denen die Heißluftballons verladen werden. Von hier gehen die Touren los, und hier kehrt man nach erfolgreicher Ballonfahrt und glücklicher Landung wieder ein, um zu feiern und die neuen Ballonfahrer zu taufen. Und da zu einer anständigen Ballonfahrertaufe natürlich auch kräftig getrunken werden muss, lag es doch nahe, hier eine kleine Brauerei einzurichten.

Miniatur (1)Am 13. April 2016 wurden die Sudkessel geweiht und die kleine Brauerei, die Balónový Pivovar Radešín, feierlich eröffnet. 10 hl entstehen hier nun pro Sud, und die Biere sind wahrlich lecker. Die kleine Kreidetafel auf der Terrasse bietet vier Sorten zur Auswahl an: Ein zehngrädiges Brown Ale, ein elfgrädiges Helles namens Samuel, ein zwölfgrädiges Helles namens Aviatik und ein fünfzehngrädiges India Pale Ale namens Faster.

Miniatur (2)Während sich das Samuel als ganz normales tschechisches Alltagsbier erweist, dass bequem auch in großen Mengen nebenbei getrunken werden kann und weder durch Geschmacksfehler noch durch irgendwelche Besonderheiten auf sich aufmerksam macht, bin ich vom Aviatik begeistert. Eine knackige Hopfenbittere, frisch und kernig, steht im Vordergrund. Das Malz hält sich dezent zurück, gerade, dass es die Bittere ein wenig ausbalanciert und besser trinkbar macht. Ich nehme ein paar große Schlucke aus dem viel zu kleinen Glas – der perfekte Begleiter zum deftigen Nackensteak mit Zwiebeln. Wäre es nicht noch früher Nachmittag, es dürften gerne ein paar mehr von diesen wunderbaren Bierchen sein!

Miniatur (3)Nach dem guten und reichhaltigen Essen traue ich mich auch noch an das India Pale Ale heran, an das Faster. Fast schon orangefarben ist es, wird nicht im normalen Krug, sondern in einem etwas eleganteren Glas serviert. Schon aus einigen Zentimetern Entfernung rieche ich den Hopfen. Wunderbare und fruchtige Aromen. Cascade, Columbus, Tomahawk, Zeus und Mosaic verrät der kleine Aufsteller auf dem Tisch. Das Beste, was die Hopfenwelt zu bieten hat. Und wirklich: Der Antrunk bestätigt, was die Nase versprochen hat. Feine Aromen, die auf der Zunge einen Reigen tanzen. Ein kräftiger Malzkörper hält dagegen, verhindert allzu übermütige Kapriolen. Und dann der Schluck: Feste Bittere den ganzen Gaumen entlang bis in den tiefen Rachen. Ein Bier, das Durst macht, anstatt ihn zu löschen. Schnell der nächste Zug!

Bevor wir wieder aufbrechen – meine holde Ehefrau mahnt schon, sich hier nicht festzusetzen und bis weit in den Abend hinein den Hopfenwölkchen nachzusinnen – sehe ich mir noch das Sudwerk an. Im hinteren Gastraum steht es an der Stirnwand. Zwei schlichte Edelstahlgeräte. Schmucklos, zweckmäßig. Nicht unansehnlich, aber frei von jenem Kupferbarock, der typische, bayerisch-rustikale Gasthausbrauereisudwerke auszeichnet. Wie auf so simpler Apparatur ein so hervorragendes Zwölfgrädiges entstehen kann…

Langsam rollen wir wieder vom Parkplatz hinunter, zurück auf die Landstraße. So leckeres Bier, so schön gelegen – ein Ausflugsziel für all jene, die den Weg in die Provinz, nicht die Provence, nicht scheuen!

Die Balónový Pivovar Radešín ist täglich ab 11:00 Uhr durchgehend geöffnet; kein Ruhetag. Bei gutem Wetter kann man auf der Terrasse am Brauerei-See sitzen. Zu erreichen ist Radešín sinnvoll nur mit dem eigenen Auto, und da in Tschechien unverändert die Null-Promille-Grenze gilt, sollte an eine nachsichtige Begleitung haben, die auf der Rückfahrt das Steuer übernimmt. Oder der Einfachheit halber im Balónový Hotel Radešín übernachten.

Bilder

Balónový Pivovar Radešín
Radešín 11
592 55 Bobrová
Tschechien

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