Ein Buch wie eine Zeitreise. Fünfunddreißig Jahre ist es her, dass es erschienen ist – in einer Zeit des Umbruchs. Allein schon die Länder, die hier erwähnt werden … Die UdSSR beispielsweise, oder eigentlich noch kurioser, weil dieser Ländername nur ganz kurz Bestand hatte: Die ČSFR, die Tschechische und Slowakische Föderative Republik. Für gerade mal zweieinhalb Jahre gab es diese Staatsbezeichnung in der kurzen Periode zwischen der ČSSR und anschließend den beiden getrennten Staaten Tschechien und Slowakei …
Alles lang vorbei und Geschichte.
Leider gilt gleiches auch für viele der Biere und Brauereien, die in diesem Büchlein beschrieben werden. Und dennoch: Es ist eine Freude, drin zu blättern.

Michael Jackson
Bier – Über 1000 Marken aus aller Welt
Der große Michael Jackson hat mit diesem wie auch seinen vielen anderen Bierbüchern eine Systematik geschaffen, die bis heute überdauert. Er hat Bierländer bereist und beschrieben, und er hat sich bemüht, die verschiedenen Brauweisen, Bierkulturen und – vor allem! – Bierstile zu beschreiben und voneinander abzugrenzen und so den Grundstein gelegt für eine Entwicklung immer diffiziler und immer detaillierter definierter Bierstil-Strukturen, die heute das Rückgrat für Bier- und Hausbrauwettbewerbe in der ganzen Welt bilden.
Im vorliegenden Buch nimmt die Stilsystematik zwar nur wenig eigenen Raum ein (lediglich ganz zu Beginn befasst sich ein Kapitel „Das Etikett und seine Aufschrift“ auf acht Seiten mit diesem Thema), aber sie zieht sich durch die Beschreibungen der Bierregionen der Welt.
In Deutschland beginnt die Reise, geht über die Schweiz und Österreich in Richtung Ostblock und Skandinavien, um dann über die Benelux-Länder und Frankreich in Richtung Großbritannien zu führen, ganz Südeuropa auf lediglich einer Seite abzuhandeln und den Balkan komplett auszulassen und dann in überraschend kompakter Form Kanada, die USA, die Karibik, Lateinamerika und schließlich den ganzen „Rest“, also Asien, Australien und Afrika auf gerade einmal zehn Seiten abzuarbeiten.
Die wichtigsten Biermarken, also die, die man als Bierreisender der achtziger oder neunziger Jahre getrunken haben sollte, werden aufgelistet, ihre Rolle für die lokale Bierkultur kurz und schlaglichtartig beleuchtet und dann – immer unter der Überschrift „Wo man in XXX gutes Bier trinken kann“ – um Empfehlungen für Gastwirtschaften, Pubs oder Biergärten ergänzt. Oft rutscht Michael ein Bier dazwischen, das eigentlich nur eine ganz regionale Bedeutung hat und nicht nur aus heutiger Sicht (weil es mittlerweile vom Markt verschwunden ist), sondern eigentlich auch damals schon vernachlässigenswert gewesen wäre, aber angesichts der Fülle von Bieren, die hier erfasst worden sind, sei dies als geradezu zwangsläufig verziehen …

Polen, Ungarn, UdSSR auf gerade mal zwei Seiten
Was im ersten Moment jedoch unverzeihlich erscheint, ist, dass die Tschechoslowakei auf gerade mal zweieinhalb Seiten abgearbeitet wird – eine der größten Bierkulturen der Welt, die tschechische, also sehr vernachlässigt wird. Aber: Damals war es für einen Westeuropäer nahezu unmöglich, die Tschechoslowakei zu bereisen, wie also (und vor allem warum) hätten die lokalen Biere beschrieben werden sollen? Ein kleiner Satz im ähnlichen kurzen Kapitel über Polen, Ungarn, UdSSR beschreibt die Problematik: „Hin und wieder bekommt man diese Biere auch im Westen.“
In der Summe ein auch heute noch lesenswertes Büchlein in ungewöhnlichem Format. Gerade mal etwas mehr als acht Zentimeter breit, dafür aber fast zwanzig Zentimeter hoch – das passt prima in eine Gesäßtasche, und man kann es während einer Bahn- oder Busfahrt schnell mal schnappen und herumblättern. Dabei ist es aber sehr wertig: Richtig gebunden, mit festem Kartoneinband und sehr wertigem, in der Haptik an Leinen erinnerndem Schutzumschlag. Und: Über 200 Seiten dick.
Michael Jackson
Bier – Über 1000 Marken aus aller Welt
Hallwag AG
Stuttgart, 1991
ISBN 3-444-70156-X

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