Second District Brewing Company
Philadelphia
USA

Nun ja, vielleicht kann man es auch etwas übertreiben mit dem derzeit so beliebten Shabby Chic? Wir stehen im Süden Philadelphias in einer Nebenstraße an der Adresse, die ich mir heute Morgen im Internet rausgesucht habe, und schauen ein wenig sparsam drein: Vor uns eine etwas heruntergekommene Fassade, die Fenster und Türen stehen offen, drinnen im Halbdunkel sieht man eine Theke mit einer Betonplatte. Die Wände wirken ein wenig schäbig, viel mehr ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen.

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Second District Brewing Company

Einen Moment zögern wir. Eigentlich wollten wir in der Second District Brewing Company nicht nur Bier trinken, sondern auch eine Kleinigkeit essen. Meine holde Ehefrau schaut noch einmal hinein, es ist fast leer. Nur ein Platz an der Theke ist besetzt und ein haariges Maurerdekolleté strahlt sie an.

„Naja, komm, lass uns ein Bier probieren, und dann suchen wir uns zum Essen was Anderes“, sagt sie. Ich zucke die Achseln. Seufz!

Wir nehmen an der Theke Platz, und nach einem Moment beginnen unsere Augen, sich an die zurückhaltende Beleuchtung zu gewöhnen – was für ein Kontrast zum grellen Sonnenlicht auf der Straße. Nach und nach werden die Details der Dekoration sichtbar, und was wir zunächst als heruntergekommene Vorstadt-Wirtschaft wahrgenommen haben, entpuppt sich nun doch als durchaus einladende kleine Brauerei – sauber, ordentlich, aber bewusst auf schäbig getrimmt.

Der junge Barmann drückt uns einen Zettel mit der Bierliste in die Hand. Neun Zapfhähne habe man, aber eine Sorte sei gerade aus, es täte ihm leid, er könne uns nur acht Biere anbieten. „Na, ist doch prima“, sage ich und bestelle „die ersten vier, bitte in kleinen Gläsern“. Er grinst und macht sich an die Arbeit.

Während er zapft, studieren wir die Speisekarte und stellen fest, dass wir zum Essen wohl doch nichts Anderes suchen müssen – die Burger und Salate lesen sich lecker. Und wenn wir den außer uns nach wie vor einzigen Gast zum Maßstab nehmen, der ein paar Barhocker weiter sitzt und dessen Arschbacken links und rechts vom Hocker herunterhängen, dann sind die Portionen vermutlich auch ausreichend groß…

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schwarz – rot – gold – blassgelb

Die vier Biere sind fertig, der Barmann stellt die Gläser vor mir auf die Betonplatte. Schön bunt schauen sie aus – schwarz, rot, gold und blassgelb. Es beginnt mit einem mit Stickstoff gezapften Irish Dry Stout, dem 3,8%igen It Starts With You. Röstig und aromatisch, weich und kremig. Ein guter Auftakt. Es folgt das Red Room. 8,0%. Wow, die acht Prozent sieht man dem Bier nicht an – die leuchtend rote Farbe impliziert eher etwas Fruchtig-Leichtes. Es handelt sich um ein Saison mit Himalayan Pink Salt, Cherries und Hibiscus, und es trinkt sich erstaunlich gut. Erstaunlich gefährlich, sogar. Fruchtig, spritzig, frisch. Bei der heutigen Sommerhitze könnte man schon in Versuchung kommen, von diesem Bier einen halben Liter wegzuexen, gegen den Durst. Die Folgen wären angesichts der acht Prozent vermutlich fatal…

Das goldfarbene Mr. Pale Ale, ein Classic American Pale Ale, ist harmloser – nur 5,1% Alkohol. Hopfig, aromatisch, süffig. Ein schönes Alltagsbier. Das hellgelbe Bier zum Abschluss überrascht: Chiaroscuro nennt es sich, weiß-schwarz. 5,5% Alkohol hat es, es ist ein Saison, und nach dem ersten Schluck werden die Augen groß und rund. Es hat ein intensives Kaffeearoma, das wir angesichts der hellen Farbe nun überhaupt nicht erwartet hätten. Gebraut ist es mit Kaffeekirschen, mit Casara, klärt uns die detaillierte Bierliste auf. Spannend!

Mittlerweile ist unser Essen gekommen, und die Burger sind in der Tat so lecker, wie wir sie uns vorgestellt haben. Und genauso experimentell zusammengestellt wie die Biere – auf dem Burger meiner holden Ehefrau befinden sich … Nudeln. Eine seltsame, aber durchaus schmackhafte Kombination.

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Und jetzt die anderen vier Biere?

„Und jetzt die anderen vier Biere?“, rät der Barmann, und er rät richtig. Sehr bunt wird es aber jetzt nicht mehr – vier verschiedene Gelbtöne stehen vor mir, von hellgelb bis leicht kupferfarben. Aber geschmacklich sind sie wieder sehr unterschiedlich. Das Bancroft Beer ist ein Mosaic Pale Ale, also mit nur einer Hopfensorte, dem Mosaic, gebraut. Leichte 4,2%, und die Hopfennoten sind sehr schön präsent. Der Malzkörper ist leicht und luftig, das Bier sehr schön trinkbar.

Ähnlich gut trinkbar das als Keller Pilsner bezeichnete Pět Pils, nach tschechischer Brauart, 5,0%. Der Name, Pět, tschechisch für Fünf, soll an den 5. Oktober 1842 erinnern, an den Tag, an dem in Pilsen das erste Bier dieses Brauart eingebraut worden ist.

Das PolliNative, unser vorletztes Bier für heute, benötigt eine längere Beschreibung: Es handelt sich um ein India Pale Ale with Raw Wheat, Wildflower and Buckwheat Honey, Bee Pollen and Rose Petals. 5,25% Alkohol. Es schmeckt interessant, aber die vielen exotischen Zutaten kommen nicht wirklich zur Geltung, eigentlich schmeckt man nur den Honig heraus.

Das Bière de Garde zum Abschluss, das Petit Vilain, wartet wieder mir einer kleinen Überraschung auf: Hinter den kernigen, leicht phenolischen Aromen des Biers blitzt eine feine, pfeffrige Schärfe auf, und in der Tat, dieses Bier ist mit schwarzem Pfeffer gebraut. 6,25% und lecker. Die Schärfe ist ganz dezent, gerade so stark, dass sie nach jedem Schluck sofort wieder Durst auf den nächsten macht.

Ich stelle das Glas nach dem letzten Schluck zurück auf die Theke und schaue auf die Betonplatte. L-förmig bedeckt sie die Bar auf ihrer ganzen Länge, keine Naht ist zu sehen. Sie scheint aus einem Stück gegossen zu sein, aber definitiv erst hier vor Ort, denn in einem Stück wäre sie, bestimmt 12 m lang, wohl kaum zu transportieren gewesen. Als ich ihn darauf anspreche, grinst der Barmann. Er sei zwar nicht dabei gewesen, als man vor wenigen Monaten erst hier alles eingerichtet und neu eröffnet habe, aber, ja, die Betonplatte sei schon eine Herausforderung gewesen. „Aber der ganze Rest eigentlich auch“, fügt er noch hinzu, denn das Gebäude so einzurichten, dass es völlig heruntergekommen aussieht, aber trotzdem allen hygienischen Anforderungen einer Brauerei und eines Restaurants genügt, sei nicht einfach gewesen. „Und jetzt sieht der Gammel so echt aus, dass wir fast nicht hereingekommen wären“, lache ich.

Es ist noch genügend Zeit, die eigentliche Brauerei im Nachbarraum ein wenig näher anzusehen. Toll sieht es hier aus. Im Erdgeschoss stehen schöne Holzfässer, dahinter die stählernen Gär- und Lagertanks, eine Seite des Raums ist mit Holz vertäfelt, die andere aus schlichten, unverputzten Ziegeln. Im Obergeschoss darüber steht das Sudwerk. Der Zugang ist leider verschlossen, aber durch eine große Öffnung in der Decke kann man die Edelstahlgeräte auch von unten sehen. Schön!

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Blick in die Brauerei

Ein knappes halbes Jahr ist die Second District Brewing Company erst alt, und wenn man genau hinschaut, dann sieht man das auch. Der Shabby Chic ist künstlich; echte Gebrauchsspuren gibt es noch nicht. Die Biere sind zum Teil sehr experimentell, aber alle sind gut trinkbar, bei keiner der acht Sorten hatte ich den Eindruck, dass die Trinkbarkeit auf dem Altar der wilden Experimente geopfert worden ist. Das Essen ist solide, durchaus noch preiswert, und, wie die Biere, zum Teil ebenfalls ungewöhnlich kombiniert.

Als wir die Brauerei verlassen und weitergehen, hat sich der Schankraum mittlerweile gut gefüllt, und es sieht nicht mehr ganz so abschreckend aus. Ja, schade wäre es gewesen, wenn wir uns von dem gewollt schäbigen Stil hätten abschrecken lassen und die leckeren Biere und die angenehme Atmosphäre verpasst hätten.

Die Second District Brewing Company ist täglich von 11:00 bis 02:00 Uhr durchgehend geöffnet; kein Ruhetag. Zu erreichen ist sie mit der Metro, BSL (Broad Street Line) von der City Hall in Richtung Süden, und ab der Snyder Station etwa fünf Minuten zu Fuß in Richtung Nordwesten.

Bilder

Second District Brewing Company
1939 S Bancroft Street
Philadelphia
PA 19145
USA

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