Pivovar Pod Lípou
Kyšice
CZE

Rund zehn Kilometer ostwärts von Pilsen liegt Kyšice, ein kleiner Ort mit knapp 1000 Einwohnern, von dem der Tschechien-Reisende üblicherweise zu Recht noch nichts gehört hat. Hier gibt es nichts, das erwähnenswert ist – ein Weiler, wie hunderte andere. Der einzige Grund, hier vielleicht einmal herzufahren, ist … natürlich, die seit Herbst 2013 bestehende Brauerei, die Pivovar Pod Lípou.

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einladendes Zitronengelb

In leuchtendem Zitronengelb gestrichen, die Simse in quietschgrün abgesetzt, fällt das Gebäude schon von weitem auf, und große, schlichte Buchstaben machen unmissverständlich klar, was sich hier befindet: PIVOVAR HOSTINEC UBYTOVÁNÍ ZAHRÁDKA, oder auf Deutsch und in Minuskeln weniger marktschreierisch: Brauerei Gasthaus Unterkunft Biergarten.

Wir sind auf der D5 von Nürnberg in Richtung Prag unterwegs, und als sich pünktlich der kleine Hunger meldet, bietet sich der Abstecher nach Kyšice perfekt an. Nur wenige Minuten sind es von der Autobahnabfahrt bis hierher; es kommt einem länger vor, als es wirklich ist, denn dadurch, dass man ein Stückchen parallel zur Autobahn fährt, verliert man durch den Abstecher nicht wirklich viel Zeit.

In Kyšice braucht man nicht lang zu suchen. Das Dorf ist klein, die Brauerei leicht zu finden; direkt vor dem Eingang sind ausreichend Parkplätze, und blitzschnell sind wir im Schankraum und suchen uns ein gemütliches Plätzchen.

Beziehungsweise dann eigentlich doch nicht, denn mit Adleraugen habe ich durch einen Spalt im Eingangstor zum Hinterhof einen zweiten Schriftzug entdeckt: PIVOVAR steht auch an einem etwas kleineren Gebäude in zweiter Reihe. Vorsichtig drücke ich das Tor auf – es ist unverschlossen, und der Weg führt mich in einen recht netten Hinterhof, der zu einem Biergarten umfunktioniert ist. Hier ist es bei gutem Wetter bestimmt gemütlich, heute jedoch ist es frisch und windig, immer mal wieder nieselt es ein wenig, und so ist der Innenhof völlig verwaist.

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Blick in den Hinterhof

Das Brauereigebäude ist genauso zitronengelb gestrichen wie das Haupthaus, und unter dem Schriftzug PIVOVAR führt eine Tür in das Sudhaus. Ich probiere erneut, aber leider: Hier ist alles fest verschlossen, und es ist auch niemand zu sehen. Lediglich durch die spiegelnden und nicht ganz sauberen Fenster kann ich einen Blick auf einen stählernen Kessel werfen – wegen des großen Elektromotors, der oberhalb installiert ist, tippe ich mal auf den Maischebottich mit einem großen Rührwerk.

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Blick durch’s Fenster

Na gut, eine Brauereibesichtigung ist also offensichtlich unmöglich, aber eine Einkehr im Haupthaus natürlich schon. Es ist Mittagszeit, und die Bedienung legt uns, kaum dass wir Platz genommen haben, die Tageskarte mit den Schnellgerichten vor die Nase, fragt auch gleich, was wir trinken mögen. Ein Aufsteller auf dem Tisch wirbt mit einem leichten Sommerbier, dem Pocestný Summer A.P.A. mit gerade einmal 8° Stammwürze und 3,5% Alkohol. Ich deute auf den Aufsteller, und ehe ich meine Bestellung auf „aber bitte ein Kleines“ reduzieren kann, ist die gute Dame bereits verschwunden.

Wir blicken uns um. Der Gastraum ist einfach und simpel eingerichtet, aber nicht ungemütlich. Mit wenig Mitteln hat man ihn recht nett hergerichtet. Teile der Ziegelmauern sind verputzt, Teile sind offen gelassen. Zahlreiche Schwarzweißphotographien dokumentieren die Geschichte des Hauses und der Familie. An den einfachen Tischen sitzen jetzt, zur Mittagszeit, vorwiegend Handwerker, die eben schnell das Angebot der Mittagskarte nutzen. Deftige, einfache Gerichte für wenig Geld, das Hauptgericht für umgerechnet vier Euro.

Auch wir schließen uns an, essen eine deftige Suppe, eine Kulajda. Diese leicht säuerliche Suppe mit Kartoffeln, Pilzen und einem pochierten Ei ist in der Region beliebt und immer ein ausgezeichneter Begleiter zum Bier. Der kräftige Geschmack macht durstig, die dicke, mächtige Konsistenz satt.

Aber es war ja nur die Vorsuppe – und als der Hauptgang, eine Art Risotto mit Huhn kommt, sind wir eigentlich schon satt. Ich habe es gut – meine holde Ehefrau übernimmt ab hier für den Rest der Fahrt das Steuer, und so kann ich mir mit dem Sommerbier ruhigen Gewissens die Suppe endgültig hinunterspülen und mich so für den Hauptgang vorbereiten; sie hingegen nuckelt ein wenig lustlos an ihrem Früchtetee.

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Sommerbier

Kräftig gehopft, herzhaft bitter, aber trotzdem leicht und süffig – das Sommerbier ist nicht schlecht, auch wenn der Sommer mittlerweile vorüber ist. Derart ermutigt, bestelle ich mir noch ein Helles und schaffe es diesmal auch rechtzeitig, hinzuzufügen, dass ich nur ein kleines möchte.

Vom Prinzip her ist auch das Helle kein schlechtes Bier, aber im direkten Vergleich wirkt es ein wenig rau und kratzig, nicht ganz so süffig, nicht ganz so leicht und spielerisch wie das erste, das Sommerbier. Vielleicht liegt es auch daran, dass der erste große Durst bereits gelöscht ist, oder dass Kulajda und Risotto im Magen schon einen gewissen Gegendruck erzeugen, aber so richtig läuft es nicht…

Trotzdem – wir sind nicht unzufrieden und erstehen für zuhause noch zwei Anderthalb-Liter-PET-Flaschen mit den anderen beiden Biersorten, die hier gebraut werden – dem Weizen (Lanbert) und dem Halbdunklen (Mouřenín). Beide Biere sollen sich später, daheim, als gut trinkbare Allerweltsbiere erweisen.

Noch einmal schnell die Frage an den netten Herrn an der Theke, der uns auch abkassiert: Kann man die Brauerei vielleicht doch sehen? Aber nein, er schüttelt den Kopf. Ich dürfe gerne durch das Tor in den Innenhof gehen und durch die Fenster schauen, so viel ich wolle, aber der Brauer, der den Schlüssel hat, sei leider nicht da. Ein Andermal gerne, vielleicht hätte ich dann mehr Glück.

Ein Andermal also. Wie oft habe ich mir das schon notiert: Hier müssen wir mal wieder hin und erneut unser Glück versuchen.

Für heute bleibt wenigstens die Erfahrung, dass man hier einfach und rustikal für wenig Geld essen kann und dass es solide und leckere Biere dazu gibt. Ein netter Zwischenstopp und definitiv recht weitab vom Touristenstrom, der Pilsen in den Sommer- und Herbstmonaten sonst überschwemmt.

Die Pivovar Pod Lípou ist täglich ab 10:30 Uhr durchgehend geöffnet; sonnabends und sonntags erst ab 11:00 Uhr. Kein Ruhetag. Grundsätzlich ist gegen 22:00 Uhr Schankschluss, aber ein Vermerk auf der Website stimmt optimistisch: „zavírací doba se posouvá dle situace klidně až do brzkých ranních hodin“ – „die Schließzeiten können sich abhängig von der Gästesituation bis in die frühen Morgenstunden verschieben“. Zu erreichen ist die kleine Brauerei am besten mit dem Auto, ein gebührenfreier Parkplatz ist direkt vor der Tür. Aber dann darf man als Fahrer halt nichts trinken. Für Geduldige bietet sich daher die Anreise mit dem Linienbus an, Linie 53, Haltestelle Kyšice, direkt neben der Brauerei. Oder man übernachtet hier in den Gästerzimmern.

Bilder

Pivovar Pod Lípou
Náves 20
330 01 Kyšice
Tschechien

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