Mad Scientist
Budapest
HUN

Hinterhofbrauerei? Oh, ja, im wahrsten Sinne des Wortes.

Aufstrebende Craftbier-Brauerei? Definitiv.

Brauerei in einer Brauerei? Wie auch immer, ja!

Es ist eine kleine Weltreise innerhalb der Stadt, bis man die kleine Brauerei Mad Scientist in Budapest gefunden hat. Zunächst sind wir eine Viertelstunde lang mit der Metro gefahren, dann haben wir an einer riesigen Straßenkreuzung die richtige Bushaltestelle gesucht, die natürlich grottenschlecht ausgeschildert war. Mit hängender Zunge haben wir dann den Bus gerade noch bekommen, sind fast eine halbe Stunde durch, nun, sagen wir es diplomatisch, nicht gerade pittoresk-einladende Stadtviertel gefahren, nur um dann noch zu Fuß an heruntergekommenen und langsam verfallenden Industriebauten entlang wandern zu müssen.

Endlich sind wir an der richtigen Adresse angekommen und stehen vor einem alten Tor. Uns begrüßt ein Wachmann mit einer energischen, abwehrenden Handbewegung. „Kein Zutritt!“, soll es wohl bedeuten. „We want to visit the Mad Scientist Brewery!“, erklären wir ihm.

„Määd Schajentiß Bruwerie?“, echot er, ohne irgendetwas zu verstehen. Wir blicken in leere Augen.

„Brauerei! Brewery! Sörfőzde! Bierhaus! Beerbar! Sörház! Bier! Beer! Piwo! Øl! Cerveza! Ale! Birra! Sör!“ Verdammt, irgendetwas muss der Kerl doch begreifen. Sörfőzde heißt Brauerei. Sör heißt Bier. Das kann doch nicht so schwer sein!

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irgendwo in den Ruinen der seit vielen Jahren stillgelegten Brauerei Fővárosi Sörfőzde

Irgendetwas scheint in ihm zu arbeiten. … Sör … Bier. Es scheint klick zu machen. „Sörfőzde“, sagt er endlich und kreist mit einer ausholenden Handbewegung die ganze Industriebrache der ehemaligen, seit vielen Jahren stillgelegten Brauerei Fővárosi Sörfőzde ein, auf deren Gelände wir stehen. „Sörfőzde“, wiederholt er, und wir blicken ihn erwartungsvoll an. Aber sein Blick verfinstert sich. Er schaut auf die Ruinen, auf das alte Wappen und den Schornstein und sagt „Kaputt!“

Achselzuckend wendet er sich ab. Es darf nicht wahr sein. In uns macht sich Verzweiflung breit. Doch die Rettung naht. Sein Kollege kommt aus dem kleinen Kabuff, eine Kaffeetasse in der Hand. „Mad Scientist Brewery“, wiederholen wir, und bei ihm scheint der Groschen zu fallen. Er weist an der Fassade der alten Brauerei vorbei, umkreist das langgestreckte Gebäude mit einer Geste und deutet dann nach links. „Määd Schajentiß!“ Er lächelt stolz.

Wir marschieren los, stolpern über die kaputten Betonplatten und durch die tiefen Löcher in der Zufahrt, und nach ein paar Minuten stehen wir vor einer der alten Produktionshallen. Vor uns ein grünes Plakat, auf dem eine stilisierte, futuristische Brauerei zu sehen ist, in der kleine Männchen in Laborkitteln umherwirbeln. Die Mad Scientist Brewery. Hier sind wir richtig.

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kleine Männchen in Laborkitteln

„Jetzt fehlt nur noch, dass niemand da ist“, unkt meine holde Ehefrau in ihrem gewohnt optimistischen Ansatz. „All die Herumlatscherei umsonst“, fügt sie noch ermutigend hinzu.

Aber ich sehe schon, die Tür ist nur angelehnt. Ein junger Mann kommt heraus zum Rauchen, im Nu sind wir im Gespräch, und nur wenige Augenblicke später stehen wir im Inneren der Brauerei.

Sehr lange gebe es die Brauerei noch nicht, erzählt er, während wir durch den schmalen Eingangsbereich gehen, an ein paar Malzsäcken und Europaletten vorbeistolpern und in das Sudhaus kommen. Ein kleines Edelstahl-Sudwerk, an dem gerade etwas herumgebastelt wird. „Nur ein paar Routinesachen. Wartung!“, erklärt uns der junge Mann, „Nichts Ernstes!“, während sein Kollege in Gummistiefeln auf dem Sudwerk herumturnt und an irgendwelchen Schrauben dreht.

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das Sudhaus

Wir gehen weiter in den nächsten Raum zu den Gär- und Lagertanks. Moderne Edelstahl-ZKGs, sauber aufgereiht. Die Brauerei sei von Chemikern und Ingenieuren gegründet worden, daher der Name Mad Scientist. Der Brauerei würde man zwar den wissenschaftlichen Ansatz nicht so wirklich ansehen, brauen sei schließlich echtes Handwerk, aber immerhin könne man sich mit dem wissenschaftlichen Hintergrund den Luxus einer eigenen Hefezucht leisten. Chemiker können so was!

Ja, Brauen ist in der Tat viel Handarbeit, und als wolle er uns das noch einmal beweisen, führt uns der junge Mann durch den Raum mit der Flaschenabfüllung. Ein kleiner Abfüllapparat, mit dem unter Einsatz von viel Handarbeit ein halbes Dutzend Flaschen parallel abgefüllt werden kann. Daneben ein Handverkorker für die Kronkorken. Das Etikettieren ebenfalls weitgehend manuell. Zwei junge Männer sind hier schwer beschäftigt.

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moderne Gär- und Lagertanks

„Und hier ist unser Auslieferungslager!“ Mit einer schwungvollen Handbewegung lädt uns unser Begleiter in die große Halle ein. Uns gehen die Augen über: Auf der linken Seite Pappkartons bis ans Ende, auf der rechten unzählige Einweg-KEGs aus Kunststoff. Ein Riesenangebot.

„Kann man bei Euch auch Einzelflaschen kaufen?“, frage ich. „Dann nehme ich von jeder Sorte eine Flasche!“

„Kein Problem“, lautet die lapidare Antwort, und unser Begleiter beginnt, aus jedem Kartonstapel eine Flasche zu nehmen. „Hier haben wir ein American Pale Ale, hier ein India Pale Ale. Dieses Bier ist mit einer japanischen Zitrusfrucht gebraut, dieses hier mit Mango, hier sind Chili drin, dort drüben … und das hier … und dieses … und jenes … und dann haben wir noch …“

„Halt!“ Meine holde Ehefrau schreitet ein. „Bist Du wahnsinnig? Wir sind heute noch den ganzen Tag zu Fuß in der Stadt unterwegs. Willst Du das alles mit Dir rumschleppen?“ Oha, die Stimme der Vernunft! Aber … ich muss es zugeben, sie hat recht. Schweren Herzens beschränke ich mich auf sechs verschiedene Flaschen. Zwar lassen wir uns einmal durch das gesamte Angebot führen, aber am Ende entscheiden wir uns für genau sechs Sorten, die ich in meinem Rucksack verstaue. Immer noch schwer genug, wie ich am späten Abend feststellen werde, als mir die Schultern schmerzen.

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Mad Scientist

Ein kurzer Blick noch einmal durch die Räume. Die alten Hallen der ehemaligen Brauerei bieten genügend Platz, der Platz im Hinterhof ist gar nicht mal so schlecht, denn man kann mit einem Lieferwagen oder Kleinlaster bequem an die Rampe fahren. Eine Hinterhofbrauerei zu sein, eine Brauerei in einer Brauerei, das scheint für eine aufstrebende Craftbier-Brauerei also gar nicht so verkehrt zu sein. Dazu wissenschaftlicher und technischer Sachverstand. Prima Bedingungen für einen erfolgreichen Start. Und den hatte die Mad Scientist Brewery ganz gewiss – denn in den noch nicht einmal ganz zwei Jahren ihres Bestehens blickt sie bereits auf eine Reihe von Auszeichnungen zurück.

Die Mad Scientist Brewery ist eine reine Produktionsbrauerei ohne Schankraum oder regelmäßigen Rampenverkauf; es gibt daher keine festen Öffnungszeiten. Zu erreichen ist sie mit dem Bus, Linie 95 und 195, Haltestelle Kada Utca, oder mit der Straßenbahn, Linie 28, Haltestelle Kada Utca / Maglódi Út.

Bilder

Mad Scientist
Maglódi út 47
1106 Budapest
Ungarn

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