Pete Brown
The Pub

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Pete Brown
The Pub

Die Britischen Pubs – sie sind mehr als nur Kneipen, Bars und Schänken. Es sind zentrale Treffpunkte der Dorf- oder Stadtteilgemeinschaft, Anlaufpunkte für Touristen, Kommunikationszentren. Sie ersetzen das Wohnzimmer, können eine Art analoge Partnervermittlung sein, sind Austragungsort für Spiele und Wettkämpfe. Kurz: Sie sind kulturelle Institutionen. Und letzteres sagt bereits der Untertitel des Buchs: „A Cultural Institution – from Country Inns to Craft Beer Bars and Corner Locals“.

Vieles von dem, was ein britisches Pub ausmacht, kann auf für eine Berliner Eckkneipe, eine Kölsch- oder Alt-Bar in Köln oder Düsseldorf, eine Hafenkneipe in Hamburg oder eine Schwemme in München zutreffen, aber wohl keine nationale Kneipenszene ist so vielfältig und hat ein so eigenes Flair wie die der Briten.

Pete Brown hat in seinem opulenten Bildband die Szene umfassend beschrieben und illustriert. 23 x 26 cm², über 250 Seiten, durchgehend farbig und in bester Qualität gedruckt überzeugt das Buch bereits beim ersten Durchblättern. Ein robuster Kartoneinband, ein Schutzumschlag, bei dem die Lettern des Titels und einige Grafikelemente geprägt sind und dem Buch eine schöne Haptik verleihen, und das feste, leicht glänzende Papier fühlen und sehen sich einfach nur gut an.

Und der Inhalt?

Angeblich gibt es in Großbritannien noch rund 50.000 Pubs – es wäre also illusorisch, hier eine wie auch immer geartete Vollständigkeit zu erwarten, es sei denn, man würde auf ein telefonbuchartiges Werk Wert legen. Stattdessen hat der Autor rund 300 Pubs ausgewählt, etwa 50 davon in großem Detaillierungsgrad und die anderen in kurzen, schlaglichtartigen Absätzen beschrieben.

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The Sheffield Tap

Ich blättere mal hierhin, mal dahin und bleibe sofort hängen. Seite 72, The Sheffield Tap. Eine weiße, reich mit Stuck verzierte Wand mit einer Wanduhr und einem Kamin und die gewaltigen Leder-Ohrensessel davor fesseln mich. Was auf den ersten Blick wie ein Salon in einem norddeutschen Provinzschloss aussieht, entpuppt sich als … Bahnhofskneipe! Gelegen am Bahnsteig 1b der Sheffield Station. Und sofort verspüre ich den Wunsch, mir ein Erster-Klasse-Ticket zu besorgen, durch England zu reisen und hier auszusteigen. Bevor ich auch nur daran denken würde, zum Hotel zu gehen und einzuchecken, würde ich hier meinen Koffer abstellen und ein Pint trinken, gemütlich in einen der Ledersessel sinken, die Zeit anhalten und mein Ale genießen wollen.

Ein paar Seiten vorher, Seite 62: Die Einleitung zum Kapitel Country Pubs. Natursteingebäude, von Blumen und Kletterpflanzen so zugewachsen, dass man gerade noch Fenster und Türen als solche identifizieren kann. Verwitterte Steine im Vorgarten, gepflegte Hecken und Wiesen. Drinnen gewaltige Feuerstellen und dicke Teppiche. Opulente Gemütlichkeit.

Wem das zu altbacken, zu spießig ist, der findet auch moderne Pubs und Craft-Beer Bars. Auf Seite 30 beispielsweise. Die Purecraft Bar in Birmingham oder die Bars von BrewDog. Industrial Chic, rustikale Einrichtung, aber guter Service und ein ungeheuer breit gefächertes Bierangebot.

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The Modern Pub

Pete Brown geht vorurteilsfrei auf die Szene zu. Das winzige Dorfpub, die In-Kneipe in der Mittelstadt, die Pub-Chain in den Großstädten des Landes. Nichts wird von vornherein verteufelt oder vergöttert. Jedes Modell, jeder Ansatz hat seine Berechtigung, und auch wenn die verschiedenen Stile sich an verschiedene Zielgruppen richten – ein echtes, britisches Pub zeichnet sich dadurch aus, dass jeder Gast toleriert wird. Der junge, noch etwas unsichere, gerade einmal achtzehnjährige Heranwachsende, der gerade sein erstes legales Bier trinkt, wird im viktorianischen Pub genauso willkommen sein, wie der alte, distinguierte Herr in der eben schon erwähnten Purecraft Bar.

Dem Autor gelingt es, in den detaillierten Beschreibungen die jeweils typische Atmosphäre einzufangen, die Besonderheiten zu entdecken und beides so zu beschreiben, dass beim bloßen Durchlesen die Lust wächst, sich sofort auf eine eigene Entdeckungsreise zu machen.

Die abwechslungsreiche Gliederung des Buchs trägt das Ihrige zum Leseerlebnis bei. Nach einem kurzen Vorwort folgt ein Abriss der Geschichte der britischen Pubs und anschließend der Versuch, die spezielle Atmosphäre der britischen Pubs zu definieren („Defining the Special Atmosphere of the British Pub“), und Brown geniert sich nicht, hier auf George Orwell zurückzugreifen, der in der Beschreibung des (Phantasie-)Pubs „The Moon Under Water“ zahlreiche Eigenschaften zusammengetragen hat, die ein echtes Pub ausmachen. Die Biere. Das Essen. Das freundliche Personal, das seine Stammgäste kennt. Die Innenarchitektur. Ein Biergarten. Das Mobiliar. Die Lage. Und vieles mehr. Kurzum: Die zeitlose Anatomie einer zweiten Heimstatt.

Dann aber geht es in die eigentlichen Kapitel, in denen die Pubs im Detail vorgestellt werden. Der erste große Abschnitt, Pub Types, gruppiert die Pubs nach ihrem Typus. Historic pubs, architecturally interesting pubs, hub of the community pubs, pubs with live entertainment, country pubs, coastal pubs, railway pubs, eccentric pubs and pubs in unusual locations, great beer pubs, great food pubs. Zu jeder dieser Kategorien gibt es ein paar ausführlich beschriebene und bebilderte Beispiele und einige weitere, die in einem kurzen Absatz vorgestellt werden.

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The Country Pub

Vergleichbar geht es im zweiten großen Abschnitt weiter, diesmal aber nach Regionen sortiert. South West, South East, London, East England, The Midlands, North & North West, North East, Northern Ireland, Scotland, Wales. Erneut gibt es detailreiche Schilderungen und kurze, schlaglichtartige Beschreibungen.

Eine wunderbare Lesereise durch die Welt der Pubs, und am Ende angekommen, frage ich mich: Wie, um Himmels willen, soll ich jemals all diese Pubs besuchen, all diese Erfahrungen einmal selbst machen können? Und selbst wenn ich einmal viel Zeit im Vereinigten Königreich verbringen sollte – ich werde doch nie die richtige Pub-Beschreibung im passenden Moment wiederfinden können, oder nicht?

Für diesen Fall hat Pete Brown wenigstens in Teilen vorgesorgt und dem Buch ganz am Ende noch zwei Register gegönnt. Ein Index, in dem die Pubs nach ihrer Lage sortiert sind, und ein zweiter, der sie nach Namen auflistet. Zum Reiseführer eignet sich das Buch dann aber doch nicht: Sein Format und nicht zuletzt auch sein Gewicht laden nicht gerade dazu ein, es ständig im Rucksack dabei zu haben, wenn es auf eine Reise durch das Vereinigte Königreich geht.

Oder vielleicht doch?

Pete Brown
The Pub
Jacqui Small LLP
London, 2016
ISBN 978-1-91025-452-3

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