Csak a jó sör
Budapest
HUN

„Geh’ unbedingt ins Csak a jó sör“, lautete der Tipp, den ich von einer Freundin bekommen habe. Csak a jó sör. Was das nun wieder heißen mag? Ungarisch ist eine Sprache, die sich mir nie erschließen wird, befürchte ich. Über die beiden Worte köszönom, danke, und sör, Bier, werde ich wohl nie hinauskommen. Aber immerhin, sör kommt ja nun schon mal im Namen des Csak a jó sör vor, also wird es etwas mit Bier zu tun haben. „Es ist ein Bottle Shop, der aber auch ausschenkt, also Bierladen und Bierbar in einem“, hieß es weiter, und somit ist der Entschluss klar – für einen kleinen Abstecher dorthin muss ich mir die Zeit einfach nehmen.

Ein kleiner Spaziergang durch die kleinen und dunklen Gassen, und schon stehe ich in der Kertész Straße vor dem Bierladen. Aber leider, leider: Die Gitter sind zu, und dahinter die Beleuchtung auf ein Minimum heruntergedreht. Geschlossen. Wie ärgerlich!

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alles vergittert – einladend sieht anders aus

Doch halt, was ist das? Sehe ich dort nicht eine Bewegung hinter dem Schaufenster? Es dauert noch einen Moment, aber schließlich erkenne ich es: Es sind Gäste drin. Dann muss also auch auf sein? Noch einmal blicke ich die Häuserfront entlang, und dann sehe ich zwischen all den vergitterten Fenstern auch den schmalen Eingang. Die Tür ist nicht vergittert. Beziehungsweise, das Gitter ist geöffnet und beiseitegeschoben. Also doch geöffnet!

Ich gehe durch die Tür und stehe mitten im Durcheinander. Die Luft ist zum Schneiden dick, die Beleuchtung mehr als spärlich, der wenige Platz in den drei aneinandergrenzen Räumen ist bis auf den letzten Quadratmeter mit Regalen und Tischen sowie einigen wenigen Sitzgelegenheiten vollgestopft. Dazwischen quetschen sich stehende Gäste, und im mittleren Raum ist auch noch eine Zapftheke und eine Kasse installiert. Beides so eng aneinander, dass der Barmann und Kassierer in Doppelrolle sich gerade einmal umdrehen kann.

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zwischen Zapfe und Kasse bleibt kaum Platz

Die Regale bergen hunderte von verschiedenen Bierspezialitäten. Flasche an Flasche steht hier aufgereiht, nach Ländern und grundsätzlichen Stilrichtungen sortiert. Dazwischen leere Flaschen zur Dekoration, PET-Fässer und sonstige Bier-Memorabilia. Als ob die Regale mit den Verkaufsflaschen nicht schon voll genug wären…

Hier kann man stöbern, sich Flasche für Flasche zusammensuchen, an der Kasse zahlen und wieder gehen. So, wie in jedem anderen gut sortierten Bierfachgeschäft auch. Macht hier aber offensichtlich keiner. Jedenfalls nicht alle drei Schritte hintereinander.

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die Regale sind gut bestückt

Den ersten Schritt schon, den machen viele. Suchen sich Flasche für Flasche zusammen, deponieren sie irgendwo auf einem Tisch oder in einer Ecke, aber bevor es dann mit der Beute zur Kasse geht, wird dann doch erstmal ein Bier getrunken. Oder zwei. Oder noch mehr. Und dann wohl auch das eine oder andere Mal die Beute ganz aus den Augen verloren, denn ich sehe nicht nur eine Ecke, in der eine bunt zusammengestellte Bierauswahl offensichtlich vergessen worden ist.

Erstmal ein Bier trinken – das geht hier im Csak a jó sör ganz wunderbar. Zum einen ist neben der Kasse eine winzige Theke mit sechs Zapfhähnen. Hier werden in regelmäßigem Wechsel spannende Biere aus kleinen und Kleinstbrauereien angeboten. Und zum anderen stehen zwischen den Regalen auch Kühlschränke mit einem reichhaltigen Flaschenangebot. Für jeden Geschmack ist etwas dabei, und sei er auch noch so exotisch.

Das Konzept kommt offensichtlich gut an, denn der winzige Laden ist rappelvoll. In der Mitte steht eine größere Gruppe junger Leute rund um einen kleinen Stehtisch. Die Gruppe ist offensichtlich schon länger hier, und ihr scheint der nächste Morgen egal zu sein. Berge von Gläsern und leeren Flaschen zeugen von einer schon fortgeschrittenen Bierprobe, und der Lärmpegel ist gewaltig. Im rechten Nebenraum stehen ein paar Sofas, eng and eng fläzen sich die jungen Leute hin, und auch hier: Überall leere Flaschen und Gläser.

Vorsichtig schiebe ich mich bis zur Theke durch und ordere ein Bier. Das Hopochonder der Brauerei Golem gefällt mir vom Namen her, insofern ist die Entscheidung schnell gefallen. Blitzschnell bekomme ich das simple und robuste Glas bis zum Rand voll gezapft, zahle, und dann … stehe ich mit meinem Bier in der Hand ratlos da. Wohin jetzt? Alle Plätze sind besetzt, es ist rappelvoll, es gibt nicht einmal mehr eine Möglichkeit, das Bier an einem der Stehtische abzusetzen. In der Hand wird es aber zu schnell warm, das will ich auch nicht.

Aber hier ist es völlig unkompliziert, ich mache es also wie alle anderen auch und stelle mein Glas einfach mitten zwischen die Verkaufsflaschen ins Regal. Wichtig ist dabei nur, sich zu merken, in welches Fach, denn sonst verliert man beim Herumstöbern die Übersicht und fängt an, zu überlegen. Wo habe ich nochmal das Glas abgestellt? Ist dieses Glas wirklich meins? Oder war es doch das dort drüben? Und wenn ja, wer hat denn zwischendurch das Glas zur Hälfte geleert? War ich das etwa selber?

Achtsamkeit ist also gefragt.

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mitten hinein ins Regal mit meinem Bierglas…

Das Hopochonder entpuppt sich als gar nicht so schlechte Wahl. Zwar ist das hopfige Aroma nicht allzu intensiv, vielleicht wird es aber auch durch den Mief des völlig überfüllten Lädchens überdeckt, aber auf der Zunge und im Schluck ist es kernig, die Bittere ist präsent, aber nicht kratzig, und eigentlich macht es Lust auf mehr.

Flaschen kaufen will ich heute allerdings keine, der Koffer für die Rückreise ist schon gut mit Beutestücken gefüllt. Aber es kommt, wie es immer kommt: Hier entdecke ich eine tolle Bierspezialität, dort auch noch eine, und irgendwann ist der Rucksack doch wieder voll. Ach, was bin ich heute wieder konsequent…

Der Typ an der Kasse grinst mich freundlich an, als ich die Flaschen vor ihm aufreihe. Schon wieder einer, der eigentlich „nur kucken“ wollte, scheine ich aus seiner Miene lesen zu können…

Ach, ja, er hat ja recht.

Na und?

Das Bierfachgeschäft mit Ausschank, so muss man es wohl nennen, Csak a jó sör hat täglich von 14:00 bis 21:00 Uhr geöffnet; sonntags ist Ruhetag. Von den zugezogenen Gittern vor den Fenstern darf man sich nicht irritieren lassen – es ist tatsächlich trotzdem geöffnet. Mit der Straßenbahn, Linien 4 und 6, Haltestelle Király utca / Erzsébet körút, kommt man bis ganz in die Nähe und braucht nur noch etwa 100 m zu laufen.

Bilder

Csak a jó sör
Kertész utca 42-44
1073 Budapest
Ungarn

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