Že v redu, Primož!
Ljubljana
SVN

Primož Trubar, der protestantische Prediger und Begründer des slowenischen Schrifttums, kehrte im 16. Jahrhundert an einem Sommerabend in einer kleinen Tübinger Wirtschaft ein und verlangte nach einem kühlen Bier. Das Schicksal wollte es, dass es eine sehr hübsche und junge Dame war, die ihm den Keramikkrug mit dem Bier reichte, und ihn, den religiösen Priester, mit ihrem attraktiven Aussehen reichlich nervös machte. So nervös, dass ihm der Krug aus den zitternden Händen fiel und auf dem Boden zerschellte. Trubar blickte verlegen auf und überlegte, wie er sein Versehen wieder gut machen könne, als die junge Dame die Situation ganz einfach entkrampfte und ihn mit einem freundlichen Lächeln beschenkte: „Ist schon in Ordnung, Primus!“

Ein paar Wörter nur, schnell dahingesagt, aber von Herzen kommend. Sie haben die Jahrhunderte überdauert, und heute nennt sich ein Bierfachgeschäft in der nach Primož Trubar benannten Trubarjeva-Straße in Ljubljana nach diesem Satz: „Že v redu, Primož!“ – „Ist schon in Ordnung, Primus!“

Wir bummeln durch die Altstadt Ljubljanas, lassen uns mit den Touristenströmen durch die hübsche Altstadt und am Ufer des Flüsschens Ljubljanica entlang treiben. Alles ist schön renoviert und herausgeputzt, die Kellner buhlen um Gäste, fliegende Händler verkaufen Souvenirs, und überall kann man in der schon etwas tieferstehenden Sonne sitzen und ein Bier oder einen Cocktail genießen.

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Außenansicht

Nur wenige Schritte von der schon fast überrenovierten, gewiss aber schon sehr gentrifizierten Altstadt entfernt findet man aber auch schmale Szene-Gässchen, in denen kleine Geschäfte und Bars hinter mit ästhetisch fragwürdigen Graffiti geschmückten Wänden die Einheimischen und die alternativen Touristen anlocken. Und mittendrin das Že v redu, Primož! „Beer Shop – Pivoteka“ steht noch ergänzend unter dem Namen, als ob die im Schaufenster gestapelten Bierkartons und Flaschen nicht schon eindeutig genug darauf hinweisen würden, was es hier zu kaufen gibt.

Meine holde Ehefrau und ich sehen uns an und nicken uns zu. Wir kaufen heute nichts, das war so abgemacht. Der Keller daheim ist noch voller leckerer Biere, und unser Umzug steht bevor – da sollten wir lieber ein paar Biere wegtrinken und den Möbelpackern Arbeit ersparen, als schon wieder neue Vorräte anzulegen. Aber mal die Nase reinstecken und vielleicht ein Bier als Wegbier kaufen, das sollte doch möglich sein, oder?

Ich öffne die Tür, und ein junges Pärchen kommt uns entgegen; mit einem großen Karton und einigen randvollen Einkaufstüten verlassen sie das Lädchen. Es klimpert verlockend, und beide haben schon ein breites Grinsen im Gesicht – die pure Vorfreude auf eine große Verkostung. Neidisch blicke ich hinterher und denke an unsere Abmachung…

Drinnen im winzigen Lädchen sehe ich mich um. Uih, das wird schwierig. Sich hier für ein einziges Wegbier zu entscheiden, scheint mir fast unmöglich. Na gut, zwei, denn wir trinken ja jeder eins…

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wenige Quadratmeter nur, aber mit einer beeindruckenden Auswahl

Schnell haben wir uns orientiert. Linker Hand stehen die slowenischen Kreativbiere, rechter Hand in den Regalen der Rest der Welt. Dazwischen ein kleiner Tresen mit der Kasse, und daneben ein Kühlschrank. Aha, da finden wir die Wegbiere, ist ja ganz einfach. Ich will den jungen Mann hinter dem Tresen fragen, ob ich mich da einfach bedienen kann, aber er ist plötzlich verschwunden. Suchend drehe ich mich um und sehe ihn mit meiner besseren Hälfte im Gespräch vertieft. Um holzfassgereifte Spezialitäten geht es, um Porter und Stout, um kräftig aromatische Dunkelbiere mit robustem Charakter. Rauchbier und Sauerbiere gingen eher nicht, aber ein Barley Wine oder gar ein Eisbock seien nicht zu verachten.

Moment mal, was geht hier eigentlich gerade ab? Wieso übernimmt meine Frau gerade meine Rolle im Stück? Warum fachsimpelt sie und lässt mich stehen? Und vor allem: Was sind das für Flaschen, die sie da aus dem Regal nimmt und fein säuberlich an die Seite sortiert?

Wir kaufen heute nichts!

Höchstens ein (!) Wegbier.

Also, eines für jeden…

So lautete die Abmachung…

„WIR kaufen ja auch gar nicht“, flötet sie zuckersüß. „ICH kaufe.“

„Schau mal hier, was für wunderbare whiskyfassgereifte Biere, Doppelböcke, Barley Wines, Stouts und Porters“, heißt es, und weiter: „Die sind alle lange lagerfähig, die brauchen wir vor dem Umzug gar nicht zu trinken, die können wir locker noch einlagern und dann im Winter genießen!“

Während ich mich frage, in welchem Film ich eigentlich gelandet bin, und nach der versteckten Kamera suche, strahlt der junge Verkäufer über beide Backen. Das Geschäft des Tages. Flasche um Flasche wandert vom Regal auf den Tresen und von dort in meinen Rucksack. Erst als dessen Fassungsvermögen (beziehungsweise meine Tragkraft) erschöpft scheint, gibt meine Frau Ruhe. Beste Biere aus der ganzen Welt klimpern fortan dezent bei jedem Schritt.

„Und was ist mit dem Wegbier?“, frage ich entgeistert.

„Das gibt’s jetzt natürlich nicht, wir müssen ja zurück ins Hotel und die Last loswerden…!“

So einfach ist das also. „Ist schon in Ordnung, Chefin!“, murmele ich. Der junge Verkäufer grinst. Er hat das Wortspiel verstanden.

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Wortspielereien scheinen in diesem Bottle Shop beliebt zu sein…

Für einen Moment unterhalten wir uns noch und erfahren, dass der kleine Laden vor zwei Jahren im Haus gegenüber eröffnet worden war, dann aber rasch auf diese Straßenseite in einen etwas größeren Raum umgezogen ist. Bis zu 250 verschiedene Biere gebe es, aber das sei auch ein bisschen von der Jahreszeit abhängig. Im Sommer, wenn nicht nur Einheimische, sondern auch Touristen kommen, dann gebe es ein paar Sorten mehr, im Winter müsse man eher aufpassen, dass die eine oder andere kurzlebige Biersorte nicht verdirbt, da gebe es dann ein etwas reduziertes Angebot. „Aber immer noch spannend genug!“, beeilt er sich, zu erzählen.

Damir Golijaš, sein Chef und Eigentümer des Bottle Shops, habe übrigens vor ein paar Monaten auch eine kleine Craftbier-Bar eröffnet, Pivnica Lajbah, nur ein paar Minuten Fußweg von hier, immer am Fluss entlang, und dann einmal auf die andere Seite, erfahre ich noch. „Und Ihr seid gerade zum richtigen Zeitpunkt hier“, fährt der junge Mann fort, „morgen haben wir in der Pivnica Lajbah ein Tap Takeover mit der holländischen Brauerei Oedipus. Da müsst Ihr unbedingt vorbeikommen, die haben ganz tolle Biere!“ Er drückt mir einen kleinen Werbezettel in die Hand. „Hier findet Ihr die Adresse und eine Wegeskizze! Bis morgen also!“

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skurrile Erinnerungen an die Besucher des Lädchens

Na dann, bis morgen! Was für ein schöner Zufall.

Schwer beladen geht es jetzt aber erst zurück zum Hotel, die wertvolle Fracht loswerden. Zeit genug, um zu sinnieren, was „Wir kaufen heute nichts!“ eigentlich bedeutet…

Der Bottle Shop Že v redu, Primož! („Ist schon in Ordnung, Primus!“) ist täglich von 12:00 bis 21: 00 Uhr geöffnet; sonnabends nur bis 14:00 Uhr. Sonntags ist Ruhetag. Zu erreichen ist das kleine Geschäft mit dem Bus, Linie 13 oder 20, Haltestelle Zmajski Most, und von dort zwei Minuten zu Fuß in östlicher Richtung. Oder man läuft vom Hauptbahnhof aus zehn Minuten in Richtung Süden bis zur Zmajski Most und biegt dann in Richtung Osten ab.

Bilder

Že v redu, Primož!
Trubarjeva 44
1000 Ljubljana
Slowenien

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