Sousedský Pivovar Bašta
Prag
CZE

Prag hat so viele Brauereien – große, kleine und allerkleinste. Und die besten, die originellsten liegen meist ein wenig außerhalb, ganz versteckt, und man muss schon wissen, wonach man sucht, wenn man sich auf den Weg macht, sie zu finden.

Bei wunderbarem Herbstwetter, strahlendem Sonnenschein und leuchtend blauem Himmel dackele ich also quer durch die Stadt und komme schließlich im 4. Bezirk, in Nusle, an. Ein unscheinbares Bürgerhaus, gelb gestrichen, und eine grüne Reklametafel, die mit Sicherheit schon bessere Zeiten erlebt hat: Sousedský Pivovar Bašta, die Nachbarschafts-Brauerei Bašta.

Drinnen eine typisch tschechische Kneipe, eine Nachbarschaftskneipe, eben. Einfache Holzmöbel auf blankem Holzboden. Ein bisschen Deko für die Gemütlichkeit, sogar ein Kachelofen mit grün glänzenden Kacheln in der Ecke. Alles aber schon alt, abgewetzt und abgestoßen. Trotzdem einladend. Eine Eckkneipe halt.

Statt einer Speisekarte liegen ein paar fotokopierte und schon verkleckerte Zettel auf dem Tisch – auf einem davon die Bierliste. Ich überfliege sie kurz, und sehe mich bestätigt: Ein helles Zwölfer, ein halbdunkles Zwölfer, ein Weizen, ein Elfer. Doch dann stutze ich: Chmelová Střela steht hier, ein IPA mit 16°. Moment mal, hier, in dieser Eckkneipe ein IPA? Und dann geht es noch weiter: Auch drei belgische Bierspezialitäten gibt es hier vom Fass: Kvak, Delirium Tremens und Kasteel Rouge.

Also, damit habe ich nicht gerechnet. Ich muss wohl sehr verdutzt schauen, denn vom Nachbartisch spricht mich nun ein Männlein mit gezwirbeltem Spitzbart und undefinierbarer Frisur an: „Das IPA musst Du nehmen!“, drückt er auf Tschechisch aus, und als ich nicht sofort antworte, merkt er, dass ich Ausländer bin. „Aha, Du bist nicht von hier. Aber ein bisschen verstehst Du?“

Ich nicke, und er beginnt, in höchster Lautstärke das IPA zu preisen. Ich bin nicht taub, denke ich, ich verstehe halt nur wenige Brocken Tschechisch, aber wie so viele Menschen versucht er, durch Lautstärke und zweimaliges Wiederholen jeden Satzes mein Verstehen zu erzwingen. „Monatelang habe ich den Brauer bearbeitet“, heißt es, „bis er endlich das IPA gebraut hat. Und? Siehst Du? Es ist fantastisch geworden.“

Nein, sehe ich nicht, denn ich habe mir zunächst das Albrecht 11° bestellt, ein fast schon orange leuchtendes Bier, das aber so knackig gehopft ist, dass es locker als Session-IPA durchginge. Ein tolles Bier. Ich genieße die Hopfenherbe in großen Schlucken, die Wanderung hier hinaus hat mich durstig gemacht.

„So, und jetzt bestellst Du das IPA!“ dröhnt es vom Nachbartisch, und ehe ich etwas erwidern kann, schreit er nun den Ober genauso laut an: „Bring ihm ein IPA! Ein IPA, hörst Du!“ – „Ich bin doch nicht taub!“ brüllt der Ober nun genauso laut und fröhlich lachend zurück, so dass die anderen Gäste schon schauen. „Willst Du ihm auch noch sagen, was er essen soll?“

„Die Ente soll er nehmen, die Ente! Hier, was heißt sekana auf deutsch oder auf englisch, ihr wisst doch so was bestimmt!“ brüllt das Männlein nun auf das junge Pärchen einen Tisch weiter ein. „Sekana! Sekana!“ und er schneidet mit heftigen Bewegungen die Luft vor sich in Scheiben. „Sekana!“ hackt er mit den Händen in die Luft, und endlich kann ich seinen Redeschwall unterbrechen: „Hackfleisch, ich weiß!“ Und zum Ober gewandt sage ich: „Den Entenhackbraten, in der Tat. Mit Kartoffeln und Kraut!“ Der Ober ist zufrieden, das Männlein nebenan auch.

Leiser wird der Knabe deswegen aber nicht. „Jetzt bring ihm endlich das IPA! Er soll das IPA probieren!“ Und erst, als ich den ersten großen Schluck genommen und ihm versichert habe, dass es sich in der Tat um ein ganz ausgezeichnetes IPA handele, und dass es definitiv die richtige Entscheidung gewesen sei, den Brauer davon zu überzeugen, es zu brauen, gibt er endlich Ruhe und wird leiser. Zufrieden nuckelt er an seinem gewaltigen Bierkrug, randvoll mit seinem geliebten IPA.

Der Entenhackbraten ist in der Tat lecker. Anerkennende Blicke auch vom Nachbartisch.

Ich zahle – umgerechnet nicht ganz fünf Euro für zwei Bier und ein Hauptgericht. Prag ist nur in der touristisch überlaufenen Innenstadt völlig überteuert, hier draußen, wo man als Ausländer sofort auffällt und für taub gehalten wird, nicht.

Noch einmal wird es ein wenig lauter, als ich die Kreidetafel an der Theke fotografiere. „Siehst Du nicht! Der interessiert sich für Dein Bier!“ bölkt der Knabe wieder aus dem Hintergrund. „Jetzt nimm die Schlüssel, und zeig ihm mal Deine Brauerei, die soll er auch fotografieren!“

Miniatur„Willst Du doch, oder?“ wendet er sich wieder an mich. „Geh mit, geh mit dem Brauer mit! Los, los!“

Gerne tue ich, wie mir geheißen, und während ich mit dem Brauer in der kleinen Brauerei stehe, etwa 4 hl groß wird sie wohl sein, und mich mit ihm in normaler Lautstärke radebrechend unterhalte, stelle ich fest, dass das Männlein vielleicht ein wenig nervig war, dass ich ohne ihn aber vermutlich nicht ins Nachbargebäude, ins Heiligtum dieser winzigen Brauerei geführt worden wäre.

Die Sousedský Pivovar Bašta ist täglich von 11:00 Uhr bis Mitternacht durchgehend geöffnet; es gibt acht Sorten Bier vom Fass, fünf davon aus eigener Herstellung. Man muss natürlich nicht vier Kilometer durch die Stadt laufen, sondern kann bequem die Straßenbahnlinien 18 oder 24 bis zum Platz Bratří Synků nehmen und hat dann nur noch etwa 100 m zu Fuß.

Bilder

Sousedský Pivovar Bašta
Táborská 389/49
140 00 Praha
Tschechien

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