Reinheitsgebot – Verbraucherbetrug?
Wir fragen die aufgeklärten Biertrinker
Heute: Katja

MiniaturWir fragen die aufgeklärten Biertrinker, denn viele der Brauer haben inzwischen vom Bayerischen Brauerbund einen Maulkorb verpaßt bekommen. Da es beim Bier aber um den Verbraucher geht, soll er doch mal zum Zuge kommen.

Katja, 1977, Göttingen

1. Erinnerst Du Dich noch, wie es für Dich war, als Du realisieren mußtest, daß der Begriff Reinheitsgebot nur ein Marketinginstrument ist, und daß in Wahrheit nach dem Lebensmittelgesetz gebraut wird?

Miniatur (2)Das habe ich schon lange gewusst, aber ich bin in einem Land (USA) aufgewachsen, wo Marketing alles ist und man jede Sekunde mit Marketing überhäuft wird. Deswegen war es mir egal, dass das Reinheitsgebot nur ein Marketinginstrument ist. Ich habe nur ein Problem, wenn Leute denken, dass ein Bier nicht gut ist – oder „echt“ ist – wenn es nicht „nach dem Reinheitsgebot gebraut“ wird / ist.

2. In 2012 hat die Verbraucherzentrale ganz deutlich am Beispiel der Erdinger Brauerei entschieden, daß auf den Bieretiketten nicht mehr stehen darf „Gebraut nach dem Bayerischen Reinheitsgebot von 1516“ und das nach dem Lebensmittelgesetz gebraut werde. Man möchte meinen, daß diese Aussage zu einem Aufschrei in Deutschland und zu einer Abwendung von den Bieren, die nach dem Reinheitsgebot gebraut sind, geführt haben müßte. Tatsächlich ist verbraucherseitig nichts passiert! Kannst Du mir erklären?

Miniatur (2)Weil das Weißbier mit Bayern verbunden ist, genau wie das Reinheitsgebot mit Bayern verbunden ist. Und viele denken, dass die Bayern das beste Bier brauen, und dass sie es „richtig“ und „korrekt“ brauen, d. h. nur mit „echten Bierzutaten“, wie Gerstenmalz, Wasser, Hefe und auch Weizen. Ein Bier zu brauen mit Obst oder Gewürzen oder Gemüse – das ist die Arbeit des Teufels. Ich glaube, solange ein Bier in Deutschland gebraut wird, das wie ein „Bier“ (d. h. Pils oder Weißbier) schmeckt und nicht viel Geld kostet, ist es eigentlich dem stereotypischen deutschen Verbraucher egal, ob das Bier wirklich nach dem Reinheitsgebot gebraut ist.

3. Im kommenden Jahr feiert das Bio-Reinheitsgebot sein 25jähriges Bestehen. Nach inständigem Bitten des Bayerischen Brauerbundes sehen sie aber von Feierlichkeiten ab und überlassen dem Brauerbund die Festbühne. Welche Gedanken kommen Dir dazu?

Miniatur (2)Ich habe keine Gedanken dazu. Was die Bayern da unten machen ist mir egal. Ich sehe die Bayern als altmodisch, viel zu konservativ, und Veränderungen gegenüber nicht aufgeschlossen.

4. Inzwischen haben wir es in der Branche mit einem dritten zu klärenden Begriff zu tun: CRAFT, Handwerk. Auch steht Marketing im Vordergrund, und daß das Handwerk sekundär ist, beweist beispielsweise die Tatsache, daß eine Störtebeker Brauerei sich in Braumanufaktur umbenannt hat (geschätzter Ausstoß 200.000 hl). Wollen wir betrogen werden? Wollen wir in unseren Köpfen diese Bilder vom verschwitzten Brauer, der nachts bei Mondenschein mit seiner Mutter noch das Gebräu umrührt?

Miniatur (2)Die ursprüngliche Bedeutung des Worts „Craft Bier“ kann man in Deutschland nicht benutzen. Natürlich ist der Begriff jetzt ein Marketingwort (auch in den USA heutzutage). Leider wollen wir als Menschen alles in Kategorien einordnen. Wir wollen auch als Menschen Geld verdienen. Und wenn das Modewort „Craft Bier“ ist, natürlich werden Firmen und Menschen aus dem Nutzen ziehen! Das bringt Geld! Die Verbraucher müssen informiert sein, und das braucht Zeit. Zum Beispiel in den USA haben Leute vor Jahren gedacht, dass Blue Moon Craft Bier war. Es hat als Craft Bier angefangen, aber dann hat Coors Blue Moon gekauft, was dazu führte, daß man diese ursprüngliche Bedeutung von Craft Bier nicht mehr benutzen konnte. Aber trotzdem haben die Leute gedacht, dass das Bier Craft Bier sei. Es war etwas anderes als das, was man in den meisten Supermärkten kaufen konnte. Aber mit Zeit hat es mehrere Craftbrauereien gegeben – auch mit weiterer Distribution – und Leute haben gelernt, dass Blue Moon nicht mehr unter den Begriff „Craft Bier“ steht. Craft Bier ist in Deutschland neu, und für mich ist Craft Bier ein innovatives Bier – nicht das gleiche Lager oder Pils, das man überall finden kann (auch unter den kleinen Brauereien, die aufgrund der geringen Menge, die sie brauen unter „Craft Bier“ einzuordnen sein könnten). Ich denke, wenn man ein Störtebeker trinkt und findet es lecker, dann ist diese Person offener, noch ein anderes Bier zu probieren. Und vielleicht wird das nächste Bier ein Heidenpeters Bier (z. B.) sein. Aber ohne diese Erfahrung mit Störtebeker wird vielleicht diese Person kein neues Bier probieren. Und sollte diese Erfahrung mit z. B. Störtebeker schlecht sein, und diese Person lernt einen Craft Bier Fan kennen, dann gibt es die Möglichkeit, daß der Craft-Bier Fan dieser Person erklären und beibringen kann, was Craft-Bier eigentlich ist oder sein könnte! Ich finde, es gibt zu viel Snobismus in der Craft Bier Szene, vor allem wenn die Szene neu ist.

5. Was wünschst Du persönlich Dir für Dein Bier?

Miniatur (2)Einfach – dass es gut schmeckt. Es kann ein Industriebier sein. Es kann auch ein Craft Bier sein. Ich habe gute und schlechte Industriebiere getrunken, genau wie ich gute und schlechte Craft Biere getrunken habe.

Fragen: Esther Isaak
wiederveröffentlicht von Bierguerilla
mit freundlicher Genehmigung der Autorin

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