Reinheitsgebot – Verbraucherbetrug?
Wir fragen die aufgeklärten Biertrinker
Heute: Nina

MiniaturWir fragen die aufgeklärten Biertrinker, denn viele der Brauer haben inzwischen vom Bayerischen Brauerbund einen Maulkorb verpaßt bekommen. Da es beim Bier aber um den Verbraucher geht, soll er doch mal zum Zuge kommen.

Nina, 1977, Hamburg

1. Erinnerst Du Dich noch, wie es für Dich war, als Du realisieren mußtest, daß der Begriff Reinheitsgebot nur ein Marketinginstrument ist, und daß in Wahrheit nach dem Lebensmittelgesetz gebraut wird?

Miniatur (2)Die Erkenntnis, dass das so genannte Reinheitsgebot nicht unverändert fortbesteht und in heutige Gesetze und Verordnungen übertragen werden musste, hat mich kaum überrascht.

Die wahre Desillusionierung setzte erst ein, als ich nach und nach mehr erfuhr über den eigentlichen Zweck des ursprünglichen Reinheitsgebots (ein staatliches Weißbiermonopol zu etablieren, vielleicht auch die Versorgung der Bevölkerung mit Brotgetreide zu sichern) und über die im Rahmen des heute gültigen Lebensmittelrechts zulässigen Bierzutaten und Hilfsmittel (Süßstoff, Hopfenextrakt, PVPP, etc.).

Bis dahin hatte ich naiverweise geglaubt, das „Reinheitsgebot“ sorge in seiner gültigen rechtlichen Inkarnation im Sinne eines „kleinsten gemeinsamen Nenners“ für eine natürliche Zutatenliste. Eine viel zu kurze und die Kreativität der Brauer stark beschränkende Liste, wohlgemerkt, aber immerhin.

Dass selbst das nicht der Fall ist, ist der eigentliche Skandal und muss viel lauter kommuniziert werden.

Es mag sein, dass manche Brauerei, die mit dem Reinheitsgebot wirbt, tatsächlich ausschließlich natürliche Rohstoffe verwendet. Verlassen kann sich der Verbraucher darauf leider nicht.

Daher möchte ich Oliver Wesseloh beipflichten, der ein Natürlichkeitsgebot fordert, das ohne künstliche Hilfsmittel oder Extrakte auskommt, dafür aber alle natürlichen und für den menschlichen Genuss geeigneten Rohstoffe zulässt. Auf ein solches echtes Reinheitsgebot wäre ich gerne stolz.

2. In 2012 hat die Verbraucherzentrale ganz deutlich am Beispiel der Erdinger Brauerei entschieden, daß auf den Bieretiketten nicht mehr stehen darf „Gebraut nach dem Bayerischen Reinheitsgebot von 1516“ und das nach dem Lebensmittelgesetz gebraut werde. Man möchte meinen, daß diese Aussage zu einem Aufschrei in Deutschland und zu einer Abwendung von den Bieren, die nach dem Reinheitsgebot gebraut sind, geführt haben müßte. Tatsächlich ist verbraucherseitig nichts passiert! Kannst Du mir erklären?

Miniatur (2)Da gibt es viele Erklärungen. Ich könnte jetzt über die Abstumpfung der Verbraucher in Zeiten von Gammelfleischskandalen sprechen, oder über die begrenzte Macht der Verbraucherzentralen, oder über tief sitzende Beißhemmungen gegenüber deutschem Bier und Reinheitsgebot.

Im Fall Erdinger ist es einfacher: Er taugt nicht dazu, das blinde Vertrauen der Verbraucher in das Reinheitsgebot zu erschüttern. Dieses wird ja in erster Linie wahrgenommen als Schutz vor „Chemiebieren“. Die Verwendung von Weizen in einem Weißbier ist aus Sicht des durchschnittlichen Verbrauchers zu Recht kein Makel, sodass gefühlt gar keine Täuschung bzw. kein Vertrauensbruch vorliegt. Sogar die Verbraucherzentrale kritisiert letztlich nur den Verweis auf die Version von 1516, und nicht auf das Reinheitsgebot an sich.

Da braucht es wohl andere Kaliber, um etwas zu verändern und den von Lobbyisten transportierten Natürlichkeitsmythos zu hinterfragen.

3. Im kommenden Jahr feiert das Bio-Reinheitsgebot sein 25jähriges Bestehen. Nach inständigem Bitten des Bayerischen Brauerbundes sehen sie aber von Feierlichkeiten ab und überlassen dem Brauerbund die Festbühne. Welche Gedanken kommen Dir dazu?

Miniatur (2)Über den Grad der Freiwilligkeit dieses Verzichts vermag ich nur zu spekulieren, also äußere ich mich dazu lieber nicht.

Von außen betrachtet verwundert es schon ein wenig, dass der Bayerische Brauerbund es für nötig erachtet, sich auf diese Weise ungeteilte Aufmerksamkeit zu sichern.

Man könnte den Eindruck erhalten, dass es um reine Selbstbeweihräucherung geht und einer ehrlichen und offenen, öffentlichkeitswirksamen Diskussion des Reinheitsgebots (in seiner heute angewandten Form) im Vergleich zu alternativen Entwürfen aus dem Weg gegangen werden soll.

4. Inzwischen haben wir es in der Branche mit einem dritten zu klärenden Begriff zu tun: CRAFT, Handwerk. Auch steht Marketing im Vordergrund, und daß das Handwerk sekundär ist, beweist beispielsweise die Tatsache, daß eine Störtebeker Brauerei sich in Braumanufaktur umbenannt hat (geschätzter Ausstoß 200.000 hl). Wollen wir betrogen werden? Wollen wir in unseren Köpfen diese Bilder vom verschwitzten Brauer, der nachts bei Mondenschein mit seiner Mutter noch das Gebräu umrührt?

Miniatur (2)Ich bin es leid, über den Begriff „craft“ zu diskutieren, der durch seine Verwendung hierzulande nur noch zu Marketingzwecken taugt und ebenso wenig eine Garantie für gutes Bier ist wie das Reinheitsgebot.

Wollen wir betrogen werden? Sicherlich nicht. Wir wollen in erster Linie leckeres und gutes Bier aus natürlichen Rohstoffen trinken. Ob es sich um ein solches handelt, verrät uns hoffentlich unser Geschmacks- und Geruchssinn. Aber der greift ja erst, wenn wir das Bier bereits gekauft und vor uns haben. Es wäre verlogen zu behaupten, dass wir uns beim Kauf und beim Genuss eines Bieres nicht auch von der damit verbundenen Geschichte beeinflussen lassen würden. Nachhaltig ist das aber nur, wenn die Geschichte der Wahrheit entspricht und wenn am Ende das Produkt passt. Wer Lügengeschichten verbreitet und falsche Bilder heraufbeschwört, der schadet sowohl sich selbst als auch dem Ansehen der Branche.

5. Was wünschst Du persönlich Dir für Dein Bier?

Miniatur (2)Das Wichtigste ist, dass es mir schmeckt und zum Anlass passt. Dafür braucht es eine gewisse Vielfalt und Abwechslung.

Ich wünsche mir außerdem Transparenz über die Zutaten und Hilfsmittel, damit ich auf Natürlichkeit achten kann. Ich möchte mich informieren können, wo und wie ein Bier gebraut wird, und gerne auch mehr über den Brauer und seine Philosophie erfahren. Nur so kann ich mich als mündiger Verbraucher verhalten, das Preis-Leistungs-Verhältnis beurteilen und entscheiden, welche Produzenten ich unterstützen möchte.

Fragen: Esther Isaak
wiederveröffentlicht von Bierguerilla
mit freundlicher Genehmigung der Autorin

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