Esther Isaak:
Volker Quante, der Bierchronist

Volker Quante, der Bierchronist
Volker Quante, der Bierchronist

Bescheidenheit ist eine Zier, besonders schmückt sie Volker Quante. Seit Jahren versorgt er uns mit wunderbaren Berichten über Bierlokale weltweit. Nüchtern und subtil barmherzig stellt er sein Erlebtes dar.

Persönlich denke ich immer noch an seinen Brauereibesuch in Island, wo er ohne eine Bier probiert zu haben, wieder gehen mußte. Selbst die Flasche im hintersten Winkel wollte man ihm aus Angst vor der Steuerbehörde nicht verkaufen. Das sind diese Momente, die den Leser mitreisen, mitleiden und mittrinken lassen. Das ist souveräne Erzählkunst. Da auch über mein geliebtes Bierland berichtet wird, fällt es schwer, etwas Objektives dazu zu schreiben. Darum habe ich beschlossen, lieber den Erzähler selbst zu fragen:

Volker, seit vielen Jahren berichtest Du vor allem aus Deutschland und Europa über Brauereien, Biergeschäfte und Bierlokale unterschiedlicher Natur. Wann hat Deine Chronistentätigkeit angefangen, wie kamst Du dazu?

Ach, das ist eine lange und langsame Entwicklung gewesen. Bier trinke ich schon immer gerne, und irgendwann habe ich damit angefangen, mir zu den getrunkenen Bieren Notizen zu machen, zunächst in einem kleinen Notizbuch, später dann in einer Datenbank auf dem Computer. Und nach den ersten paar hundert verkosteten Bieren begann die Neugier auf die Brauereien dahinter, auf die Menschen, die das Bier produzieren, die Anlagen, auf denen es gebraut wird. Das war seinerzeit, vor Beginn der Entwicklung hin zu Kreativ-und Spezialbieren zwar noch nicht so vielseitig, wie heute, aber trotzdem schon sehr spannend.

Und oftmals war es nicht nur ein simpler Brauereibesuch, eine simple Brauereibesichtigung, sondern es waren schöne Erlebnisse mit dem und rund um das Bier. Ich habe sie notiert, Freunde daran teilhaben lassen, und irgendwann, vermutlich aus Mitteilungsdrang, begonnen, sie auch in Form eines Blogs zu veröffentlichen. Es war Anfang 2007, als die erste Version meines Blogs entstanden ist.

Nach technischen Schwierigkeiten und einem Totalcrash habe ich Anfang 2015 noch einmal bei Null anfangen müssen, habe aber zum Glück die Rohtexte und Bilder noch alle gesichert gehabt, so dass auch die alten Berichte nach und nach rekonstruiert werden können. Aktuell finden sich unter blog.brunnenbraeu.eu schon wieder knapp 600 Einträge.

Man kommt um einen gewissen Neid nicht herum, wenn man liest, wie Du wöchentlich einen Bierort nach dem anderen besuchst, dort Biere degustierst, und die Frage kommt auf: Arbeitet dieser Mensch auch mal normal für Geld oder plant er seine Geschäftstermine immer dort, wo es auch etwas zu berichten geben könnte?

Ach, schön wäre es, wenn ich meine beruflichen Termine dem Interesse an Bier anpassen könnte. In Wirklichkeit ist es aber genau umgekehrt. Ich habe das Glück, beruflich viel auf Reisen zu sein, und wenn meine Kollegen sich abends in den immer gleichen Hotelbars herumdrücken, ziehe ich mir lieber bequeme Schuhe an, lege die Krawatte ab, schnappe mir einen Stadtplan und mein Smartphone und mache mich auf die Suche. Nach Brauereien, Bierbars, Biergeschäften und – wenn ich Glück habe – auch Bierfesten oder Verkostungen. Man ahnt gar nicht, wie viel man da alles entdecken kann, wenn man nur die ausgetretenen Pfade ein wenig verlässt und vorher vielleicht ein bisschen im Internet recherchiert. Überall gibt es Hausbrauer, Kleinbrauer, Bierhändler, die sich über Besucher freuen und gerne ein bisschen fachsimpeln. Ganz besonders, wenn sie erfahren, dass hinterher auch im Internet darüber berichtet wird. Es ist ja immer auch ein bisschen Reklame für sie.

Und im Urlaub, denn ich reise auch privat sehr gerne, hat sich meine Frau schon daran gewöhnt, dass zwischen zwei Sehenswürdigkeiten, zwischen Museen, Kirchen, Burgen oder Naturdenkmäler immer auch eine Brauerei eingeschoben werden kann. Beziehungsweise muss…

Und so ergeben sich die vielen bierigen Gelegenheiten fast wie von selbst.

Da Du auch noch parallel das Getrunkene fotografierst und bewertest, müsstest Du rein theoretisch Vollalkoholiker sein oder jeden Morgen mit Kopfschmerzen erwachen. Hilft das Schreiben gegen Schädelbrummen respektive: Was treibt Dich?

Ach, das wirkt auf den Bildern oft schlimmer, als es ist. Wie oft sitze ich nicht allein am Tisch, habe meine Frau oder Freunde dabei oder lerne Menschen beim Biergespräch kennen. Und dann probiert man reihum. Jeder verkostet mal das Bier des anderen, und so lassen sich an einem Abend problemlos fünf Biere verkosten und beschreiben, und dabei habe ich dann oft noch nicht einmal einen halben Liter Bier getrunken. Also: Weder Vollalkoholiker noch Kopfschmerzen.

Und da mich Standardbiere langweilen, passiert es auch immer mal wieder, dass ein Abend ergebnislos endet, dass ich mich in der Kneipe oder dem Restaurant dem Bier völlig verweigere, stattdessen ein Mineralwasser oder einen Fruchtsaft trinke und stocknüchtern ins Bett gehe. Immer noch besser als ein geschmackloses Industriebier zu trinken, ein gelb gefärbtes, sprudeliges Wasser, wie ich es nenne.

Deine Erlebnisse erscheinen jetzt verdientermaßen in Buchform, einem Meisterstück gleich. Wie könnte das Buch Dein Chronistenleben verändern?

Gar nicht, denke ich. Es ist doch nur eine kleine Sammlung von Geschichten und Anekdoten, eine Essenz meines Blogs, die jetzt als Buch erscheint. Ein paar mehr Leser werde ich haben, ein paar mehr Klicks auf meinem Blog, und vielleicht werde ich etwas häufiger angesprochen: „Hej, Du bist doch der mit den Biergeschichten auf seinem Blog.“ Zum Literaturnobelpreis wird es nicht reichen, und gewaltige Auflagezahlen werden es auch nicht werden. Ich werde also auch nicht reich damit.

Aber es wird vielleicht einfacher werden, mal eine Brauerei zu sehen zu bekommen, die sonst nicht zu besichtigen ist. Wenn ich auf das Buch verweise, es vorzeige, wird es mir vielleicht das eine oder andere Mal, ähnlich wie ein Presseausweis, eine Tür öffnen helfen, die üblicherweise verschlossen bleibt.

Mehr aber auch nicht.

Ich freue mich über das Buch, aber es wird die Welt nicht verändern. Die große weite Welt nicht, und meine kleine eigene auch nicht.

Und Meisterstück? Ach, Esther, danke für die Blumen, aber es sind nur ein paar Geschichten. Abends im Bett, tagsüber in der U-Bahn, oder ganz unprätentiös, morgens auf dem Klo. Kleine Lektüre nebenbei. Kein Meisterstück.

Wer viel gesehen hat, kann meistens nicht umhin, eigene Vorstellungen und Träume zu entwickeln. Wovon träumt Volker Quante, wenn er über Bier nachdenkt?

Davon, dass ich bald in Pension gehen kann (acht Jahre noch) und dann mehr Zeit haben werde, Brauereien zu besuchen, Biere zu verkosten, auf Bierfesten zu degustieren und zu fachsimpeln und über all dieses zu schreiben. Derzeit ist das oft mit viel Zeitdruck verbunden – das stört mich manchmal.

Und, ja, natürlich, ich träume davon, dass das Reinheitsgebot reformiert wird. Es muss nicht abgeschafft werden, aber es sollte aufrichtig und ehrlich umgesetzt werden und nicht so verlogen und im Sinne eines von Kommerz getriebenen Produktionsprozesses merkwürdig interpretiert werden. Hilfsstoffe, die den Produktionsprozess effizienter machen, aber dem Bier nicht unbedingt gut tun, sollten verboten werden, und das Reinheitsgebot sollte zu einem Qualitätssiegel werden, das die danach gebrauten Biere auszeichnet. Biere aber, die des Geschmacks halber mit anderen – natürlichen! – Zutaten gebraut werden, mit Früchten, Kräutern, Gewürzen beispielsweise, sollten erlaubt werden. Sie brauchen das Prädikat „Gebraut nach dem Reinheitsgebot“ ja nicht zu tragen, sondern könnten sich auf eine Art Natürlichkeitsgebot berufen.

Und der Analytiker Volker Quante: Quo vadis? Wohin geht die Entwicklung?

Das ist keine Frage an einen Analytiker (der ich ja genau genommen auch nicht bin), sondern an einen Zukunftsforscher. Aber ich wage trotzdem mal eine Prognose:

1. Die Entwicklung hin zu immer experimentelleren Bieren wird auch in Deutschland noch eine Weile weiter gehen. Viele der so entstehenden Biere werden geschmacklich nicht überzeugen (tun das manchmal auch jetzt schon nicht), wir werden viel nur mit Überwindung genießbaren Sudel erleben. Aber daneben auch viele wunderbare Biere, die die Geschmackswelt verändern und vielfältiger machen. Saisonbiere, fassgereifte Biere, Sauerbiere sind die kurzfristigen Trends; langfristig wird sicherlich die Durchtrinkbarkeit wieder eine Rolle spielen, also Biere, die sich auch den ganzen Abend lang trinken lassen, ohne dass man nach einem kleinen Glas genug hat, gesättigt ist, die Geschmacksnerven überfordert und saturiert sind. Beide Richtungen werden parallel beschritten werden.

2. Hand in Hand damit werden neue Brauer und Brauereien am Markt erscheinen, deren Biere nichts taugen. Menschen, die den schnellen Profit suchen oder die sich kein Bild davon gemacht haben, wie schwierig die Beherrschung des Brauvorgangs ist, wenn man ihn wiederholbar gestalten und die Erwartungen der Kunden auf hohem Niveau verbleibend erfüllen möchte. Viele davon werden genauso schnell wieder verschwinden, wie sie gekommen sind. Aber die, die bleiben, werden den Kreativbiermarkt nachhaltig verändern und sich langfristig etablieren.

3. Mehr und mehr Kneipen und Restaurants werden auf eine gute und größere Bierauswahl achten; mehr und mehr Konsumenten werden nicht mehr einfach nur „ein Bier!“ bestellen, sondern erst sorgfältig die Bierliste studieren oder den Kellner um Rat fragen. So, wie beim Essen auch. „Ein Fleisch mit Beilage, bitte!“, bestellt man schließlich auch nicht.

4. Und zu guter Letzt, aber hier ist vielleicht doch eher der Wunsch Vater des Gedankens, wird der Brauerbund nach den erfolgreichen Feiern zum 500. Jahrestag der Verkündung des Lebensmittelrechts, das wir heute als Reinheitsgebot bezeichnen, vielleicht einmal in sich gehen und seine Argumentation bezüglich dieser Vorschrift überarbeiten, innere Widersprüche und inkorrekte Darstellungen korrigieren und mehr Flexibilität bei der Akzeptanz von Bieren mit natürlichen Zutaten jenseits des Reinheitsgebots walten lassen.

Miniatur (2)Das Buch „Bier vor Ort“ kann man hier oder hier bestellen, Volker auf seinen Reisen begleiten: hier

Volker persönlich treffen:
Lesung am 23. April 2016,
19:00 Uhr

iBistro54
Vereinsheim Blau-Weiß Aasee

Bonhoefferstraße 54
48 151 Münster

Esther Isaak stellte die Fragen und reihte sonstige Sätze aneinander. Beide Fotos stellte Volker Quante zur Verfügung.

Autor: Esther Isaak
wiederveröffentlicht von Bierguerilla
mit freundlicher Genehmigung der Autorin

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