Münsteraner Brauschau 2016
Münster
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Viele Haus- und Hobbybrauer gibt es in Münster und im Münsterland, und man wäre Woche um Woche beschäftigt, sie zu besuchen, ihre Biere zu verkosten, mit ihnen zu schnacken. Eine unmögliche Aufgabe. Wer, außer Rentnern, hat so viel Zeit?

Und das wissen die Münsteraner Hausbrauer natürlich auch selber. Sie merken es ja am eigenen Leib, haben ja selbst nicht einmal die Zeit, sich gegenseitig zu besuchen. Und so ist es denn nur konsequent, dass sie einmal im Jahr die Münsteraner Brauschau veranstalten.

Aha. Also just another Craftbeer Festival?

Oh, nein, mein Freund. Das hier ist schon etwas Anderes. Es sind keine kommerziellen Craftbier-Brauer und Kleinbrauereien, die ihre Biere hier zur Verkostung anbieten, sondern es sind samt und sonders Hausbrauer. Biere, die normalerweise nicht in den offiziellen Ausschank geraten dürfen. Biere, die daheim, im Einkochtopf, auf dem Gasbrenner oder in merkwürdigen, selbst konstruierten Bottichen entstehen, im Plastiktopf vergären und dann per Hand in Flaschen oder Corny-KEGs abgefüllt werden. Biere für den Eigenkonsum und für Familie und Freunde.

Fast dreißig Hausbrauer bieten rund sechzig Biere zur Verkostung an. Im eleganten Verkostungsglas bekommt man für gerade einmal 50 ct einen gut eingeschenkten Probierschluck, kann riechen, schmecken, schauen und mit dem Brauer seine Eindrücke diskutieren.

Miniatur (1)Als Sohn eines kleinen preußischen Beamten stellt sich mir, als ich in der Warteschlange am Einlass zum Jovel in Münster stehe, in dessen Halle die Brauschau stattfindet, die typisch deutsche Bedenkenträgerfrage: „Daaf dat dat?“ – „Ist das überhaupt erlaubt, legal, in Ordnung?“

Erste Antwort, selbst geschnitzt: Es findet heuer schon zum vierten Mal statt. Wäre es illegal, hätte man die Veranstalter nach dem ersten Mal hopsgenommen und aus wär’s gewesen.

Zweite Antwort, ebenfalls noch selbst zurechtgelegt: Es ist eine geschlossene Veranstaltung. Es gibt keine Eintrittskarten an der Tageskasse oder im freien Verkauf, sondern man bekommt sie nur von einem der teilnehmenden Hausbrauer. Man muss also schon zur Szene gehören, zum erweiterten Familien- und Freundeskreis, bevor man überhaupt seine fünf Euro berappen darf, um hier Gast sein zu können.

Na, und nachdem ich die Warteschlange endlich überwunden habe, mein Probierglas nebst Bierliste in der Hand habe und das erste Bier verkoste, dann die offizielle Antwort eines der veranstaltenden Hausbrauer: „Natürlich ist das legal. Das Hauptzollamt hier in Münster ist fair und flexibel, und als die gesehen haben, dass wir hier an dem Ausschank gar nichts verdienen wollen, sondern nur unser Hobby promoten wollen – schließlich sind die 50 ct für den Probierschluck wirklich nur symbolisch und weit unter unserem Selbstkostenpreis – haben sie uns sofort grünes Licht gegeben!“ Hartnäckig wie ein deutscher Beamter hake ich trotzdem nach: „Und der Wehrbereichshygieniker? Das Lebensmittelrecht? Das Gesundheitsamt?“

„Ach, Volker, jetzt mach Dir doch nicht so viele Gedanken. Im Grunde genommen ist das genauso, als wenn die Mütter im Reitverein zum Tag der offenen Tür Kirschkuchen backen und für kleines Geld anbieten. Alle essen es, allen schmeckt es, die jungen Reiterdamen bekommen etwas Geld in die Vereinskasse, und die örtlichen Behörden sehen es und freuen sich, dass endlich mal was los ist im Ort! Und genauso ist es hier. Grünes Licht von allen Seiten!“

„Tu felix Monasterium“, denke ich, „Du glückliches Münster! Ich kann Dir locker ein Dutzend Orte aufzählen, vorwiegend im verbohrt-verstockten Altbayern, in denen die Behörden das ganz anders sehen, wo sich die örtlichen Beamten als kleine Könige fühlen und ihre Macht bewusst gegen den Bürger ausspielen wollen. Schließlich gilt dort ja immer noch: ‚Es könnte ja jeder kommen!‘ und ‚Das haben wir noch nie so gemacht!‘ Diese paternalistisch-konservative Freistaats-Amtsatmosphäre, die Duckmäusertum und Xenophobie fördert…“ Ich merke schon, wie mir der Blutdruck steigt und die Adern an der Schläfe schwellen…

Doch halt, genug, dies ist kein Bericht, der jetzt überleiten soll zu einer Suada gegen die unerträglichen braunen Tendenzen, die in unserer Republik wieder beginnen, sich breit zu machen, sondern er soll doch eigentlich nur von der Münsteraner Brauschau erzählen, und hier ist das einzige Braune das Brown Ale, das ich am nächsten Stand in mein Glas bekomme.

Miniatur (2)Zurück zum Bier, also, und zurück in die Halle des Jovel. Rappelvoll ist’s hier. Die knapp vierhundert limitierten Eintrittskarten waren in Nullkommanix ausverkauft und ausgegeben, und die erweiterte Familie der dreißig Hobbybrauer füllt die Halle bis in den letzten Winkel. Langsam schiebe ich mich an den Ständen und Zapfanlagen vorbei, oder besser, werde ich an ihnen vorbeigeschoben. Hier ein Probierschlückchen, dort ein netter Schnack mit dem Brauer, und zwischendurch immer mal wieder ein bekanntes Gesicht, „Ach, Du auch hier?“

Spannende Biere sind dabei, aber auch exzellente Standardsorten. Wer hätte gedacht, dass ein stinknormales Märzen so wunderbar rund und aromatisch schmecken kann, so intensiv und trotzdem Lust auf mehr machend? Oder ein einfaches Helles?

Aber auch die Exoten sind prima. 13 Zitronen Jenny, ein Imperial Lemon Alt mit dreizehn Zitronen und Wacholderspänen eines frisch gefällten Wacholderbuschs gebraut. Geiles Bier. Aber halt, wer schenkt es mir denn gerade ein? Philipp Overberg? „Mensch, sach‘ ma‘, ich denke, das ist hier nur für Hausbrauer? Du bist doch mit Deiner Gruthausbrauerei schon längst unter die kommerziellen Brauer gegangen, Philipp!“

Philipp lacht. „Stimmt. Aber nebenbei bin ich immer noch Hausbrauer. Ich kann einfach nicht genug bekommen, ich stehe trotzdem auch noch zuhause in der Küche und experimentiere mit immer neuen Rezepten. Und so stehe ich hier heute auch als Hausbrauer Philipp, und nicht als Gruthausbrauerei!“

Zehn Meter weiter die gleiche Situation. Markus „Vorty“ Vortkamp vom Läuterwerk. „Läuterwerk-Biere wirst Du hier heute nicht finden, nur meine Hausbräus“, meint er. Und noch extremer: Auch Warsteiner ist vertreten. Natürlich nicht als Großbrauerei, aber Mitarbeiter der Brauerei schenken ihre Eigenkreationen unter dem Label Laumel-Bräu aus. Und, was für ein Zufall, im gleichen Moment fällt mein Blick auf die riesige Warsteiner-Reklame, die hier in der Jovel-Halle hängt. Naja, ob man die nicht mit ein oder zwei Bettlaken hätte abhängen können, denke ich mir…

Gute drei Stunden lang lasse ich mich immer wieder den Rundkurs entlang schieben. So viele leckere Biere, so viele nette Gespräche. Und, sicherlich auch bedingt durch den restriktiven Kartenverkauf, keine brüllsaufenden Krawallis, sondern einfach nur fröhlicher, leckerer Biergenuss. Gerne auch draußen in der Sonne, auf den Bierbänken, die dort im Hof aufgestellt wurden, und gerne auch begleitet von einer leckeren Bratwurst, die der kleine Streetfood-Wagen, der mittlerweile vorgefahren ist, anbietet.

Auf sechs Stunden ist die Brauschau beschränkt – von 14:00 bis 20:00 Uhr. Lang genug, um wirklich genügend Biere verkosten zu können und ausreichend viele Gespräche geführt zu haben, und kurz genug, um die Halle zu räumen, bevor doch die ersten Gäste zu viel erwischt haben und die wunderbar entspannte Stimmung kippen könnte. Eine rundum gelungene Veranstaltung. Trotz fast 400 Gästen schön familiär, und ein toller Querschnitt durch das, was deutsche Hausbrauer in ihren Küchen so alles zusammenkochen…

Bilder

Münsteraner Brauschau 2016
Albersloher Weg 54
48 155 Münster
Nordrhein Westfalen
Deutschland

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