Norfolk Tap Room
Norfolk
USA

„Wenn Du in den Norfolk Tap Room gehst, mein Freund, nimm‘ eine Brille mit“, sagt mein italienischer Kollege, der im Konferenzsaal neben mir sitzt und sich genauso langweilt wie ich. „Die Bierliste ist unendlich lang und winzig klein gedruckt!“

Ich nicke, und er fährt fort: „Du kannst natürlich auch einfach der Reihe nach bestellen, ohne genau zu lesen, aber dann brauchst Du bestimmt sechs Wochen, und so lange dauert dieser langweilige PowerPoint-Reigen heir dann doch nicht…“

Wir beide prusten los vor Lachen und ernten missbilligende Blicke des Chairmans…

Miniatur (2)Ein paar Stunden später sitze ich tatsächlich im Norfolk Tap Room, nur ein paar Schritte von unserem Hotel entfernt, und schiele durch den Lesebereich der Multifokalbrille. Verdammt, das ist ja wirklich winzig klein gedruckt. Aber nicht klein genug, als dass mir nicht sofort das Miller Lite ins Auge fiele.

Hallelujah, 125 Biere gibt es hier, 24 Zapfhähne, zumindest den eigenen Angaben der Bar nach, ich habe es nicht nachgezählt, aber wieso zum Teufel muss sich dieses Allerweltsbier, das ich nun wirklich an jeder Straßenecke bekomme, in die Bierliste einer Bierbar, eines Tap Room mogeln? Verdammte Marketing-Strategen, sind die doch tatsächlich in der Lage, einen Bedarf für dieses Bier herbei zu werben?

Miniatur (3)Ich mache die Probe auf’s Exempel. „I’m from Germany, you have an impressive list of beers. Can I have a Miller Lite?” – „Absolutely”, lautet die völlig emotionslos dahergebrachte, mich zutiefst enttäuschende Antwort.

„Heh, halt, war nur Spaß, ich will ein richtiges Bier, ein Smartmouth Alter Ego“, rufe ich der jungen Dame gerade noch rechtzeitig hinterher und raufe mir die Haare. Das wäre mir im Hopfenreich in Berlin so nicht passiert. Da hätte man mich schon bei dem Versuch, ein Miller Lite zu bestellen, gelyncht oder wenigstens vor die Tür gesetzt.

Das Alter Ego kommt. Der Laden ist zu voll und die junge Dame zu beschäftigt, um sie jetzt noch in ein kurzes Gespräch zu verwickeln und den Scherz aufzuklären. Genauso schnell, wie sie das Glas gebracht hat, ist sie auch wieder verschwunden, ich wende mich also dem Bier zu. Ein schönes Saison-Bier, nicht zu stark, mit kräftigen, kantigen Hopfen- und Hefenoten und einer feinen pfeffrigen Frische. Lecker.

Es passt perfekt zum Mahi-Mahi, lecker gewürzten und gebratenen Fischfilet-Würfeln. Irgendeine Fischsorte aus dem Pazifik, so viel erklärt mir die Bedienung, und ich bekomme später mithilfe meines schlauen Telefons heraus, dass es sich um Goldmakrele handelt. Hm, wirklich fein. Sehr schmackhaft.

Um mich herum sind mittlerweile fast alle Tische besetzt. Vorwiegend Männer der mittleren Altersklasse. Vermutlich direkt nach der Arbeit, so wie ich, noch auf ein Bier und eine Kleinigkeit zum Essen. Angenehme Atmosphäre, aber das bunte, die Generationen und soziale Schichten Übergreifende, fehlt mir hier. Vielleicht die falsche Uhrzeit.

Ich rücke mir die Brille zurecht und studiere noch einmal die Bierliste. Ein Foothills Hoppyum gönne ich mir noch, bevor es mich leider ins Hotelzimmer zurückzieht, zu den beruflichen eMails, die gnadenlos weiter hereinkommen, ob ich nun auf Reisen bin, oder nichts. Ein schön orange leuchtendes India Pale Ale wird mir serviert, frische und fruchtige Aromen der C-Klasse-Hopfen steigen mir in die Nase. Lecker. Vielleicht könnte es einen Hauch ausgewogener sein, ein wenig mehr Malzkörper oder, alternativ, etwas weniger Bittere – dann wäre es noch besser trinkbar. Aber auch so, das Hoppyum ist ein Genuss.

Miniatur (1)Ein wenig mehr Zeit müsste man haben, und noch ein bisschen länger verkosten können. Die vierundzwanzig Zapfhähne hinter der Theke sehen gut aus. Zwar sind sie ein wenig lustlos an der Rückwand montiert, dicht an dicht, so dass die schönen Tap Handles gar nicht so richtig zur Geltung kommen, aber es sind schon noch ein paar spannende Sorten dabei. „Beer is proof that God loves us and wants us to be happy – Benjamin Franklin”, steht über den Tap Handles, und ich nehme das als netten Abschiedsgruß, zahle und gehe hinaus in die schwüle, gewitterschwangere Hitze des Abends, zurück in Richtung Waterside.

Der Norfolk Tap Room ist täglich ab 14:00 Uhr, sonnabends und sonntags bereits ab 12:00 Uhr durchgehend geöffnet; der Restaurantbetrieb dazu stets ab 15:00 Uhr. Durch die Lage im Süden der Granby Street, im Financial District, ist die Bar gut zu erreichen. Die Stadtbahnhaltestelle MacArthur Square ist etwa 100 m entfernt, ebenso die Anlegestelle der Waterside Ferry.

Bilder

Norfolk Tap Room
101 Granby Street
Norfolk
Virginia 23510
USA

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