Stephen Beaumont
Premium Beer Drinker’s Guide

miniatur-1In diesen Tagen soll das neue Buch des kanadischen Bier-Aficionados, Bloggers und Autors Stephen Beaumont in deutscher Übersetzung erscheinen, The Beer and Food Companion. Grund genug für mich, einmal in meiner Bier-Bibliothek zu kramen und ein altes Buch von ihm hervorzuholen.

Premium Beer Drinker’s Guide – der Führer für den Premium-Biertrinker. Und im Untertitel, ein wenig effektheischend, The World’s Strongest, Boldest and Most Unusual Beers, also die stärksten, verwegensten und ungewöhnlichsten Biere der Welt.

Eigentlich ja abschreckend, denn wenn ich etwas hasse, dann ist es diese stete Suche nach Superlativen, die sich bei genauem Hinsehen dann doch nur als aufgeblasene Schein-Sensationen oder als Effekt um des Effekts willen entpuppen. Mit Grausen denke ich an Biere wie Snake Venom, ein Bier aus einer schottischen Brauerei, das für sich reklamiert, das stärkste Bier der Welt zu sein. Knapp 70% Alkohol machen es untrinkbar, und zwar nicht nur als Bier, sondern letztlich auch als harten alkoholischen Drink. Genuss ist anders.

Schlage ich Beaumonts Buch aber erstmal auf, dann findet sich hinter diesem reißerischen Untertitel ein schön gemachter Bildband über wirklich interessante Biere. Allerdings, und das muss ich hinzufügen, mit dem Stand von 2000, vor sechzehn Jahren, also. Von einer weltweiten Craftbier-Revolution war noch keine Rede, aber in den Vereinigten Staaten und einigen anderen (wenigen) Ländern begann Bier, wieder mehr in den Mittelpunkt des Genusses zu rücken und seinen Status als in Mengen zu konsumierendes, unauffälliges Begleitgetränk zu verlieren. Und so definiert Beaumont in seiner Introduction to Premium Beer auch gleich zu Beginn des Buches, was er unter Premium Bier versteht.

Er findet dabei einen guten Weg zwischen dem Alltags-Drink für Jedermann und dem exklusiven Getränk für den Snob und definiert Premium Bier als das gute Bier für besondere Gelegenheiten für Jedermann. Ohne also einem guten Pilsner seine Berechtigung abzusprechen, fokussiert sich Beaumont im Buch auf eindrucksvolle Biere. Eindrucksvoll im Geschmack, eindrucksvoll im Charakter, eindrucksvoll in der Intensität und eben oftmals auch eindrucksvoll im Alkohol. Echte Premium-Biere, also, und nicht das, was uns Fernsehbier-Konzerne als sogenanntes Premium verkaufen wollen.

Ein paar weitere Worte investiert Beaumont in verschiedene Herstellungsverfahren und kann sich auch eine kurze Bewertung des sogenannten Reinheitsgebots von 1516 nicht verkneifen. Sein Fazit: Wenn eine Brauerei sich auf das Reinheitsgebot beruft, dann ist das zwar ein Garant für die verwendeten Rohstoffe, aber es sagt nichts darüber aus, wie gut ein Bier schmeckt.

In zehn Kapiteln nähert sich Beaumont dann seinen Premium-Bieren: Beginnend mit spontan vergorenen Bieren („Where the Wild Yeasts Are“), Weizenbieren („Why Not Wheat?“) und stark gehopften Bieren („Hops Good, More Hops Better“) geht es weiter mit Bockbieren („Bock to the Basics“), holzfassgereiften Bieren („From the Wood“), Dunkelbieren („Don’t Be Afraid of the Dark“) und alkoholstarken, aber trotzdem gut trinkbaren Bieren, gefährlichen Bieren also („Devils in Disguise“), bis hin zu Bieren, die gut gelagert werden können („Beers for the Cellar“), ungewöhnlichen Bieren wie Rauch- und Torfbieren oder Bieren aus ungewöhnlichen Malzsorten („Not Your Average Brew“) und Bieren jenseits der Norm („Beers beyond the Norm“), was auch Glühbier mit einschließt.

miniatur-2Jedes Kapitel beginnt mit einer kurzen Beschreibung, um was es in dem Kapitel geht und warum die Biere so und nicht anders zusammengefasst wurden. Dann folgt die Vorstellung einiger typischer Vertreter auf jeweils einer Seite: Ein gut gemachtes Foto, dann ein paar technische Angaben zweifelhaften Nutzwerts (Price Range von $ bis $$$ [was immer uns das sagt] – Freshness & Durability, von * [sofort frisch trinken] bis **** [kann fünf oder mehr Jahre gelagert werden] – Availability von √ [schwierig zu bekommen] bis √√√√ [quasi überall verfügbar – vermutlich auf Kanada bezogen]) und dann das eigentlich Wertvolle, nämlich eine plastische, durchaus gerne auch persönlich gefärbte Beschreibung des Biers. Macht Lust auf Bier, macht Lust auf den Genuss, macht Lust darauf, sich auf den Weg zu machen und in den nächsten Bierladen zu gehen, zu stöbern, zu verkosten, zu kaufen.

Es schließt sich an ein Quick Guide, in dem jeder Bierstil noch einmal in stenografischer Kürze zusammengefasst wird und International sowie North-American Examples aufgeführt werden, um die Kaufentscheidung zu erleichtern.

Wenig sinnvoll dann ganz am Ende noch einmal vier Übersichtsseiten, bei denen Biere zu verschiedenen Gelegenheiten empfohlen werden. Eine nette Absicht, aber die verwendeten Mini-Bildchen der Biere, sogenannte Thumb-Nails, machen es schon schwer, hier den Überblick zu bewahren.

Trotzdem: Ein sehr schönes Buch. Gute Druckqualität, klare Struktur, schön zu lesende Texte. Natürlich nach sechzehn Jahren nicht mehr auf der Höhe der Zeit und die jüngsten Entwicklungen nicht berücksichtigend, aber es tut gut, zu sehen, wieviele echte Klassiker damals wie heute die Bierwelt prägen – fast alle im Buch vorgestellten Biere sind auch heute noch am Markt und setzen die Messlatte für die jeweilige Kategorie recht hoch.

Und der Begriff Craftbeer taucht im ganzen Buch nicht ein einziges Mal auf. Wer hätte gedacht, dass es auch ohne geht?

Das Buch liegt nach meinem Kenntnisstand nur in englischer Sprache vor. Obwohl „nur“ ein Paperback, ist es sorgfältig verarbeitet. Es ist nur nicht mehr ohne weiteres zu kaufen; für neue, noch eingeschweißte Exemplare muss man deutlich mehr als 40,- EUR bezahlen.

Stephen Beaumont
Premium Beer Drinker’s Guide
Firefly Books Ltd.
Willowdale, 2000
ISBN 1-55209-510-x

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