The Earl of Mercia
Coventry
GBR

Die Briten mögen ja oftmals recht widerspenstige Zeitgenossen sein. Als Handelspartner bestehen sie oft auf merkwürdigen Standards, im Bankensektor widersetzen sie sich längst fälligen Regulierungen, in der NATO verfolgen sie ganz besondere Interessen und aus der Europäischen Union treten sie jetzt gleich ganz aus.

Aber in einer Sache machen sie es dem Besucher immer sehr einfach: In welcher Stadt auch immer man neu ankommt und sein Hotel bezieht, es findet sich stets irgendwo in der Nähe ein gemütliches Pub, das für die Dauer der Reise das eigene Wohnzimmer ersetzt. Hier kann man es sich in angenehmer Atmosphäre gemütlich machen, sein Bier trinken, etwas essen und neue Kontakte knüpfen. Sich zwanglos an die Bar stellen und schwätzen, sich lieber in eine Ecke verkrümeln und die Zeitung lesen oder sich in einen Sessel oder ein Sofa fläzen und sich hängen lassen.

Leider ist es richtig, dass die Anzahl klassischer und gemütlicher Pubs konstant zurückgeht, aber noch ist es so, dass man als Tourist keine Schwierigkeiten hat, ein schönes Pub zu finden. Weit draußen auf dem Land mag das anders sein, wenn in einem entlegenen Weiler das einzige Pub des Örtchens schließt – dann ist das ein schmerzlicher Verlust.

Ich laufe also auf gut Glück los und beginne, die Innenstadt Coventrys zu erkunden. Wirklich hübsch ist die Stadt nicht – nach dem Zweiten Weltkrieg mit den verheerenden Bombenangriffen der deutschen Luftwaffe 1940, die die einst hübsche Stadt dem Erdboden gleich gemacht haben, hatten sich die Stadtväter entschlossen, die Stadt zu modernisieren und nicht im alten Stil wiederaufzubauen, und so stehen zwischen wenigen erhaltenen und hübschen Gebäuden zahlreiche Bausünden der fünfziger und sechziger Jahre in den Straßen und Gassen.

die einladende Fassade des Earl of Mercia

Eines der eher einladenden Gebäude mit seiner jetzt am Abend romantisch illuminierten Sandsteinfassade ist das Pub The Earl of Mercia. Es gehört zur J D Wetherspoon Company, einer Kette, die mittlerweile rund 1000 Pubs in Großbritannien betreibt, zum Glück aber nicht wie die unsäglichen Starbucks und McDonalds Filialen in immer gleicher austauschbarer Langeweile, sondern durchaus individualisiert – auch wenn hinter der Fassade das gemeinsame (und erfolgreiche) Konzept gelegentlich durchschimmert.

Auf zwei Ebenen kann man es sich hier gemütlich machen. Unten im Schankraum, mit Blick auf die Bar, oder lieber im oberen Bereich, an kleinen Tischen hinter der Balustrade. Direkt am Eingang, noch bevor man den Schankraum betritt, befindet sich eine Informationstafel zum Thema Bier, zu seiner Produktion, seinen Stilen, seiner Vielfalt, und daneben steht eine Vitrine mit Flaschen, die deutlich macht, dass es hier nicht nur Real Ale gibt, sondern auch moderne Craftbier-Stile.

Backyard Brewhouse
Love Birds

Ich wandere einmal langsam an der langen Bar entlang, betrachte die Zapfhähne und Bierpumpen und entscheide mich schließlich für ein Pint Love Birds aus dem Backyard Brewhouse, einer Brauerei hier aus der Region. Ein leichtes Bitter mit 4,1% Alkohol. Weich und malzig, mit feinen, eher harzigen Hopfenaromen, die schön zur Geltung kommen, weil das Bier, wie jedes Cask Ale, mit der Hand gepumpt und nicht mit Kohlensäure aus dem Fass gedrückt wird. Die Karbonisierung bleibt niedrig, das Bier wird gefährlich süffig.

The Earl of Mercia ist nach Leofric, dem ersten Earl of Mercia benannt, nach dem, der die erste Kathedrale Coventrys, St. Mary, gegründet hat, und zwar im elften Jahrhundert. Bekannter ist er wohl eher wegen seiner Ehefrau Lady Godiva. Ihr taten die Bewohner der Stadt leid, die unter den hohen, von Leofric gnadenlos eingetriebenen Steuern litten, aber sie konnte ihren Gatten nicht überzeugen, die Steuern zu senken. Einmal schlug er ihr jedoch leichtsinnig vor, die Steuern dann zu senken, wenn sie zuvor einmal nackt auf einem Pferd durch die Stadt ritte. Was er nicht erwartet hatte, war, dass Lady Godiva dies tatsächlich tun würde, nur von ihrem langen Haar bedeckt. Leofric hielt sich an die Abmachung, senkte die Steuern und starb schließlich im Jahr 1057. Seine und Lady Godivas Statuen stehen nun überlebensgroß über dem Tor zum Rathaus, dem Pub direkt gegenüber.

Von dieser fast tausend Jahre zurückliegenden Begebenheit spürt man im Pub heute natürlich nichts mehr, aber von ihr zu wissen, erleichtert die Konversation an der Bar enorm – nichts verblüfft einen der alten Stammgäste, der Regulars, mehr, als wenn man auf die Frage, ob man den wisse, woher das Pub seinen Namen habe, mit der Geschichte von Leofric und Godiva aufwarten kann. Großes Erstaunen, ein Moment der Sprachlosigkeit und dann die Einladung auf das nächste Bitter sind die Folge…

Schankraum und Bar

Das Pub The Earl of Mercia ist täglich ab 08:00 Uhr morgens bis Mitternacht geöffnet; kein Ruhetag. Es befindet sich innerhalb des Stadtrings von Coventry direkt gegenüber vom Rathaus. Mit dem eigenen Auto zu kommen, bringt angesichts des Mangels an Parkplätzen wenig; aber Bahn (der Bahnhof ist etwa sieben Minuten zu Fuß entfernt) oder Bus (die Stadtbusse halten direkt um die Ecke) sind eine komfortable Alternative.

Bilder

The Earl of Mercia
18 High Street
Coventry CV1 5RE
West Midlands
England
Großbritannien

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