Byatt’s Brewery Ltd
Coventry
GBR

Seit geraumer Zeit lehne ich schon an der Bar des kleinen Tap Room in der Byatt’s Brewery, nuckele an meinem leckeren Regal Blond, einem schön ausgewogenen, leicht hopfenbetonten und herrlich süffigen Golden Ale, und diskutiere mit dem Brexiteer, der neben mir steht. Dass er Befürworter des Brexit ist, stört mich nicht: Großbritannien ist ein unabhängiger Staat – wenn sich seine Politiker und Bürger dafür entscheiden, die Europäische Union verlassen zu wollen, dann ist das halt so. Was ich aber nicht akzeptieren kann, ist, dass er behauptet, die Union würde Großbritannien für den geplanten Austritt bestrafen wollen.

die Bar im Tap Room – Schauplatz spannender Diskussionen

Ein letztes Mal versuche ich es: „Du bist als guter Brite bestimmt Mitglied der CAMRA, der Campaign for Real Ale“, frage ich. Er nickt. „Und dann bezahlst Du einmal im Jahr einen ziemlich hohen Mitgliedsbeitrag, der Dich jedes Mal, wenn Du Deine Kontoauszüge siehst, ärgert. Und das stößt Dir das ganze Jahr sauer auf.“ Er beeilt sich, mir beizupflichten. „Und zwölf Mal im Jahr bekommst Du die Mitgliedszeitschrift, vier Mal im Jahr das Magazin. Du bekommst Voucher für die Pub Chain Wetherspoon und mit Deiner Mitgliedskarte Rabatte in vielen Pubs.“ Kein Widerspruch.

„Und jetzt stell Dir vor, Du trittst aus der CAMRA aus, und dann schreiben sie Dir, Du bekämst in Zukunft die Zeitschrift nicht mehr, das Magazin auch nicht, keine Voucher mehr, und Rabatte in Pubs wären auch passé. Dann ist das keine Bestrafung, oder?“ Zögernd stimmt er mir zu, fügt aber hinzu: „Bei der Union ist das anders. Die wollen uns die Option bilateraler Verträge verbauen!“

„Verbauen? Nein. Bleiben wir beim CAMRA-Beispiel. Die CAMRA verbietet Dir nicht, zu versuchen, mit der Pub-Kette Wetherspoons zu verhandeln, um Voucher für Freibier zu bekommen. Das kannst Du gerne versuchen. Was die CAMRA Dir aber sagen wird, ist, dass Du keinen Erfolg haben wirst. Die CAMRA lacht Dich aus. Und Wetherspoon auch, wenn Du dort als Einzelperson auftrittst. Die nehmen Dich dann nicht mehr ernst.“ Er macht große Augen.

„Bestrafung ist das nicht. Es beschreibt nur die geltenden Regeln. Ob sie Dir gefallen oder nicht, ist etwas Anderes. Aber auch für Großbritannien gilt: Gemeinsam ist man stark. Verlässt man eine Gemeinschaft, auch wenn man gute Gründe dafür hat, ist man anschließend auf sich allein gestellt. Das ist meistens schwieriger. Und die dann auftauchenden Probleme sind keine Bestrafung, sondern nur natürliche Konsequenz.“ Ich hebe mein Glas und grinse ihn an: „Auf das Ende Deiner Wetherspoon-Vouchers!“

Er trinkt sein Glas aus, verabschiedet sich höflich und trollt sich des Wegs. Ob ich ihn überzeugt habe? Vermutlich nicht. Aber hoffentlich zum Nachdenken gebracht.

Ich widme mich wieder dem Bier und, vor allem, dem Brauer Lee Byatt, der hinter der Theke steht und zapft. Jeden Sonnabend von 12:00 bis 18:00 Uhr öffnet er den kleinen Ausschank in seiner Brauerei, irgendwo im grauen Nirgendwo eines Industriegebiets im Norden Coventrys. Zwanzig Minuten braucht der Stadtbus bis hier draußen, und dann sind es noch ein paar Minuten zu Fuß zwischen unwirtlichen Hallen hindurch.

Aber dann steht man in der kleinen Bar, genießt die angenehme, freundliche Atmosphäre, kommt rasch ins Gespräch und kann sich an den frischen Cask-Ales der Byatt’s Brewery Ltd erfreuen. Drei verschiedene Biere habe er für heute angestochen, erzählt Lee und zeigt auf die markierten Tap Handles und die schwarze Tafel hinter der Bar. Das Regal Blond trinke ich gerade. Daneben gibt es noch das Big Cat, ebenfalls ein blondes Ale, aber mit 4,0% deutlich schwächer als das 5,2-prozentige Regal, und auch etwas weniger hopfenbetont. Und schließlich das Urban Red, ein rötlich im Glas schimmerndes, malziges und sehr rundes, ausgewogenes Rotbier mit 4,5%. Alle drei Biere ausgezeichnet.

schmucke Tap Handles

In den kurzen Momenten, in denen er nicht zapfen muss, erzählt Lee von seiner Brauerei. 2011 habe er sie gegründet, hätte zunächst ein kleines Sudwerk besessen, aber die Nachfrage nach seinem Bier sei groß, und so habe er 2016 den nächsten Schritt gewagt, und er sei gerade erst damit fertig geworden: Er habe eine zweite Unit hier im Industriegebiet angemietet, ein größeres Sudwerk angeschafft, und dadurch, dass er jetzt viel mehr Platz habe, gebe es auch den kleinen Tap Room. Erst wenige Wochen sei dieser in Betrieb, und es müsse sich alles noch einspielen, aber es sei soweit schon okay. Sonnabends kämen nun regelmäßig die ersten Stammgäste, und wenn die Coventry Wasps ein Heimspiel hätten, das Stadion sei ja gerade um die Ecke, dann würde er über Mittag auch öffnen, dann könnten sich die Fans schon mal bei ihm warmtrinken. Und das würde auch gut angenommen. Daneben gebe es auch noch die Möglichkeit, Brauereitouren zu organisieren, und in solchen Fällen würde er auch zu anderen Zeiten öffnen. Er sei flexibel, es ist schließlich alles ein Ein-Mann-Betrieb. „Plus Unterstützung von Frau und Familie, natürlich“, grinst Lee.

„Apropos Brauereitouren“, sage ich. „Darf ich mal einen Blick ins Brewhouse werfen?“ Lee schüttelt den Kopf. „Ich muss hierbleiben, wegen der Gäste, da kann ich nicht mit Dir nach hinten ins Brauhaus!“ Okay, akzeptiert, aber als hätte das Schicksal meine heimlichen Wünsche erhört, steht genau in diesem Moment die Gruppe Stammgäste auf, verabschiedet sich und verlässt den Tap Room. Für einen Moment sind Lee und ich alleine, und ich frage noch mal.

schmucklos, aber effizient:
das neue Sudwerk

„Na gut, komm!“

Wir lassen dir Tür zwischen Tap Room und Brew House offen, um zu hören, falls wieder Gäste kommen, und flitzen nach hinten. Das neue Sudwerk ist schmucklos, aber effizient. Maische- und Läuterbottich in einem, Sudpfanne, Heiß- und Kaltwassertanks und ein paar Gär- und Lagertanks. Wenig für’s Auge, aber wichtig ist, dass das Bier schmeckt.

In der anderen Hälfte der Halle noch viel Durcheinander. „Wir sind doch gerade erst umgezogen, da war noch keine Zeit für das Aufräumen“, entschuldigt sich Lee. Ich sehe zahlreiche Casks, viele Kartons mit Flaschen und dahinter … das hübsche alte Sudwerk. Schön mit Holz verkleidete Bottiche. So, wie man sich eine klassische englische Brauerei vorstellt. Einfaches Infusionsverfahren, und dafür gibt es einfache, runde Bottiche. Mit Holz isoliert, das ist zwar nicht so effizient wie ein moderner Doppel-Isolier-Mantel, aber gleich viel hübscher. „Ja, schöner war die alte Anlage schon“, gibt Lee zu. „Aber die neue ist effizienter und größer. Mit der alten war ich an meine Grenzen gestoßen.“

das hübsche, aber ausrangierte alte Sudwerk

Die Tür zum Tap Room klappert, und wir gehen wieder zurück und schauen, ob jemand gekommen ist.

Nein, es war nur der Wind.

Wir stehen noch eine Weile an der Bar, Lee dahinter, ich davor, und unterhalten uns. Über die Bierszene in England, die unglaubliche Anzahl an Brauerei-Neugründungen in den letzten fünf Jahren, und darüber, wie erstaunlich es doch ist, dass ein Tap Room selbst hier im entlegenen und hässlichen Industriegebiet die Gäste anzieht. „Bei Deiner Bierqualität ist das doch klar“, lobe ich Lee. „Wenn sich das weiter rumspricht, wie gemütlich es hier ist und wie gut Deine Biere schmecken, kannst Du bald erneut erweitern“, flachse ich.

„Na, wir machen mal einen Schritt nach dem anderen“, erwidert Lee, „aber es ist schön, dass es Dir hier gefällt!“

Warum sollte es auch nicht, denke ich bei mir, als ich mich wieder auf den Weg mache. Wenn man erstmal hierher gefunden hat, ist es prima. Das Bier ist lecker, es gibt sogar ein paar echte Bierspezialitäten aus ganz Europa in der Flasche, wenn man möchte, und wenn man Hunger hat, dann hilft ein Tütchen Pork Scratchings, geröstete Schweineschwarte. Die perfekte Grundlage auch für größere Mengen Bier – 100 g haben über 600 Kalorien. So ein Tütchen ersetzt ein komplettes Drei-Gänge-Menü. Jedenfalls ab und zu mal…

Der Tap Room der Byatt’s Brewery Ltd ist sonnabends von 12:00 bis 18:00 Uhr geöffnet, an Heimspieltagen der Coventry Wasps auch sonntags von 11:30 bis 14:30 Uhr. Daneben kann man Brauereitouren für Gruppen buchen und mit Verkostungen kombinieren. Zu erreichen ist die Brauerei mit dem Stadtbus, Linie 20, 20A oder 20E in rund 20 Minuten von der Innenstadt. Dann sind es nur noch fünf Minuten zu Fuß. Kommt man mit dem Auto, kann man direkt vor der Brauerei parken, darf dann aber nichts trinken…

Bilder

Byatt’s Brewery Ltd
Unit 7 & 8
Lythalls Lane Industrial Estate
Coventry
West Midlands CV6 6FL
England
Großbritannien

Merken

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*