Jo von Bahls
Der norddeutsche Bierreiseführer

Jo von Bahls, Der norddeutsche Bierreiseführer, Hinstorff Verlag GmbH
Jo von Bahls
Der norddeutsche Bierreiseführer

Freude! Ein Reiseführer, der alle norddeutschen Brauereien erfasst! Das gab es bisher noch nicht. – Enttäuschung! Es sind meines Wissens nach zwar alle Brauereien erfasst, aber inhaltlich kann das Buch nicht überzeugen.

Freudestrahlend stehe ich im Museum für Hamburgische Geschichte, habe mir gerade die Ausstellung Kein Bier ohne Alster. Hamburg – Brauhaus der Hanse angesehen und bin durchaus zufrieden. Jetzt noch einmal durch den Museumsshop bummeln, und dann geht es zurück ins Hotel. Und was liegt da vor mir? Neben dem kiloschweren Ausstellungskatalog auch ein kleineres, handlicheres Buch, Der norddeutsche Bierreiseführer von Jo von Bahls. „Erstmalig sind alle Brauereien von Altona bis Witzleben in einem Bierreiseführer vertreten“, verspricht der Innenklappentext, und so überlege ich nicht lang, blättere einmal geschwind durch das Ansichtsexemplar, gehe zur Kasse, bezahle 19,99 EUR und freue mich auf die Lektüre.

Im Hotel dann ein erster genauerer Blick. Weicher Einband aus laminiertem Papier. Fast 200 Seiten, durchgängig farbig, weißes, mattglänzendes Papier. Angenehme Anmutung, offensichtlich gut verarbeitet. So weit, so gut.

Das Buch beginnt mit einer Geschichte des Biers. Die alten Sumerer und Babylonier … Hammurabi und sein Qualitätskodex … Pharaonen, Datteln, Bier … Tacitus und die Germanen … bla, bla, bla … alles schon hundert Mal gelesen. Kein Bierautor glaubt, auf die Wiederholung dieser Geschichten verzichten zu können. Rasch überblättern …

Ein kurzer Überblick über das Brauwesen in Norddeutschland. Ein bisschen interessanter. Noch nicht ganz so oft wiedergekäut. Aber dafür habe ich ja den Ausstellungskatalog. Also weiterblättern …

Das Reinheitsgebot. Ich hab’s geahnt. Auch das muss offensichtlich sein … Infiltration und Gehirnwäsche des Deutschen Brauerbundes sind erkennbar, das Kapitel endet mit der Feststellung „Hopfen, Malz, Hefe und Wasser – mehr braucht ein gutes Bier eben nicht. Und mehr soll auch nicht drin sein.“ Unreflektiert und paternalistisch. Und vor allem: Im weiteren Verlauf des Buches stellt Jo von Bahls so viele Brauereien vor, die eben nicht nach dem Reinheitsgebot brauen – merkt er gar nicht, wie er sich gewissermaßen selbst widerspricht?

Es folgt die Legende vom Bier-König Gambrinus. Hat nichts mit norddeutschen Brauereien zu tun, füllt aber eine weitere Seite des Buchs. Ebenso wie die folgenden 23 Gründe, warum man öfter mal ein Glas Bier trinken sollte, und die Antwort auf die Frage, ob Bier dick macht.

Kommt jetzt endlich etwas über die norddeutschen Brauereien?

Ah, endlich. Vierzehn Seiten über einen Brauereirundgang bei der Störtebeker Braumanufaktur in Stralsund. Schöne Beschreibung, insbesondere ist in diesen Text auch alles Wissenswerte über die Herstellung von Bier integriert. Was fehlt, ist eine Kennzeichnung als Reklame. So schön die Störtebeker Braumanufaktur ist – ich war selbst dort und habe die Führung genossen – so merkwürdig ist es, dass dieser Brauerei vierzehn Seiten gegönnt werden und alle anderen auf maximal einer Doppelseite abgehandelt werden.

Jetzt geht es aber wirklich los. Jetzt kommt der Bierreiseführer. Zunächst mit Berichten über die beiden Brauereimuseen in Lüneburg und Jever. Na also. Kurzbericht, ein paar Bilder, ein Infokasten mit Adresse, Öffnungszeiten, Eintrittspreisen. So soll es in einem Reiseführer aussehen.

Und bestimmt kommen jetzt auch endlich die Brauereien?

Nein, es folgt zunächst noch eine Sammlung von Irrtümern und Anekdoten. Zahlreiche, immer wieder im Internet neu aufgewärmte, davon aber nicht besser belegte, Behauptungen ohne Quellenangabe, die sich vielleicht dafür eignen, am Stammtisch zu später Stunde Gelächter hervorzurufen, oder wenigstens ein wenig Schmunzeln, die aber mit norddeutscher Bierkultur nichts zu tun haben. Ebenso wenig, wie die nun noch folgende, etwas unstrukturiert zusammengestoppelte Sammlung von den „wichtigsten Begriffen“. Sie enthält Biersorten (zumindest ein paar der wichtigsten), ein paar Fachbegriffe, ein paar Definitionen und Erläuterungen. Ebenfalls auf Stammtischniveau, denn ob Fassbier als Fachbegriff hierhergehört?

Jetzt endlich, auf Seite 42, ein Viertel des Buches ist bereits um, beginnt der Inhalt, wessentwegen ich das Buch doch eigentlich gekauft habe: Die Beschreibung der Brauereien. Nach Bundesländern sortiert. Zu Beginn jedes Abschnitts eine Übersichtskarte, in der die Brauereien eingetragen sind, anschließend auf einer oder zwei Seiten ein Kurzbericht. Dazu immer ein Info-Kasten mit Adresse und Telefonnummer sowie, falls angebracht, weiteren Informationen wie Öffnungszeiten, Aktionen, Besichtigungen, Seminare, Führungen. Die Kurzberichte enden im Allgemeinen mit einer Liste der wichtigsten der in der jeweiligen Brauerei hergestellten Biere. Na bitte, es geht doch. – Die schwimmende Brauerei der AIDAblu und ihrer Schwesterschiffe wird natürlich separat dargestellt – sie ist ja keiner Landkarte fest zuzuordnen.

Schön!

Oder?

Ja, im Grundsatz schon. Endlich mal ein umfassender Überblick über alle Brauereien in Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein.

Jo von Bahls, Der norddeutsche Bierreiseführer, Hinstorff Verlag GmbH
Seite 53: Von Freude

Der Teufel liegt dann im Detail. Zum Beispiel auf Seite 53. Es geht um die Brauerei Von Freude. Die aber eigentlich gar keine Brauerei ist. So nett, wie Natalie Warneke und Martin Schupeta auch sind, aber sie besitzen keine eigene Brauerei, sondern produzieren ihre Biere anderswo, vermarkten sie aber unter eigenem Label. Das ist völlig in Ordnung so, so machen es viele andere auch, aber man sollte eben sorgfältig unterscheiden zwischen einer richtigen Brauerei und einer Wanderbrauerei, Kuckucksbrauerei, Kontrakt-Brauerei oder Gipsy-Brewery – wie immer man diejenigen auch nennen möchte, die ihr eigenes Bier auf fremder Hardware produzieren. Und wenn man Natalie und Martin schon erwähnt, warum dann nicht auch die anderen Wanderbrauer, wie Jochen Mader von Brewcifer, oder das Team von Hopper Bräu (das mittlerweile sogar eine eigene Brauerei hat, die aber erst nach Redaktionsschluss eröffnet hat)? Oder Friedrich Matthies vom Wildwuchs Brauwerk? Dirk Paul von elbPaul? – Zu allem Überfluss ist dann bei Von Freude auch noch der Info-Kasten falsch – durch fehlerhaftes Kopieren stehen hier die Angaben der Holsten-Brauerei beziehungsweise des Mutterkonzerns Carlsberg.

Auf Seite 85 vergaloppiert der Autor sich dann sprachlich ein wenig und lässt mich mit folgender Formulierung etwas ratlos zurück: „Es gibt die kleinste Brauerei des Nordens. Nicht. Aber es darf als gesichert angesehen werden – je konzentrierter die Herstellung gestaltet wird, desto exorbitanter das Ergebnis. Und damit ist das Team von Hoppen un Malt gaaaanz weit vorne!“ Was nur möchte mir der Autor damit sagen? Auch an vielen anderen Stellen muss ich ein oder zwei Mal nachdenken, wenn Sätze und Andeutungen aus des Autors Notizen ohne Kontext in den Text eingeflossen sind, aber hier nützt alles Nachdenken nichts. Ich versteh’s nicht.

Der Gipfel ist für mich persönlich die Seite 90, der Bericht über das Brauhaus im Stadtkrug in Ueckermünde. Irgendwie kamen mir einige Sätze des Berichts doch sehr bekannt vor, und als ich dann meinen eigenen Bericht vom 13. August 2010 auf meiner eigenen Website öffnete und noch einmal nachlas … Aber bitte, wer möchte, vergleiche doch einmal selbst. Hier sind die mir doch sehr bekannt vorkommenden Formulierungen einmal mit dem Textmarker hervorgehoben:

Jo von Bahls, Der norddeutsche Bierreiseführer, Hinstorff Verlag GmbH
Kommen nur mir die markierten Textteile so bekannt vor?

Und hier ist der Link zu meinem Bericht von damals. Doktor Plagiarius lässt grüßen – wie gut, dass der Reiseführer keine Doktorarbeit ist. Aber trotzdem, ein wenig unverfroren ist es schon, oder? Wäre es nicht schöner gewesen, Jo von Bahls hätte die Brauerei einmal selbst besucht und sich einen eigenen Eindruck verschafft?

Auf Seite 114 folgt eine sinnentstellende Verkürzung der Geschichte des Bockbiers, das – jetzt von mir ebenfalls verkürzt, aber hoffentlich nicht sinnentstellend dargestellt – in Einbeck erfunden worden ist und nach Abwerbung (Entführung?) des Einbecker Braumeisters nach München dort erfolgreich nachgebraut wurde. Der Name Bockbier entstand anschließend durch bayerische Aussprache und weitere lautliche Anpassung des Ainpöckischen Biers, indem aus der Silbe Pöck der Bock wurde. Wie anders liest es sich doch im vorliegenden Buch: „… die Historie räumt mit allerdings auch mit dem Märchen auf, Bier wäre in Bayern ‚erfunden‘ worden. Richtig ist vielmehr, dass sich die Wittelsbacher Herzöge ihr Hofbier aus Einbeck liefern ließen. Ab 1573 versuchten die Bayern dann, das Einbecker nachzumachen, was aber nicht gelang.“

Vielen anderen Berichten merkt man an, dass dem Autor nur unzureichende Quellen zur Verfügung standen, dass er die Brauereien oft nicht selbst besucht zu haben scheint, und dass er wohl manchmal einfach nur auf kurze Internet-Angaben zurückgreifen konnte, die wenig Inhalt bieten. Eklatantes Beispiels ist die Schaumburger Brauerei auf Seite 155, bei der sich der eigentliche Text auf neun Zeilen beschränkt, von denen drei über die Stadt, nicht über die Brauerei, informieren. Und zu allem Überfluss hatte die Brauerei auch schon vor Erscheinen des Buchs endgültig Insolvenz angemeldet.

Tja, so schön die Absicht auch ist, einen umfassenden norddeutschen Bierreiseführer zu schreiben, so schade ist es dann, wenn der Inhalt nicht wirklich zu überzeugen weiß. Ich könnte leider noch zahlreiche Kleinigkeiten aufführen …

Fazit: Um ein paar Bierreisen zu planen, als Adressensammlung und als allererste Anregung also, ist das Buch soweit in Ordnung. Für eine uneingeschränkte Kaufempfehlung jedoch ärgern mich zu viele Kleinigkeiten.

Jo von Bahls
Der norddeutsche Bierreiseführer
Hinstorff Verlag GmbH
Rostock, 2016
ISBN 978-3-356-02015-1

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