1. Líšeňský Pivní Festival
Brno – Líšeň
CZE

Kann ein Gewitterregen ein zünftiges tschechisches Bierfestival beeinträchtigen? Im Sommer definitiv nicht, und wenn es dafür eines Beweises bedurft hätte, so erbringt ihn der 13. Mai 2017 in Líšeň, einem der eher gesichtslosen Stadtteile der mährischen Hauptstadt Brno / Brünn.

Die kleine Gasthausbrauerei Líšeňský Pivovar spol. s r. o. hat sich mit der Stadtteilverwaltung Líšeň und dem Kulturzentrum Kotlanka die Mühe gemacht, zwölf kleine Brauereien zusammenzubringen, die ihre Zelte in dem schmalen Streifen der Passage des Líšeňer Einkaufszentrums aufgebaut haben. Kleine und kleinste Brauereien sind es, zumeist, aber nicht nur, aus der Region, und vier von ihnen sind strenggenommen gar keine echten Brauereien, sondern Wanderbrauer ohne eigene Brauerei, die ihre Biere auf den Anlagen anderer brauen – hier in Tschechien nennt man sie Pivovary Létající, die fliegenden Brauereien.

Zwölf kleine Zelte also stehen links und rechts vom Biergarten der Líšeňský Pivovar spol. s r. o., und jede von ihnen ist mit mindestens drei, vier Bieren vertreten. Zusammen mit dem Platzhirsch kommt man so auf weit über 50 Biere, die es zu verkosten gilt, und im Geiste krempele ich jetzt schon einmal die Ärmel hoch und mache mich ans Werk.

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1. Líšeňský Pivní Festival

Aber nur im Geiste, denn in der wirklichen Welt ist es erst mittags um zwei, zu früh, um mit einer reichlichen Bierprobe zügig zu beginnen, und erschwerend kommt hinzu, dass morgen früh der Wecker um vier Uhr morgens klingeln und eine längere, berufliche Reise auf mich warten wird. Zurückhaltung ist also angesagt.

Vom offenen Grill, den die Líšeňský Pivovar spol. s r. o. im Biergärtchen aufgebaut hat, verschaffen wir uns zunächst einmal eine solide Grundlage. Ein knusprig gebratenes Nackensteak, Krkovice, ist in Tschechien immer eine gute Wahl. Reichlich Mayonnaise und Brot dazu, und dann kann das erste Bier kommen.

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Duck & Dog

Ich entscheide mich für ein India Pale Ale von Duck & Dog aus Rajhrad, ein paar Kilometer südlich von Brno. Kernig hopfig, mit schön herausgearbeiteten Fruchtnoten und ein kräftiger, nicht zu dominierender Malzkörper. Schön! Wenn auch nur im Plastikbecher serviert, aber für ein Glas mit eigenem Logo ist die Brauerei zu klein, und auch für ein Festivalglas hat es nicht gereicht.

Statt eines Desserts probiere ich ein India Pale Lager, und zwar das Tear Down der Létající Pivovar Dragonfly aus Brno. Etwas weniger fruchtig-estrig, etwas schlanker, aber ebenfalls ein sehr schön gehopftes, kerniges Bier.

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Létající Pivovar Dragonfly

Mein Tischnachbar schaut auf meinen Plastikbecher und hebt triumphierend einen kleinen Glaskrug mit Logo der Krombacher Brauerei in die Höhe. „Hier, ich habe mir mein eigenes Glas mitgebracht, ich habe so etwas schon geahnt“, erzählt er. „Aber es ist nicht einfach. Hier werden 300 ml ausgeschenkt, und mein Glas fasst nur 250 ml. Da muss ich immer erst diskutieren, und die Jungs und Mädels an den Zapfhähnen müssen umrechnen. Aber bisher hat es immer geklappt!“ Spricht’s und marschiert los, das nächste Bier holen. Lachend kommt er zurück: „Dreisatz ist schwierig. Die haben es lieber auf 200 ml umgerechnet, weil es einfacher ging, mir das Glas aber trotzdem ganz gefüllt“, grinst er.

Für uns bleibt es heute beim Plastikbecher. Natürlich könnten wir zunächst ein Glas Bier bei der gastgebenden Brauerei trinken und das leere Glas dann für den Rest des Festivals behalten, aber heute sind wir doch lieber wegen der ganzen neuen Biere hier, und nicht wegen derer des Hausherrn.

Mittlerweile ist ein Bus voller schlesischer Bierliebhaber eingetroffen, viele gute Freunde aus vergangenen Jahren sind dabei. Ein großes Hallo, und dann wird erst einmal ein gemeinsamer Rundgang über das Festival gemacht. Lange dauert er nicht, es steht ja alles dicht beieinander, aber die Entscheidung anschließend, welches Bier es denn jetzt als erstes sein darf, braucht seine Zeit.

Der Doppelbock von Lucky Bastard aus Brno macht das Rennen, und die junge Dame am Zapfhahn freut sich – die ganze Gruppe trinkt das gleiche Bier, das ergibt in wenigen Minuten einen gewaltigen Umsatz. Aber zu recht, denn der Doppelbock erweist sich als würdiger Vertreter seines Stils. Schön rund und voll, kräftig malzig, sehr weich und gefährlich süffig.

Aber auch sehr sättigend, und so wechsle ich nach einem kleinen Schluck lieber wieder zurück in die Liga der stark gehopften Biere. Das Cascade India Pale Ale der Létající Pivovar Pivečka weiß zu überzeugen. Zwar bleiben die typischen Grapefruit-Aromen des Cascades nur dezent im Hintergrund, dennoch erweist sich das Bier aber als sehr angenehmes, fruchtig-bitteres Bier für den fröhlichen Genuss.

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Létající Pivovar Pivečka

Und fröhlich bleibt die Stimmung auch, als jetzt ein kräftiger Gewitterschauer niederprasselt. Es ist ja nicht kalt dabei, trotz des Regens bleibt die Temperatur knapp unter 20°. Viele Festivalbesucher ignorieren den Regen völlig, sind nach wenigen Minuten bis auf die Haut nass, aber ihre einzige Sorge ist, dass das Bier zu stark verdünnt werden könnte. Mit einer Hand auf dem Becher trotzen sie dem Unwetter und harren geduldig aus.

Die anderen schieben sich ein wenig enger unter die Vordächer der Zelte oder stellen sich gleich ganz zum Zapfpersonal hinter die Theke. Völlig unkompliziert rückt man zusammen, verlegt den Genuss in den Raum, der eigentlich tabu ist. Vorsichtig wird über die Schläuche und Fässer gestiegen, und schon steht man im Trockenen, macht sich vielleicht sogar nützlich. Reicht frische Becher nach vorne, entsorgt Müll oder kramt sogar Wechselgeld aus der Kasse. Tiefes Vertrauen allerorten.

Und kaum ist der Gewitterguss vorbei, stehen schon alle wieder draußen. Die Kleidung und das Straßenpflaster trocknen ab, alles wird vorübergehend in dichte Dampfwolken gehüllt, als die Maisonne wieder hinter den Wolken hervorkommt.

Zeit für ein letztes Bier, morgen geht es früh raus. Ein einfaches Helles, ein schönes Trinkbier zum Abschluss: Das Hells Bells der Kočovný Pivovar Albert aus Brno, von dem Albert, der mal hier, mal da eine Biere braut und dann in seiner kleinen Kneipe U Alberta am Fuße der Burg Špilberk ausschenkt. Ein leckeres, süffiges Bier. Dezent, aber aromatisch gehopft, recht gering gespundet, nicht zu malzig, sondern eher schlank. Ein Zischbier für den Durst, aber ein sehr feines! Ein schöner Abschluss für einen schönen Festivalbesuch.

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ein wenig Live-Musik

Es ist früher Abend, viele Besucher kommen uns entgegen, das kleine Festivalgelände wird bald rappelvoll sein. Eine schöne Idee: Ein Dutzend Kleinstbrauereien, eine Gasthausbrauerei als Ausrichter, eine Einkaufspassage als Location. Ein paar Grills, ein paar Jungs mit Gitarren zur musikalischen Untermalung, und fertig ist ein schönes Bierfestival. Gelungen!

Bilder

1. Líšeňský Pivní Festival
Kotlanova 2162/5
Líšeň
628 00 Brno
Tschechien

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