Nachtrag 22. September 2025: Erneut begebe ich mich auf eine Zeitreise, in meine Jugend, als es zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehörte, in Schallplattenläden durch die endlosen Stapel von Vinylplatten zu blättern. Sechs Jahre sind seit meinem letzten Besuch in der Apollon Platebar vergangen, und nichts hat sich verändert.
Na gut, vielleicht liegen im Karton mit den Neuheiten heute ein paar andere Platten als 2019. Vielleicht sind auch andere Biere am Hahn. Aber die zeitlose Atmosphäre, der Geruch, die Menschen, die hier stehen oder sitzen, durch die Platten blättern und ihr Bier trinken – all das ist noch genau so wie bei meinem letzten Besuch.
Ein bisschen sentimental an meine Jugend zurückdenkend setze ich mich an einen der kleinen Tische oberhalb der Theke und blicke an der langen Reihe der Zapfhähne entlang. Vor mir ein Glas mit dem Humlesus American Pale Ale der Haandbryggeriet. Humlesus – Hopfensaft. Der Name ist Programm. Intensive Hopfennoten, viel Bittere. Und nur 4,5% Alkohol. Sehr schön!

Humlesus – Hopfensaft
Die Gedanken gehen auf Reisen, ich fühle mich wieder jung, in den frühen Zwanzigern. Als die Tür aufgeht und ein junger Mann in Begleitung seiner etwas älteren Freunde reinkommt, denke ich: Der muss auch gerade erst zwanzig sein. Mit großen Augen, leicht nervös und aufgeregt, aber mit breitem Grinsen kommt er rein, schaut auf die Theke und staunt. Unsicher schaut er zu seinen Freunden, dann wieder auf die ewig lange Bierliste.
Ich werde den Eindruck nicht los, als sei er gerade erst ins legale Biertrinkalter gekommen und seine Kumpels hätten in zur Feier das Tages das erste Mal in eine Craftbierbar mitgenommen. Gar zu nett ist es, seine Begeisterung zu spüren, seine leichte Orientierungslosigkeit und vor allem … seine Aufregung.
Ach, man müsste noch mal zwanzig sein und das ganze Bierleben noch einmal durchleben dürfen – diesmal aber von Beginn an mit dem unendlichen Angebot an Biermarken und Bierstilen, das erst in den letzten fünfzehn, zwanzig Jahren entstanden ist. Das wär was!
Apollon Platebar
Ich schreibe heute einfach mal über einen Schallplattenladen. Einen Laden, wie ich ihn noch aus meiner Jugend kenne, damals, Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger. Regale und Schubladen voller Vinyl-LPs. Jede Menge skurrile Typen, die in den nach Themen sortierten Fächern blättern und auf der Suche nach Raritäten sind. Am besten nach DER einen Rarität überhaupt. Eine Bootleg-Pressung eines illegalen Mitschnitts eines Livekonzerts der Lieblingsband auf dem Dorffestival in Niederhinterkatenheide, auf dem Feld gleich hinter dem Bundeswehrgelände, zum Beispiel.
Solche Raritäten fand ich natürlich nie; ich war dann schon froh, die erste Platte von Motörhead noch vor meinem Klassenkameraden entdeckt zu haben, der sonst immer der erste war, alles, aber auch wirklich alles von Hawkwind und deren ehemaligen und temporären Bandmitgliedern aufzutreiben.
Stolz trug ich die Platte mit dem schwarzen Cover, auf dem Snaggletooth, der Totenschädel mit Stahlhelm, Hauern und Ketten, abgebildet war, nachhause, verzog mich in mein Zimmer und dröhnte mir (und den Nachbarn) die Ohren zu, bis irgendwann meine Eltern die Sicherung für mein Zimmer rausdrehten …

stöbern in alten und neuen Schätzen
Vierzig Jahre ist das her, und ich fühle mich heute, am 3. Juni 2019, in diese Zeit versetzt, als ich die Apollon Platebar in Bergen betrete. Kisten, Kartons, Schubladen und Regale voller Vinyl. Merkwürdig gekleidete Typen, exzentrische Einzelgänger genauso wie partygeile Herdentiere, stehen herum und blättern auf der Suche nach Raritäten durch die Alben. Ich setze mich mitten hinein an die Theke und studiere die ellenlange Bierliste, die, guter Tradition folgend, mit Kreide auf einer großen schwarzen Tafel verzeichnet ist.
Bierliste?
Nun ja, das gab es vor vierzig Jahren eben noch nicht. Zwar konnte man in manchen Plattenläden schon mal einen TGFOP Darjeeling bekommen oder einen unfermentierten japanischen Tee, aber dass es mitten zwischen den Vinyl-Alben eine Biertheke mit über 30 Biersorten gegeben hätte – nein, daran kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern.
Und so ist die Apollon Platebar Ziel einer Zeit- und einer Bierreise zugleich.

die ellenlange Bierliste inmitten der Vinyl-Schätze
Ich bestelle mir ein Belgian IPA von Partizan Brewing, sehe dem Barmann zu, wie er es zapft, und sinniere den Jahrzehnten hinterher. Belgian IPA? Den Bierstil gab es damals gar nicht. Belgiens Bierszene, die wir heute so bewundern, war seinerzeit kurz vor dem Aussterben – auch dort hatten mit Stella Artois und Jupiler die großen Konzerne Fuß gefasst, und es sollte noch ein paar Jahre dauern, bis Michael Jackson (der richtige Michael Jackson, also der Bier-Autor, The Beer Hunter, nicht die singende Hupfdohle) mit seinen Büchern und Filmen die Aufmerksamkeit der biertrinkenden Welt auf diese bedrohte Braukultur lenkte. Auch IPAs, India Pale Ales, die wir heute als ubiquitär und selbstverständlich ansehen, gab es fast nirgends. Nur in Großbritannien, England zumal, hatten ein paar Brauereien noch an diesem Bierstil festgehalten, um neben Mild und Bitter, Porter und Stout, auch etwas anderes anbieten zu können.
Aber die Kombination aus beiden Bierkulturen, also ein IPA, das mit belgischer Hefe so gebraut wird, dass sich Malzkörper und Hopfenherbe mit phenolischer Hefecharakteristik paaren? Nein, das gab es seinerzeit ganz gewiss nicht – das ist eine Neuschöpfung unserer Zeit.
Ich betrachte das Glas vor mir. 5,2% hat das Bier und einen schönen, komplexen Geschmack, bei dem alle drei Hauptzutaten des Biers miteinander um Dominanz ringen.

Belgian IPA
Ringen tut auch der eine oder andere Gast. Und zwar darum, ob er sein Geld nun noch in ein weiteres Bier oder doch lieber in ein schönes altes Vinyl-Album investieren soll.
Überall im Raum stehen Tische, Stühle und Bänke, und wer zur Theke oder an die Kasse kommt, blättert auf dem Wege einmal schnell durch die Kiste mit den noch unsortierten Neuzugängen, hält kurz inne, träumt von fast vergessenen Gitarrenriffs und endlosen Schlagzeugsoli und wendet sich dann der Bierliste zu, um ein zu den Akkorden von damals passendes Bier zu finden.

finde das passende Bier zum Gitarrenriff
Tja, denke ich mir, da habe ich eben wohl versagt. Beer-and-Music-Pairing scheint meine Sache nicht zu sein. Zu Lost Johnny, Vibrator oder Motörhead hätte wohl eher ein knallbitteres, neuzeitliches Imperial IPA gepasst als das Belgian IPA. So etwas wie der Arrogant Bastard von Stone Brewing, und der merkwürdige Wasserspeier Gargoyle, den Stone als Brauereiwappen führt, hätte auch optisch ganz gut zum Snaggletooth Motörheads gepasst …
„Sag mal, Du trinkst ja gar nicht“, höre ich die Stimme meiner holden Ehefrau, die neben mir sitzt. „Ist was mit Dir?“
„Ach, nein“, erwidere ich, mit den Gedanken noch ganz woanders. „Ich war nur gerade auf einer Zeitreise durch die Jahrzehnte. Mit den ‚Masters of the Universe‘ in der ‚Hall of the Mountain Grill‘, und ich bin auf meinem ‚Iron Horse‘ zurückgeritten in die ‚Time We Left This World Today‘. Weißt Du, ‚Space is Deep, it is so Endless‘, da braucht man einfach einen ‚Orgone Accumulator‘.”
Kopfschüttelnd schaut sie mich an: „Ich glaube, es ist besser, wenn wir jetzt ein bisschen an die frische Luft gehen“, sagt sie und nimmt mich bei der Hand.

an der frischen Luft …
Die Apollon Platebar in Bergen kombiniert Vinyl-Nostalgie und Kreativbiere in perfekter Weise. Sie ist täglich ab 10:00 Uhr bis nach Mitternacht geöffnet; sonntags erst ab 12:00 Uhr. Kein Ruhetag. Sie liegt nur ein paar Schritte südwestlich des Lille Lungegårdsvannet, und ist mit den Bybanen problemlos zu erreichen – von der Endstation Byparken nur drei Minuten zu Fuß in Richtung Süden.
Apollon Platebar
Nygårdsgaten 2A
5015 Bergen
Norwegen

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