Neindorfer Krug
Neindorf
DEU

Kleine Perlen am Ende der Welt … Irgendwo im Niemandsland, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen, steht ein kleines Dorfgasthaus und braut sein eigenes Bier. Auf einer kleinen Anlage nur. Ach, was sage ich, auf einer winzigen Anlage. Eine winzige Anlage, die Brau-Eule von Brumas. Erdacht und konstruiert für Hausbrauer, die ihren persönlichen Ein-Personen-Bedarf damit decken können. Aber, und heute erlebe ich den Beweis, auch ein kleines Dorfgasthaus mit ausreichend Bier versorgen kann.

Ich rolle in der Nähe von Oschersleben über das Land und komme nach ein paar Kilometern auf sehr schmaler Straße nach Neindorf, einem kleinen Dörfchen, ein Ortsteil von Oschersleben. Mitten im Ortskern sehe ich den Neindorfer Krug. Allein die Bezeichnung Krug ist schon eine Reise in die Vergangenheit, zurück in Zeiten als „die Welt noch in Ordnung war“. Was zwar niemals stimmte, in Ordnung war sie nie, aber die Erinnerung verklärt immer, man verdrängt, was belastet, man erinnert, was fröhlich stimmt, und schon spricht man von ihnen, schwärmt von „den guten alten Zeiten, als die Welt noch in Ordnung war“.

Nebenan ein Dorfplatz mit Bushaltestelle und Parkmöglichkeiten. Ich stelle das Auto ab und gehe auf den Neindorfer Krug zu. Das Wirtshausschild ein Rebus. Oben steht Brauhaus Neindorfer Krug, darunter sieht man zwei Hähne, dazwischen ein kleines „e“. Hehne statt Hähne. Hehne Bräu Neindorf, also. Benannt nach dem Besitzer, Utz Hehne.

Ich schaue auf den Aushang. Geöffnet ab 12:00 Uhr. Es ist zwanzig nach zwölf. Es ist dunkel drinnen, ich drücke zögernd die Tür auf, und da kommt mir Utz Hehne auch schon entgegen. Das Feuer im Herd brennt bereits, die winzige Gaststube wärmt sich langsam auf. Der Haushund räkelt sich vor dem Feuer, gähnt mich an, lässt es sich gut gehen.

Mit einem kleinen Glas Schwarzbier, frisch eingeschenkt, setze ich mich an einen Tisch direkt am Fenster. Eine meterdicke Mauer trennt mich von der Straße. Uralte, solide Bauweise. „Ich glaube, das war mal eine alte Pferdewechselstation“, klärt mich Hehne auf, der mit frisch gebratenen Spiegeleiern auf einem dicken Schinkenbrot aus der Küche zurückkommt. „Die Größe der Tore, der Zuschnitt, alles deutet darauf hin. Genau weiß ich es allerdings auch nicht.“ Fest steht lediglich: Dieses Gebäude ist uralt. Gewaltige Holzbalken tragen die Decke, die Mauern aus Sandstein sind für die Ewigkeit gebaut, das obere Stockwerk ist aus solidem Fachwerk aufgesetzt.

Die Gaststube ist renoviert, aber schlicht und einfach geblieben. Keine übermäßige Dekoration, wie sie in Touristenfallen manchmal üblich ist, sondern solide und zweckmäßig. Noch bin ich der einzige Gast, und es ist genug Zeit, mit dem Wirt zu erzählen. Er steht an der Theke, schält einen Berg Kartoffeln, ich sitze bei meinem Schwarzbier und frage ihm Löcher in den Bauch.

MiniaturSeit zehn Jahren braue er hier, erzählt Hehne, auf einer winzigen Anlage, der Brau-Eule, die im Nebenraum steht. So etwa einmal die Woche. Der Neindorfer Krug ist ja nur eine winzige Gastwirtschaft, und Neindorf auch keine Großstadt, und so würde das meistens auch ausreichen. Neben dem Schwarzbier gibt es ein Helles, und was sehr gerne getrunken würde, das sei auch sein Weißbier, allerdings mit einem kräftigen Schuss Himbeersirup als Himbeerweiße.

Wie in Hobbybrauerkreisen üblich, füllt Hehne seine Biere in 18 Liter fassende Cola-KEGs. Bis zu fünf Stück könne er gleichzeitig an den Hahn bringen, aber das lohne sich nur im Sommer, bei warmem Wetter, wenn die Gäste auch im Biergarten säßen und ordentlich Durst mitbringen würden. Dann würde es auch schon manchmal knapp mit seiner Braukapazität. Die Gäste machten ihn dann darauf aufmerksam, dass das helle Pilsener noch ein wenig jung schmecke. Aber sie tränken es trotzdem, wüssten ja um die geringe Kapazität seiner Brauerei.

Aber nach zehn Jahren ist es vielleicht doch Zeit, die winzige Brau-Eule durch etwas Größeres zu ersetzen, und so hat sich Hehne in Italien eine 100-l-Anlage mit automatischem Rührwerk bestellt. Immer noch kein Profi-Sudwerk, immer noch eine Konstruktion, die eher für Hobbybrauer gedacht ist, aber durch die größeren Sude und durch das automatische Rührwerk wird das Brauen dann doch etwas effizienter. Schließlich betreibt Hehne den Neindorfer Krug ganz allein. Brauen, Kochen, Zapfen, Servieren und Kassieren.

Im kleinen Ein-Mann-Betrieb bleibt sogar noch Zeit für Brauseminare. Für gerade mal achtzehn Euro kann man ein solches Seminar buchen, Bierverkostung und Mittagessen sind inbegriffen. Einen ganzen Tag lang darf man Hehne beim Brauen über die Schulter gucken, selbst Hand anlegen, etwas über das Brauen lernen und sich nützlich machen. „Ich braue auch mit nur einem Gast“, sagt Hehne und schreibt das auch deutlich auf seine Website.

Ständig ist etwas zu tun, aber Hehne lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Die Kartoffeln sind fertig geschält, kommen auf den Herd. Ein frisches Holzscheit kommt in den Ofen, nebenbei werden ein paar Schachteln Zigaretten an Laufkundschaft verkauft. „Ich mache auch Himbeergeist selbst“, erzählt Hehne zwischendurch und holt eine winzige Destille aus dem Nebenraum. „Dafür brauche ich kein Brennrecht, ich nehme ja fertigen und bereits versteuerten Alkohol, und den destilliere ich dann durch die Früchte ab, dabei nimmt er das Aroma auf. Schmeckt hervorragend.“ Dankend lehne ich eine Kostprobe ab, ich muss noch fahren. „Und wenn es ab 2018 mit dem Brennrecht klappt, dann werde ich auch eigenen Alkohol produzieren. Mein Traum ist es, eigenen Whisky herzustellen“, heißt es weiter.

Hehne geht in der Arbeit in dieser winzigen Dorfgaststätte völlig auf. So viele Ideen, so viele Pläne. Aber auch so viel Arbeit. Stress scheint ihm das nicht zu bereiten. Entspannt und in sich ruhend wirkt Hehne. Er weiß, was er tut. Und dass er was kann. Sein Schwarzbier ist der Beweis. Fruchtig und süßlich, vollmundig und malzig. Gerne hätte ich mehr davon getrunken oder die anderen Sorten ebenfalls verkostet. Feines Bier. Nichts Exotisches, aber solide regionale Braukunst. So regional, wie sie nur sein kann. Erhältlich nur hier, irgendwo im Nirgendwo, im winzigen Neindorfer Krug.

Der Neindorfer Krug ist täglich ab 12:00 Uhr durchgehend geöffnet; montags ist Ruhetag. Brauseminare werden nach Absprache organisiert; keine Mindestteilnehmerzahl. Utz Hehne bietet auch ein Appartement und eine Ferienwohnung für bis zu sieben Personen an. Neindorf ist sinnvoll nur mit dem Auto zu erreichen; Parkmöglichkeit besteht direkt neben der Gastwirtschaft.

Bilder

Neindorfer Krug
Hauptstraße 3
OT Neindorf
39 387 Oschersleben
Sachsen-Anhalt
Deutschland

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