„Die Lidl-Plörre kannst Du doch nicht trinken!“
Online-Verkostung mit den Hausbrauern Nassauer Land

Seit dem 10. Mai 2021 hat Lidl mal wieder eine recht umfangreiche Auswahl an kreativen internationalen Bieren im Angebot. Seit ein paar Jahren versucht der Discounter, sich der sogenannten Craftbierrevolution zu bedienen, um seine Umsätze zu steigern. Biere aus verschiedenen Ländern, Stile, die in Deutschland noch weitgehend unbekannt sind, exotisch wirkende Markennamen und Etiketten.

Die Reaktionen im Netz sind vorhersehbar. Die dominierende Rolle der Discounter in der Lebensmittelindustrie wird wahlweise verdammt („Bei Lidl kauft ein umweltbewusster und sozial eingestellter Bürger nicht!“) oder gepriesen („Die Geringverdiener können sich das sonst nicht leisten!“). Oder es wird das Angebot schon im Vorhinein niedergemacht. „Die Lidl-Plörre kannst Du doch nicht trinken!“, hieß es schon einige Tage, bevor die Biere überhaupt im Angebot waren – eine Wertung, die noch nicht einmal auf anekdotischer Evidenz beruhen konnte.

Lidl selbst hat sich auch nicht gerade pfiffig angestellt, als der Konzern im Werbeprospekt versuchte, den Begriff India Pale Ale, der eigentlich als Eigenname für den Bierstil unübersetzbar ist, mit Gewalt ins Deutsche zu übertragen: „Indisches Helles Bier“. Letzteres würde die Verbrauchererwartungen aber eher in Richtung eines (fiktiven?) Kingfisher Lite lenken, als den Bierliebhaber an ein kräftig gehopftes und etwas alkoholstärkeres Obergäriges denken zu lassen. Meine diesbezügliche Lästerei hat denn auch ein Echo in den sozialen Medien gefunden und es bis in den Online-Auftritt der tz geschafft.

der kurze Artikel im Online-Auftritt der tz


Der 10. Mai kam, und die Ausgangsfrage war nach wie vor offen: Wie gut wird dieses extrem günstig angebotene Bier denn diesmal sein?

Die Hausbrauer Nassauer Land, denen ich mich noch immer eng verbunden fühle, obwohl ich schon seit vielen Jahren nicht mehr im Raum Rhein-Lahn wohne, machen in einem Online-Treffen die Probe auf’s Exempel und verkosten stellvertretend für das ganze Angebot fünf der Aktionsbiere.

Online-Treffen der Hausbrauer Nassauer Land

Den Auftakt macht das Irish Lager der Marke The Crafty Brewing Co., die zur Rye River Brewing Company gehört. Das Bier hat 5,0%, ist mit den Malzsorten Pilsner und Carapils sowie den Hopfensorten Herkules, Hersbrucker und Tradition gebraut und durch sogenanntes Late Hopping soll es einen besonderen Charakter bekommen. Laut Flaschenetikett ist es klar.

Irish Lager

Im Glas steht es mit einer goldgelben Farbe und … ist ganz leicht trüb. Ein vorsichtiger Blick in die noch nicht ganz geleerte Flasche: Es hat sich ein feiner Bodensatz gebildet. Von wegen „klar“ … Der weiße Schaum ist nicht sehr üppig und hält auch nicht allzu lang. Die Nase erschnuppert statt der erhofften kräuterigen Hopfennoten einen leichten Alterungsgeschmack. Etwas nasser Karton, etwas dumpfe Grundnoten. Nicht sehr stark, aber doch eindeutig in Richtung Alterung und Oxidation weisend. Der Geschmack passt dazu. Eine leichte Restsüße, eine ausgeprägte, breite, fast schon kratzige und lang nachhängende Bittere machen das Trinken nicht zu einem Genuss, sondern eher zu einer Pflichtübung. Wir sind enttäuscht, und auch wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum mit Januar 2022 noch in ferner Zukunft liegt, haben wir den Eindruck, dass dieses Bier überlagert ist.


Also doch „Plörre, die man nicht trinken kann“? Wir sind uns einig: Wer mit diesem Bier die Verkostung beginnt, wird mit Vorurteilen zu kämpfen haben, wenn es um weitere Biere aus dieser Brauerei geht.

Trotzdem: Es folgt das Irish Pale Ale mit 4,5% Alkohol aus dem gleichen Haus. Erneut vom Label The Crafty Brewing Co., der Marke, die die Rye River Brewing Company ausschließlich für ihre speziell für Lidl hergestellten Biere verwendet. Die verwendeten Malzsorten sind Melanoidin Light, Pale Malt, Vienna Malt, Wheat und Munich Malt, die Hopfensorten Columbus, Ella und Simcoe. Der Ella wird zum Hopfenstopfen verwendet.

Irish Pale Ale

Wir werden positiv überrascht: Optisch unterscheidet sich das Pale Ale zwar nicht vom Lager, es ist ebenfalls goldgelb und leicht trüb, aber hier ist die Trübe Programm, denn das Bier ist ungefiltert. Der Schaum ist sehr üppig, schön weiß und hält sehr lang. Die Nase erschnuppert kräftige Grapefruitnoten, dahinter schön süßliche Ananas. Der Geschmack ist kompakt, die Bittere ist sauber und zurückhaltend, und sie hinterlässt einen dezent trockenen Gaumen, der Lust auf den nächsten Schluck macht. Retronasal kommen ein paar Terpene und Kiefernadelaromen zum Vorschein. Ein sehr schönes Bier mit hoher Durchtrinkbarkeit. Sowohl Alkoholgehalt als auch Bittere bewegen sich am unteren Rand dessen, was wir von einem Pale Ale erwartet haben, aber wir sind dennoch hochzufrieden.


Also, über Bord mit den Vorurteilen gegenüber den „Billigbieren“, und vor allem über Bord mit der Aussage „für den Preis ist es gut“ – denn letzteres wirft sofort die Fragen auf: Würde das Bier denn schlechter schmecken, wenn es fünfzig Cent mehr kostet? Oder noch besser, wenn es zwanzig Cent weniger kostet? Wäre jedes Bier ausgezeichnet, vorausgesetzt, es ist umsonst? Müssen wir in Zukunft Blindverkostungen bezüglich des Preises machen? Oder umgekehrt: Sollen wir Fake-Preisschilder mit exorbitanten Preisen auf dem Kronkorken platzieren, um bei der Verkostung besser abzuschneiden?

Ach, je, zum Glück steht das nächste Bier an und erstickt eventuell aufkommende Diskussionen im Keim. Und zwar das Irish IPA, der große Bruder des Pale Ale. 6,0% Alkohol (und damit im Alkohol ebenso zurückhaltend für seinen Stil wie das Pale Ale), gebraut aus Caramalt und Pale Malt und gehopft mit Chinook, Columbus, Simcoe und Vic Secret.

Irish IPA

Leicht trüb und mit goldgelber Farbe entwickelt dieses Bier nicht ganz so viel Schaum wie der Vorgänger, trotzdem aber ist es schön anzusehen. Der Geruch ist weniger komplex, es dominierten eindeutige Ananasnoten, die das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. Ebendort, im Mund nämlich, machen sich dann beim Schluck weitere Fruchtaromen breit, etwas Aprikose kommt retronasal hinzu, und der Gesamteindruck gefällt aufgrund einer neben der Bittere deutlicher spürbaren Restsüße. Lediglich nach dem Schluck wird es etwas unharmonisch, wenn die Bittere sich zu breit macht und etwas zu lange nachhängt. Kein schlechtes Bier, aber so toll wie das Pale Ale ist es nicht.


Wir haben eigentlich viel zu schnell verkostet – nach einem langen Tag hatten wir wohl alle zu viel Durst. So sind wir mittlerweile auch schon beim vierten und letzten Bier für heute angelangt. Ebenfalls aus dem Lidl-Angebot, aber diesmal nicht aus dem Portfolio der Rye River Brewing Company, sondern stattdessen aus Belgien, von der Brouwerij Van Steenberge. Piraat Triple Hop – Dry Hopped Ale nennt sich dieses Bier, wartet mit gewaltigen 10,5% Alkohol auf und ist laut Beschreibung der Brauerei mit insgesamt vier verschiedenen Hopfensorten gebraut, die jedes Jahr wechseln, und zwar in Abhängigkeit von ihrer Verfügbarkeit. Das Triple bezieht sich also nicht auf die Anzahl der Hopfensorten, sondern auf den Basis-Bierstil – wobei sich die Brauerei da aber auch auf künstlerische Freiheit beruft, denn mit 10,5% liegt dieses Bier jenseits der für diesen Stil üblichen oberen Alkoholgrenze.

Piraat Triple Hop – Dry Hopped Ale

Das Bier ist leuchtend goldgelb und fast klar. Der Schaum hält sich sehr zurück. Die Nase erschnuppert phenolische Aromen, wie sie für viele belgische Hefen und insbesondere für Biere des Stils Saison oder Farmhouse Ale typisch sind. Der Geschmack ist über einer erstaunlich deutlichen Grundsüße sehr komplex, viele Ester sind zu spüren und auch ein paar höhere Alkohole. Erstaunlich ist, dass trotz der vielen Hopfensorten kaum Bittere zu spüren ist und sich auch die klassischen Hopfenaromen (Früchte, Kräuter, Heu) sehr zurückhalten. Stattdessen immer wieder Ester und Alkohole, auch und besonders retronasal. Trotzdem ein sehr schönes Bier, wenn auch ganz anders als erwartet.


Damit haben wir unsere geplante Verkostung beendet, aber irgendwie ist es noch zu früh, das Online-Treffen zu beenden. Gesprächsstoff gibt es noch genug, der Durst ist irgendwie auch noch da. Und wie es der Zufall will: Wir haben natürlich fast alle noch das eine oder andere Bier der Rye River Brewing Company im Kühlschrank – es gab beim Lidl ja mehr als drei Biere von denen im Angebot.

So folgt zu guter Letzt also noch das Irish Red Ale, ein leichtes Bier mit gerade mal 4,1% Alkohol. Da kommen wir gar nicht in Versuchung, übermütig zu werden. Nur eine Hopfensorte ist hier verbraut, und zwar Columbus. Und das auch noch sehr zurückhaltend. Das Bier lebt von seiner Malzmischung: Melanoidin 60-80, Special W, Torrefied Barley, Pilsner Malt und Munich Malt, so lautet die beeindruckende Mischung. Neugierig schenken wir uns dieses nun aber wirklich letzte Bier ein.

Irish Red Ale

Obwohl es auf dem Bild vor dem weißen Hintergrund ganz anders aussieht, hat das Bier eine schöne rotbraune Farbe. Es ist klar und bildet nur wenig Schaum aus, der rasch wieder in sich zusammenfällt. Der Geruch ist intensiv melanoidinig, und auf der Zunge erweist sich das Bier als sehr vollmundig, jedoch ohne zu mastig zu sein. Sonst sind Rotbiere oft sehr sättigend, aber dieses hier ist schön schlank. Ein ausgeprägter Gegensatz zum intensiven Geruch. Eine gewisse Janusköpfigkeit – extrem intensiver Duft, sehr schlanker und zurückhaltender Geschmack. Trotzdem schön und gut trinkbar.


Wir ziehen unser Fazit: Die Lidl-Biere sind sicherlich nicht ganz oben an der Spitze anzusiedeln, aber schlecht sind sie auch nicht. Das Lager ganz zu Beginn war enttäuschend, aber die anderen vier Biere sind solide Mittelklasse und teilweise, im Fall des Pale Ales, auch darüber hinaus.

„Die Lidl-Plörre kannst Du doch trinken!“

Eine ganz andere Frage ist es, ob man einen Discounter unterstützen möchte, ob der Preisdruck, der durch dieses Angebot entsteht, den kleinen kreativen Brauern schaden könnte, oder ob dieses Angebot nicht eher eine sich öffnende Tür sein könnte. Eine Tür, die den Otto Normalbiertrinker, wenn er sie denn durchschreitet, behutsam in ein anderes Geschmacksuniversum führt und ihm sensorische Welten erschließt, die er sonst vielleicht nicht kennengelernt hätte.

Wer weiß.

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