Das Buch enthält genau das, was der Titel verspricht: Strange Tales of Ale – Merkwürdige Geschichten vom Ale. Nicht mehr und nicht weniger.

Martyn Cornell
Strange Tales of Ale
Martyn Cornell hat eine Menge Anekdoten zusammengetragen, aber eben nicht nur das: Es sind tiefgründige Anekdoten mit teils ewig langer Historie, und Martyn hat sie einem Faktencheck unterzogen, und zwar in einer Gründlichkeit, dass man als Leser nur staunen kann. Er muss monatelang in Archiven gegraben, Bücher gewälzt und Quellen studiert haben. Faszinierend.
Allein schon das – mit fünfundzwanzig Seiten zugegebenermaßen extrem lange – Kapitel „Words for Beer“ geht auf fünfzehn Seiten auf den Ursprung der wichtigsten Bezeichnungen für Bier (Bier, Ale, Cerveza, Piwo) ein, räumt mit Hingabe mit vorschnellen und vorurteilsbehafteten Interpretationen nur oberflächlich naheliegender Wortverwandtschaften auf und wandert in der Etymologie so lange rückwärts, bis dem Leser Zeit und Raum fast schon vor Augen verschwimmen.
Aber nicht alle merkwürdigen Geschichten sind so lang und komplex. Manche sind kurz, prägnant und unterhaltsam, manche allerdings auch tragisch, so wie die Geschichte von der Bierflut in London „The Great London Beer Flood“, bei der am 17. Oktober 1814 in der Henry Meux’s Horseshoe Brewery nach dem Platzen eines gigantischen Lagerfasses acht Menschen entweder direkt in den Bierfluten ertranken oder Folge der Zerstörungen umkamen.
Interessant die Geschichte rund um die typischen Gläser in englischen Pubs. Ich wusste beispielsweise vorher nicht, dass die Nonic-Gläser (von „no nick“ – „keine Scharte“) noch gar nicht so lange verbreitet sind, sondern dass vorher die Dimple Beer Mugs viel beliebter waren, unter anderem weil sie robuster und viel billiger in der (auch damals schon chinesischen) Herstellung waren.
Starke Trinker werden beschrieben (Major Gahagan soll in Indien eine Art Strichliste über seinen Bierkonsum geführt haben und während seines ersten Jahrs in Bengalen allein vom klassischen Pale Ale zweihundertundvierunddreißig Dutzend getrunken haben – immerhin zweitausendachthundertundacht Pint!), Rough Pubs (in denen es in der Tat rustikal bis aggressiv zuging und zugeht) gepriesen und ein Cider gelobt, der so viel besser als alle vorhergehenden Sude geschmeckt haben soll und von den Konsumenten so lange gelobt worden sein soll, bis man im zur Neige gehenden Fass eine tote Ratte fand, die offensichtlich mitvergoren worden war …

Varieties of British Bar
Mich persönlich spricht das Kapitel „The Shadow History of Sessionability“ besonders an, ist doch die Durchtrinkbarkeit von Bieren für mich immer eine ganz besondere, eine wichtige Eigenschaft – sieben interessante Seiten, in denen Martyn zu dem Schluss kommt, dass es nicht (nur) der niedrige Alkoholgehalt eines Biers ist, der es durchtrinkbar, sessionable, macht, sondern dass viele Faktoren hineinspielen und zusammenpassen müssen, bis man von einem Bier den ganzen Abend (oder Nachmittag) lang ein Pint nach dem anderen trinken kann, ohne dessen überdrüssig zu werden.
Zugegeben: Das Buch kommt ein bisschen bieder daher. Ein altbackenes Design, viel Text und wenig Bilder in altmodischem Schriftsatz auf rauem, schnell vergilbendem Papier. Das Exemplar, das ich antiquarisch erworben habe, ist gerade einmal neun Jahre alt, aber schon ziemlich verfärbt.
Egal, was soll’s: Der Inhalt zählt, und der ist kurzweilig!
Lesenswert!
Martyn Cornell:
Strange Tales of Ale
Amberley Publishing
Stroud, 2015
ISBN 978-1-4456-4797-5

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