Rund dreihundertdreißig Seiten Anleitung, um Bier zu verkosten – das meiste davon Stilbeschreibungen. Wer soll so etwas eigentlich lesen? Das muss doch ähnlich langweilig sein, wie das Telefonbuch von Moskau zu studieren, oder? Und noch dazu auf Polnisch …
Nee, weit gefehlt.
Zugegeben, zu Anfang habe ich auch überlegt: Das ist bestimmt ein Buch, das ich mal durchblättere und dann mehr oder weniger ungelesen in meine Bier-Bibliothek stelle. Dem Sammeltrieb gehuldigt, und das war es dann.

Jurek Gibadło:
Wybierz sobie piwo – Przewodnik po stylach piwnych
Tja, und dann habe ich begonnen, es zu lesen. Erst mal die Einleitung, mit der der erste Teil des Buches „Jak oceniamy piwo?“ – „Wie bewerten wir ein Bier?“ beginnt. Rund siebzig Seiten, auf denen dargestellt wird, dass Bier mehr als nur ein blonder oder goldener Erfrischungstrunk ist, sondern viel komplexer sein kann. Und ist.
Parameter werden beschrieben, und zwar ganz systematisch: Was riechen wir da eigentlich? Was schmecken wir da eigentlich? Denn das Verkosten ist eigentlich nicht wirklich schwer, wenn wir die richtigen Vokabeln haben. Riechen und schmecken kann jeder, aber einen Geruch oder einen Geschmack so zu beschreiben, dass man ihn jemand anderem beschreiben und vermitteln kann – das haben wir alle nicht gelernt. Weil uns die dazu passenden Worte fehlen. Oder der Mut, einfach mal was blumig zu umschreiben.
Wie man das macht, das erklärt Jurek Gibadło, der übrigens als Jerry Brewery einen hervorragenden Bierblog schreibt, flüssig, eingängig und unterhaltsam. So, als stünde er in fröhlicher Runde und würde alles einfach mal so erzählen.
Ruckzuck habe ich mich festgelesen und die ersten siebzig Seiten ruckzuck durch. Ein paar spannende Interviews mit polnischen Craftbier-Größen (Marek Kamiński, Magdalena Bergmann, Mateusz Puślecki und Michał Kopik) lockern diesen Abschnitt zusätzlich auf, und mit Begeisterung lese ich deren Statements.

typischer Aufbau der Abschnitte im zweiten Teil des Buchs
Jetzt kommt aber der zweite Teil des Buchs. Zweihundertfünfzig Seiten Stilbeschreibungen. Nach Ländern und Regionen geordnet, in denen diese Stile historisch entstanden sind oder in denen sie eine besondere Rolle spielen. Immer nach dem gleichen Schema:
- Die Überschrift: Wie heißt der Stil?
- Ein Infokasten mit technischen Parametern und einer groben Einordnung: „der Stil in drei Stichworten“, „Du liebst diesen Stil, wenn …“ und „kommerziell gebraute Beispiele“.
- Eine kurze Beschreibung zur historischen Genese des Stils.
- Die Sensorik, also der Geschmack und Geruch.
- Die Rohstoffe.
Jetzt besteht die Gefahr, dass es langweilig werden könnte, oder?
Nee. Natürlich, der Infokasten ist auf die Parameter fokussiert, aber schon die drei Stichworte und die ein, zwei Sätze „Du liebst diesen Stil, wenn …“ sind humorig und oft überraschend geschrieben, und wenn Jurek dann die Historie beschreibt, mit liebevoll kritischem Blick, mit Anspielungen, Wortwitz und Blicken über den Tellerrand, dann wird aus einem Nachschlagewerk plötzlich eine interessante Lektüre, die sich tatsächlich hintereinander weg lesen lässt.
Klasse. Ich bin begeistert. Ist mir nicht oft passiert, dass ich an ein Buch „mit langen Zähnen“ herangegangen bin und dann so positiv überrascht wurde.
Kannst Du Polnisch? Wenn ja: Kaufempfehlung!
(Und: Nein, Jurek bezahlt mich nicht für diesen letzten Absatz. Er weiß nicht einmal, dass ich ihn gerade schreibe …)
Jurek Gibadło: Wybierz sobie piwo – Przewodnik po stylach piwnych
Wydawnictwo Dragon Sp. z o.o.
Bielsko-Biała, 2021
ISBN 978-83-8172-899-7

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