Die Sonne scheint, es ist wenig Verkehr, und ruhig gleiten wir über die Nebensträßchen Belgiens. Klein und immer kleiner werden die Straßen; irgendwann endet sogar der Asphalt, und die Straße geht in einen Feldweg über. Aber das Navi behauptet unverdrossen und optimistisch, dass wir auf dem rechten Weg seien, also bleiben wir mal norddeutsch stur und fahren weiter.
Und da, tatsächlich: Hinter einer Kurve taucht ein alter Bauernhof vor uns auf. Ein kleiner Teich mit Enten und Gänsen, eine Pferdekoppel, und mittendrin ein Hinweisschild: Hof Ten Dormaal – Farm Brewery.
Von denen ist mir neulich ein Bier mit Chicorée untergekommen. Ein belgisches Tripel, verfeinert mit dem zartbitteren Geschmack der Gemeinen Wegwarte oder Zichorie, wie die Pflanze auch genannt wird. Oder Radiccio. Klingt südländischer und verkauft sich dann besser – wer will schon ein Bier mit Zichorie, aus deren Wurzeln man nach dem Krieg Ersatzkaffee, Muckefuck, gebrannt hat? In Belgien heißt Chicorée Witloof, und die Witloofsuppe gilt fast schon als Nationalgericht. Witloof, das Weiße Gold der Bauern.
Weißes Gold, White Gold, heißt auch das Chicorée-Bier, und es präsentiert sich spannend. Eigentlich eine schönes, komplexes Tripel mit feinen Fruchtaromen, blumigen Akzenten und an exotische Gewürze erinnernden Phenolen. Aber dann kommen neben den feinen Hopfennoten und der sanften Hopfenbittere an Zunge und Gaumen noch krautige Aromen hinzu die die Hopfenherbe mit einer erdigen, samtig weich bleibenden Bitternote ergänzen. Sehr, sehr spannend.
Genau dieses Bier war Grund genug, während der Rückreise von einer schönen Tour durch Belgien den Abstecher nach Haacht zu machen und mal zu schauen, wo dieses Bier entsteht.

überall dicke Ziegelmauern
Ein uralter Hof, dicke Ziegelmauern, riesige Bäume, die viel Schatten spenden, und ein sehr nett hergerichteter Innenhof. Auf der Ziegelmauer noch einmal ein Hinweisschild: Hof Ten Dormaal – Hoevebrouwerij.
Sehr schön könnte es hier sein, denken wir, ganz bewusst im Konjunktiv. Könnte, denn die Schilder enthalten auch den Verweis auf die Öffnungszeiten, die im Internet zu finden seien. Und die harmonieren nun leider überhaupt nicht mit unserer heutigen Reiseplanung. Wie schade.
Einmal mehr bleibt uns also nur, ein paar Bilder von außen zu machen, immerhin aber im Bewusstsein dessen, dass wir schon mal ein herrliches Bier aus der hiesigen Produktion getrunken haben.
Wir wollen gerade zum Auto zurückgehen, als ein Pärchen auf dem Rad vorbeikommt. Er ein Hüne, drollig im kunterbunten Hawaii-Hemd und dazu passenden Bermudashorts gekleidet, beides aber in Übergröße, so dass man locker ein quietschbuntes Zelt daraus bauen könnte. Sie eher zierlich, in klassischer Radlermontur. „Ob hier wohl geöffnet ist?“, fragt sie uns höflich und zurückhaltend, aber er ist schon vom Rad gestiegen und hat die Holztür zur Scheune aufgedrückt. „Schaut her“, posaunt er in ohrenbetäubender Lautstärke. „Der Taproom steht offen!“
Und schon verschwindet er im Innern. „Hallo! Haaaalloooo! HAAAAALLLLLOOOOOO!!!! Ist hier irgendwer?“, hören wir ihn, während wir drei im Eingangsbereich des Taprooms stehen bleiben. Ich mache dezent ein paar Bilder, und die Radfahrerin zuckt mit den Achseln. „So ist er. Kein Feingefühl, keine Zurückhaltung. Der geht jetzt bis in deren Bade- oder Schlafzimmer, um jemanden zu finden“, lacht sie.
Das Rufen wird etwas leiser, er scheint schon reicht weit in die hinteren Räume des Bauernhofs vorgedrungen zu sein. „Haaallllooo! Ach, da ist ja jemand! Sag mal, habt Ihr geöffnet???“
Für einen Moment wird es leiser. Ein paar Minuten später kommt er zurück. „Ich habe den Brauer gefunden, aber der arbeitet gerade. Wir sollen morgen wiederkommen, da sei geöffnet. Dann könnten wir Bier trinken, ein paar Flaschen zum Mitnehmen kaufen und vielleicht auch einen Blick auf die Brauerei werfen.“ Er zuckt die Achseln. „Dann halt bis morgen.“ Beide schwingen sich auf’s Rad und sausen davon.
Tja, diese Information hätte man auch ohne Geschrei bekommen können, denke ich. Im Internet stehen die Informationen nämlich genau so, wie Bussi Bär im Hawaii-Hemd sie auch vom Brauer bekommen hat: Morgen ist geöffnet.

Blick in den Taproom
Na, aber wir haben dank seiner wenigstens einen vorsichtigen Blick in den nicht verschlossenen Taproom werfen können. Immerhin.
Der Taproom und Flaschenverkauf der Brouwerij Hof Ten Dormaal ist sonnabends von 13:00 bis 17:00 Uhr geöffnet. Zu erreichen ist die abgelegene Brauerei nur mit eigenen Verkehrsmitteln – Auto oder Fahrrad.
Hof Ten Dormaal
Caubergstraat 2
3150 Haacht
Belgien

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