Řemeslný Pivovar Husar
Koválovice-Osíčany
CZE

Weit draußen, dort, wo das Land besonders ländlich ist und die Dörfer besonders dörflich sind. Dort, wo man nicht zufällig vorbeikommt, sondern nur, wenn man von der nahen Autobahn herunterfährt, die parallel verlaufende Landstraße ignoriert und auf kleinen, regionalen Sträßchen mindestens einmal mehr abbiegt, als man eigentlich vor hat. Dort kommt irgendwann das kleine Nest Koválovice, ein kleiner Weiler nur, etwas mehr als eine Handvoll Häuser. Der südlichste Zipfel des Olomützer Lands.

Mittendrin steht ein großes Gebäude mit unverputzten Ziegelwänden. Was in Norddeutschland völlig normal aussieht, fällt hier auf. Eigentlich sind in Mähren in den Dörfern alle Häuser verputzt und dann in Pastellfarben gestrichen, hunderte verschiedene Farbtöne, dezent oder weniger dezent, einige Fassaden sind auch einfach nur aschgrau verputzt. Aber schöne rote Ziegelmauern sieht man hier nur selten.

In deutlich kräftigerem Rot hängt eine große Tafel an der Mauer: Řemeslný Pivovar Husar, die handwerkliche Brauerei Husar.

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schöne, unverputzte Ziegelwände zieren die Řemeslný Pivovar Husar

Ziel erreicht. Ich trete auf die Bremse, drehe um und stelle mein Auto vor dem Gebäude ab. Durch die kleinen Fenster, hinter denen sich auch Wohnräume befinden könnten, wummert laute Musik; die Eingangstür ist verschlossen. Auf dem Klingelschild steht Pivovar, und neben der Tür hängt ein Zettel mit den Öffnungszeiten: Verkauf freitags, 09:00 bis 18:00 Uhr. Eigentlich müsste also geöffnet sein. Ich drücke auf den Klingelknopf, habe aber nicht viel Hoffnung. Wie soll bei der lauten Musik irgendjemand die Klingel hören…

Aber offensichtlich funktioniert es doch, vielleicht ist der Klingelknopf auch mit einem Lichtsignal verknüpft. Nach einem kurzen Moment verstummt die Musik, ich höre Schritte und dann öffnet sich die Tür. Vor mir steht einer der beiden Brauer. „Du möchtest bestimmt Bier kaufen, oder?“ Ich nicke, und er bittet mich herein.

Wir betreten einen großen Raum, eine Halle fast. Der Innenraum des Gebäudes ist offensichtlich entkernt worden. Statt, wie die kleinen Fenster andeuten, mehrerer kleiner Räume gibt es hier nur noch zwei große Räume und zwei, drei kleinere nach hinten raus. Direkt hinter dem Eingang steht rechter Hand das Sudwerk. Ein gewaltiges Ding!

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15 hl – für eine Dorfbrauerei eine beeindruckende Größe!

Linker Hand ein winziger Verkaufstresen, darauf ein paar Prospekte mit Informationen zum Bier und zwei Fässer. Daneben der Kühlschrank. Wie fast überall in Tschechien werden die ganz frisch abgefüllten Biere in braunen PET-Flaschen verkauft. Keine Verpackung, um die Biere lange lagern zu können, sondern eher eine, um das Bier mitzunehmen und innerhalb von zwei, drei Tagen zu trinken. Und um keine Probleme mit dem Leergut zu haben.

Anstelle, dass ich mir im Kühlschrank nun ein paar Biere aussuche, stehe ich vor dem Sudwerk und mache große Augen. Der Brauer tippt mir auf die Schulter. „Möchtest Du Dir die Brauerei etwas genauer ansehen?“ fragt er, und meine Antwort ist natürlich klar. „Fünfzehn Hektoliter können wir hier mit einem Sud brauen“, erzählt er und zeigt mir das Zwei-Geräte-Sudwerk. Schlicht und zweckmäßig, simpel aufgebaut, ohne Schnickschnack. Alles aus Stahl, leicht zu reinigen, robust, wenn auch wenig dekorativ. Aber es ist ja auch keine Gasthausbrauerei, sondern eine reine Produktionsstätte.

Wir gehen in den zweiten großen Raum, direkt hinter dem Sudwerk. Zwei große offene Gärbottiche stehen hier, beide bis zum Rand mit glasklarem Wasser gefüllt. „Ich habe gerade alles gereinigt und desinfiziert“, heißt es, „da gibt es dann natürlich keine schönen Kräusen zu sehen.“ Aber es ist auch so interessant. Das Wasser steht bis exakt an die Oberkante der Bottiche, keine Welle, kein Staubkörnchen stört seine makellose Oberfläche. Ein fast perfekter Spiegel.

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die Gärbottiche und Lagertanks

Neben den Gärtanks stehen sechs Lagertanks. Klassische Konstruktionen. Sowohl Gär- wie auch Lagertanks fassen jeweils 30 hl, es wird also immer ein Doppelsud gefahren, um einen Tank zu füllen. „Viel Möglichkeiten für Experimente gibt uns das nicht. Sollte ein besonderes Bier einmal bei den Kunden nicht so gut ankommen, sind 3000 l viel zu viel, um es rasch genug zu verkaufen. Daher beschränken wir uns auf klassische Sorten. Wir haben zwei helle Lagerbiere, eines mit 11° und eines mit 12° Stammwürze, dazu ein bernsteinfarbenes Halbdunkel mit 13°, also nach tschechischer Kategorisierung ein Spezial. Dazu kommt dann ab und zu noch mal ein stärkeres 14-grädiges mit Honig oder ein India Pale Ale, ebenfalls mit 14°. Die beiden sind dann unsere Saisonbiere, die wir unter dem Namen Husarský Kousek vermarkten, Husarenstück.“

Er plappert munter in Tschechisch vor sich hin, während ich ihm auf Englisch antworte. Beide sprechen wir die Sprache des jeweils anderen nicht, verstehen aber etwas, und so erfahre ich noch einiges mehr über die Brauerei. Zusammen mit seinem Schwager habe er sie 2015 eröffnet, im Herbst, sie sei jetzt also gerade zwei Jahre alt. Die Bier kämen gut an, in der Region würden sich die 50-l-Fässer in der Gastronomie und bei größeren Festen gut verkaufen, und freitags wäre ja immer Rampenverkauf, da ginge einiges an den großen 1,5-l-PET-Flaschen über den Ladentisch.

Er selber sei Geodät und, wie sein Schwager, kein Brauer, und so habe man für das erste Betriebsjahr einen Brauer angestellt, der die Biere hier eingebraut habe. Aber sie hätten ihm immer sorgfältig über die Schulter geschaut und nach einem Jahr das Brauen selbst übernommen; der Brauer sei nicht mehr in der Brauerei Husar beschäftigt.

„Und die Qualität? Wie hat die sich nach dem Wechsel entwickelt?“, möchte ich wissen. Er muss grinsen. „Sie wurde besser statt schlechter! Im Gegensatz zu unserem angestellten Brauer sind wir zwei nämlich mit ganzem Herzen dabei, arbeiten genauer und sorgfältiger, und das schmeckt man! Auch wenn wir keine gelernten Brauer sind, aber unsere Biere sind ausgezeichnet!“ In seiner Stimme schwingt viel Stolz mit.

Ich sehe mir noch die Schrotmühle und das Malzlager an, und dann gehen wir zurück zum kleinen Verkaufstresen. Ganz früher sei in diesem Gebäude mal eine Bahnhofswirtschaft gewesen, aber die Bahnlinie sei schon lange stillgelegt, erfahre ich. Danach habe man hier den Dorfladen betrieben, und alles sei ziemlich heruntergekommen und verfallen gewesen, als sie es vor zwei Jahren übernommen und hergerichtet haben.

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Rampenverkauf

Spuren der Vergangenheit sieht man kaum noch, stelle ich fest und wende mich nun endlich dem Kühlschrank zu. Saisonbiere gibt es derzeit keine, und so nehme ich je eine Flasche 11°, 12° und 13° mit – gute und sehr solide, süffige Biere, wie sich in den nächsten Tagen herausstellen soll. Ohne Fisimatenten, einfach nur schöne Alltagsbiere. Handwerklich gut gemacht, ohne Geschmacksfehler, leckere Durstlöscher für schöne Sommerabende.

Eine noch junge, kleine und abgelegene Brauerei mit einem überraschend großen Sudwerk. Aber offensichtlich ein gut durchdachtes Geschäftsmodell, denn der Brauer wirkt mit sich und der Welt zufrieden, wie er mir so seine Brauerei zeigt und ihre Geschichte erzählt. Nur ich, ich bin nicht zufrieden, habe ich meinen netten Führer durch die Brauerei doch zwar nach seinem Namen gefragt, ihn aber … glatt wieder vergessen. Sind das erste Alterserscheinungen? Die gemütliche Fahrt wieder zurück nachhause gibt mir genug Gelegenheit, darüber nachzudenken…

Die Řemeslný Pivovar Husar ist 2015 als reiner Produktionsbetrieb gegründet worden. Auf dem 15-hl-Sudwerk sollen jährlich bis zu 2000 hl in offener Gärung hergestellt werden. Der Rampenverkauf findet jeden Freitag von 09:00 bis 18:00 Uhr statt. Zu erreichen ist die Brauerei eigentlich nur mit dem Auto; man kann direkt vor der Tür parken.

Bilder

Řemeslný Pivovar Husar
Koválovice 57
798 29 Koválovice-Osíčany
Tschechien

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